Sie kennt sich aus mit Genuss. Schließlich ist Madeleine Jakits die Chefredakteurin des "Feinschmeckers". Den Deutschen stellt sie kein gutes Zeugnis aus. "Ein Volk von Genießern wird Deutschland nie werden", sagt sie im heute.de-Interview.
heute.de: Frau Jakits, Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren beim Feinschmecker, dem Fachblatt für Gourmets und Genießer. Sind Sie eine Genießerin?
Madelaine Jakits: Ja, klar bin ich eine Genießerin. Das hat mir meine protestantische Mutter früher sogar vorgehalten. Es war nämlich nicht immer etwas Positives, ein Genussmensch zu sein, zumal in Deutschland. Mir fällt vor allem immer wieder auf, dass die Leute kein Problem haben, viel Geld auszugeben für ein noch größeres Auto oder für Elektronik oder einen Urlaub hier, dort oder da hinten. Aber wenn man mit jemandem richtig gut essen gehen will, da werden viele knauserig. Die meisten Deutschen möchten ihr Geld doch lieber für etwas ausgeben, das sie sich vor der Tür stellen und zeigen können. Beim Essen funktioniert das nicht. Da sieht man höchstens, wenn man ein bisschen zugenommen hat.
heute.de: Also ist Deutschland kein Land der Genießer?
Jakits:
Zur Person
Madeleine Jakits arbeitet seit 1988 in verschiedenen Funktionen beim Magazin "Feinschmecker", dem Fachblatt für Genießer und Gourmets in Deutschland. Seit 1997 ist sie Chefredakteurin. Zuvor war sie für die Frauenzeitschrift "Brigitte" tätig. Die 57-Jährige liebt deutschen Wein und italienisches Essen.
Es hat in den letzten Jahren schon eine Bewegung nach vorne gegeben. Wir haben in Deutschland inzwischen so viele gute Restaurants wie noch nie. Aber es ist nicht so, dass sich die Deutschen zu einem Volk von Feinschmeckern entwickelt hätten. Es gibt da immer dieses Paralleluniversum mit den ganzen Lidls, Aldis, Nettos und Pennys, wo Essen in Kartons gestapelt angeboten wird und vor allem billig, billig, billig ist. Das ist eher die Realität in Deutschland - und zwar nicht nur für diejenigen, die sich nichts anderes leisten können. Das ist in allen Bevölkerungsschichten eine Sache der Mentalität: Für Essen "verschwendet" die Mehrheit der Deutschen kein Geld.
heute.de: Trotzdem findet sich ja mittlerweile in jeder deutschen Kleinstadt ein Spezialitätengeschäft, das Himalaya Salz und Trüffel aus dem Piemont anbietet. Deutsche Spitzenrestaurants wurden in diesem Jahr vom Michelin mit 255 Sternen ausgezeichnet. Und im Fernsehen machen Lafer, Mälzer und Co. mit ihren Kochsendungen den Leuten den Mund wässrig. Ein Interesse am guten Essen scheint also doch da zu sein.
Jakits: Viele Leute die sich diese Kochsendungen anschauen, kommen mir so vor, als ob sie sich ein bisschen am Lagerfeuer wärmen wollten. Die sitzen dann mit ihrer Tüte Chips vorm Fernseher und schauen sich an, was sie selbst gar nicht mehr erleben: Menschen, die mit guten Lebensmitteln Mahlzeiten zubereiten und sie am Ende gemeinsam an einem Tisch verzehren. Das kennen viele ja gar nicht mehr in unserer Coffee-to-go-Gesellschaft.
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Lanz kocht
Lafer!Lichter!Lecker!
heute.de: Aber irgendwer muss doch in die Sternetempel gehen und den "Feinschmecker" lesen. Was sind das für Leute?
Jakits: Das sind ganz unterschiedliche Menschen: Studienräte, Klinikchefs, Rechtsanwälte, Winzer und Leute, die in der Gastronomie tätig sind. Es gibt da einerseits die konservativen Gourmets, die ihrer Region treu bleiben und dort die guten Restaurants besuchen. Und dann gibt es vor allem unter den Jüngeren Feinschmecker, die gerne reisen, neugierig sind und sich auch auf avantgardistische Küche einlassen.
heute.de: Auf jeden Fall scheinen es Leute zu sein, die Geld haben. Ist Feinschmeckerei etwas für Reiche?
Jakits: Essen gehen kostet halt Geld. Andererseits kann man aber auch für wenig Geld gut kochen. Das ist manchmal billiger, als mit der ganzen Familie zu McDonalds zu gehen. Und Selberkochen ist ja auch nicht Last und Fron, sondern etwas, das Spaß macht. In der Spitzen-Gastronomie müssen Sie natürlich deutlich mehr zahlen. Das muss man schon wollen und können. Manche unserer Leser sparen sich das Geld für einen Abend im Luxusrestaurant regelrecht zusammen. Die genießen es, einmal im Jahr in ein Spitzenrestaurant zu gehen.
heute.de: Zum Genuss gehört nicht nur gutes Essen, sondern auch guter Wein. Und auch da hat Deutschland aufgeholt. Früher galt deutscher Wein als billige Plörre. Inzwischen kosten manche Rieslinge von Rhein und Mosel 20 bis 30 Euro pro Flasche – und werden mit Preisen überschüttet. Was ist passiert?
Jakits: Lange Zeit galt Chablis-Trinken als schick - und Moselwein als bieder. Die Qualität deutscher Weine war damals auch wirklich nicht besonders gut. Hauptsache viel und billig lautete die Devise. Aber inzwischen ist die ehrgeizige Enkelgeneration der Winzer aus den 70er Jahren dran. Die haben erkannt, dass weniger manchmal mehr ist, dass es eine große Befriedigung ist, guten Wein zu machen und dass es sich lohnt. Gleichzeitig haben immer mehr Restaurants deutsche Weine auf ihre Karte gesetzt und ihren Gästen deutsche Weine empfohlen. Inzwischen hat Deutschland einige der schönsten Weißweine der Welt.
heute.de: Deutschland wird nicht nur von Weinliebhabern und Feinschmeckern neu entdeckt. Auch als Reiseziel ist Deutschland immer angesagter. Woran könnte das liegen?
Jakits: Kurzreisen übers Wochenende liegen derzeit sehr im Trend. Davon profitiert Deutschland natürlich. Alles, was für ein Wochenende erreichbar ist, ist interessant und vor allem Städtereisen sind beliebt. Hamburg, Berlin, München sind ja auch spannende Ziele und werden immer erlebnisorientierter. Es gibt neben dem klassischen Grand Hotel viele neue Häuser, Designhotels, raffinierte Wellness-Hotels oder spezielle Gourmethotels. Zum Teil recht erschwinglich. Und das kommt an. Reisen war ja schon immer eine Leidenschaft der Deutschen seit den 50er Jahren.
heute.de: Profitiert Deutschland als Reiseziel vielleicht auch – Stichwort Eurokrise – von der Krise vieler ehemaliger Top-Reiseländer, zum Beispiel Griechenland, Spanien, Portugal?
Jakits: Ja, klar. Es ist natürlich nicht so schön, wenn man in Griechenland am Strand sitzt und rundherum machen alle dicht. Das ist eine Katastrophe, was da passiert! Und als Urlauber ist man nicht so gerne auch noch Zeuge der Krise.
heute.de: Ist die Wiederentdeckung der Heimat vielleicht auch eine Art Gegenbewegung in einer immer komplizierteren globalisierten Welt?
Jakits: Das könnte sein. Besonders beim Essen gibt es einen klaren Trend zu mehr Regionalität. Die Menschen wollen ihr Essen wieder besser verstehen. Sie sind misstrauisch geworden angesichts der vielen unappetitlichen Geschichten über Lebensmittelskandale, die in den vergangenen Jahren hochgespült worden sind. Deshalb wollen sie in Zeiten, die unfreundlich und bedrohlich sind, wissen, was hab' ich auf dem Teller? Wo kommt das her? Die Regionalität spielt dabei eine große Rolle.
heute.de: Blick in die in die Zukunft: Wird Deutschland in 20 Jahren das Land der Genießer und Feinschmecker sein oder das Land der Discounter und Schnäppchenjäger bleiben?
Jakits: Für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung bleibt es das Land der Schnäppchenjäger und Discount-Verehrer. Genuss ist hier nie ein Teil der Kultur gewesen wie in Italien oder Frankreich. Ein Volk von Genießern wird Deutschland nie werden, da bin ich sicher.
Das Interview führte Maya Dähne