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Kindermörder Dutroux
Belgiens meistgehasster Verbrecher will aus dem Knast
VideoBelgischer Kindermörder will Freilassung
VideoEhefrau von Dutroux darf ins Kloster
Freiheit statt lebenslang - zur Not mit elektronischer Fußfessel. Der verurteilte Mörder und Vergewaltiger kämpft für seine vorzeitige Entlassung. Die erste gerichtliche Anhörung fand am Montag in Brüssel hinter verschlossenen Türen statt. Dutroux' Chancen sind gering: Selbst sein Arzt glaubt nicht, dass er sich geändert hat.
Eine Polizei-Eskorte im Morgengrauen, Stacheldraht und Metalldetektoren: Wenn der Schwerverbrecher Marc Dutroux seine Zelle verlässt, gilt in Belgien die höchste Sicherheitsstufe. Der verurteilte Mörder durfte für ein paar Stunden das Gefängnis mit einem Saal im Brüsseler Justizpalast tauschen. Belgiens Krimineller Nummer eins kämpft vor Gericht für seine vorzeitige Entlassung aus der Haft. 2004 als Mörder mehrerer Mädchen zu lebenslang verurteilt, hat Dutroux niemals die Hoffnung aufgegeben, doch wieder auf freien Fuß zu kommen.Polizeigroßaufgebot und StacheldrahtDer Mann, der laut Gerichtsurteil ein Psychopath ist, blieb der Öffentlichkeit aber verborgen. Dutroux betrat den Sitzungssaal 014 durch einen Hintereingang. Polizisten in schusssicheren Westen hatten ihn am frühen Morgen aus dem 25 Kilometer entfernten Nivelles abgeholt. Im Justizpalast schlossen die Beamten Ausgänge und sperrten Flure mit Stacheldraht ab. Die Vorsicht ist angebracht: 1998 gelang Dutroux bei einem Gerichtstermin in Neufchâteau die Flucht, erst Stunden später spürten Fahnder ihn in einem Waldstück auf.Vor dem Justizpalast blieb es am Montag erstaunlich ruhig. Nur wenige Demonstranten hielten Schilder hoch mit der Aufschrift: "Hängt die Pädophilen" und "Dutroux muss im Knast bleiben". Die Affäre Dutroux erschüttert Belgien seit Jahrzehnten. Sechs Mädchen entführte Dutroux in den 90er Jahren, folterte und vergewaltigte sie, vier starben. Und auch heute noch erregt sein Antrag die Gemüter. "Es ist mal wieder eine der Provokationen, die er so liebt", schrieb die Zeitung "La Libre Belgique". Und "Le Soir" meinte: "Dutroux auf freiem Fuß: Diese Idee stammt aus dem Reich der Fiktion und kollektiven Fantasie.""Kokon im Kopf"In der Tat schließen Juristen eine baldige Freilassung Dutroux aus. Der Mann erfülle keine der notwendigen Vorbedingungen, heißt es. Denn Dutroux müsste per Gutachten belegen, dass von ihm, dem mehrfachen Mörder, keine Gefahr mehr ausgeht. Zudem müsste er einen Aufenthaltsort sowie eine Beschäftigung vorweisen.Dass Dutroux sich wirklich geändert hat, bestreitet selbst sein Arzt Michel Matagne, der demnächst ein Buch über seinen Patienten veröffentlichen will. Matagne sagte belgischen Medien: "Dutroux hat sich seit seiner Jugend in seinem Kopf einen Kokon geschaffen mit seiner eigenen Wahrheit - und darin lebt er immer noch." Grund dafür sei, dass er von klein auf von seinen Eltern, einem Lehrerehepaar, zu wenig Liebe und Hinwendung bekommen habe.Vor der Entscheidung müssen die Opfer entschädigt werden, wobei niemand wirklich weiß, wie das im Fall Dutroux funktionieren soll. Die Familie eines jener Mädchen, die von Dutroux grausam zu Tode gequält wurde, hat bereits Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Sie bemängelt, dass die Opfer nicht zur Freilassung eines Täters befragt werden. Die Familie argumentiert, das verstoße gegen das Menschenrecht. Das Menschenrecht der Opfer.Ex-Frau und Komplizin auf freiem FußDutroux und sein Anwalt Pierre Deutsch arbeiten eifrig an einem Resozialisierungsplan, um die Auflagen für eine Freilassung zu erfüllen. "Wir haben einiges getan, um das Gericht zu überzeugen", sagte Deutsch "La libre Belgique", ohne Details zu nennen. "Ich hoffe, dass die Richter nicht unter dem Druck der Öffentlichkeit einknicken." Zwei Wochen haben die Richter, um zu einer Entscheidung zu kommen.Nach Informationen der Tageszeitung "Le Soir" gibt es einen Mann in Antwerpen, der bereit sei, Dutroux aufzunehmen. Als Vorbild dient Dutroux seine Ex-Frau Michelle Martin, die im vergangenen August nach 16 Jahren Haft freigekommen ist. Doch ihr Fall lag anders: Martin war nur seine Komplizin. Ihre Taten - sie ließ zwei Mädchen im Keller des Hauses verhungern - bedauerte sie. Zudem lebt Martin seit ihrer Freilassung in einem Kloster.Regierung kann eingreifenBislang zeigt sich die Justiz hart: Im April 2012 bat Dutroux um Freigang für einen Tag. Die Gefängnisleitung lehnte ab. Doch der Mann, der sich dauernd über seine Haftbedingungen beschwert, lässt nicht locker. Nun will er die Freiheit mit elektronischer Fußfessel erreichen.In der belgischen Öffentlichkeit herrscht die Gewissheit vor, dass die Regierung eine Freilassung von Marc Dutroux verhindern wird. Dazu bietet das Urteil von 2004 eine Möglichkeit: Es hatte "lebenslang" gelautet plus eine zusätzliche Sicherungsverwahrung von zehn Jahren, über die die Regierung entscheidet. Sie könnte Dutroux somit in Haft behalten, selbst wenn eine Entlassung genehmigt würde.Seit 1996 im GefängnisSeit seiner Verhaftung im Sommer 1996 sitzt Dutroux hinter Gittern. Bereits 1989 war er wegen der Entführung und Vergewaltigung minderjähriger Mädchen zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Doch schon drei Jahre später ließ man ihn wieder laufen. Und weitere drei Jahre später war er wieder auf Mädchenjagd: 1995 begann er mit jenen Entführungen, Folterungen und Vergewaltigungen, von denen vier tödlich endeten und die zu seiner Verurteilung 2004 führten. Unter Mithilfe seiner ihm hörigen Ehefrau sperrte er die Kinder in ein enges Kellerverlies. Dass er 1998 aus einem Justizgebäude zu fliehen versuchte, trug ihm weitere fünf Jahre Haft ein.Aus all diesen Strafen errechneten die Juristen, dass Dutroux von April 2013 an freigelassen werden könnte. Das belgische Recht erlaubte bislang "Lebenslänglichen" den ersten Antrag auf Freilassung nach zehn Jahren Haft, bei Wiederholungstätern nach 16 Jahren. Vier Tage vor der Anhörung Dutroux hat das Parlament ein neues Gesetz beschlossen, allerdings ohne rückwirkende Gültigkeit. Die Frist für den Freilassungsantrag wird auf 15 beziehungsweise 23 Jahre erhöht. In Fällen wie jenem von Dutroux kann ein dreiköpfiges Gericht nicht mehr mit Mehrheit, sondern muss ein fünfköpfiges Gericht einstimmig entscheiden.
Chronologie der Ereignisse
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4. Februar 1986: Dutroux und seine Frau Michelle Martin werden wegen verschiedener Vergewaltigungen verhaftet.
26. April 1989: Der Belgier wird zu 13 Jahren und sechs Monaten Haft wegen Vergewaltigung und Entführung verurteilt, kommt aber bereits im April 1992 wegen guter Führung wieder frei.
24. Juni 1995: Eine neue Entführungsserie beginnt. Vier Mädchen verschwinden spurlos, am 22. August zwei weitere Mädchen. Sie sterben in Dutrouxs Kellerverlies.
28. Mai 1996: Die zwölf Jahre alte Sabine Dardenne verschwindet, am 9. August die 14-jährige Laetitia Delhez
13. August 1996: Dutroux, Martin und ihr Komplize Michel Lelièvre werden unter dem Verdacht festgenommen, Delhez entführt zu haben.
15. August 1996: Nach Geständnissen von Lelièvre und Dutroux werden Laetitia Delhez und Sabine Dardenne aus dem Keller eines Dutroux-Hauses befreit.
23. April 1998: Dutroux flüchtet bei einem Gerichtstermin in Neufchateau und wird drei Stunden später in einem Wald gefasst.
17. Juni 2004: Die zwölf Geschworenen sprechen Dutroux in allen Anklagepunkten schuldig.
22. Juni 2004: Das Schwurgericht von Arlon verurteilt Dutroux zu lebenslanger Haft. Seine Ex-Frau Michelle Martin erhält als Mittäterin 30 Jahre Gefängnis.
31. Juli 2012: Ein Gericht entscheidet, dass Martin vorzeitig freikommt und künftig in einem Kloster in Malonne leben darf.
14. September 2012: Dutroux stellt einen Antrag auf vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis.
4. Februar 2013: Ein Gericht berät über diesen Antrag auf Entlassung.



