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Rechtsanspruch

Die Knackpunkte beim Kita-Ausbau

  • Bild Erzieherin mit Kindern in einer Kita
  • Video Wohin mit den Kleinen?
  • Video 3 Fragen an ... Ilse Wehrmann
  • BildErzieherin mit Kindern in einer Kita
    Erzieherin im Kindergarten / Quelle: ap
    (Quelle: ap)
    VideoWohin mit den Kleinen?

    220.000 Betreuungsplätze in Kitas fehlen derzeit noch. Das Problem für Städte und Kommunen sind nicht die Räume, sondern der leergefegte Arbeitsmarkt für Erzieherinnen und Erzieher.

    (17.11.2012)
    Video3 Fragen an ... Ilse Wehrmann

    Im August 2013 haben Eltern von Zwei- und Dreijährigen einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz - doch noch sind nicht genügend da. Drei Fragen an Ilse Wehrmann, Sachverständige für Frühpädagogik.

    (06.11.2012)

     von Christian Thomann-Busse

    Ab August haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab einem Jahr. Der Staat geht davon aus, dass es reicht, für 39 Prozent der Kleinen einen Platz anzubieten. Doch in den Städten ist die Nachfrage nahezu doppelt so hoch. Die Quote ist nur einer von vielen Knackpunkten. 

    Christian Thomann-Busse schreibt für heute.de über Gesellschaftsthemen

    Auf eine Klagewelle haben sich viele Kommunen längst eingestellt, denn nicht alle Städte und Gemeinden werden die rechtlich zugesicherten Betreuungsplätze am 1. August auch bieten können. 220.000 Plätze für Kinder unter drei Jahren fehlen noch laut Statistischem Bundesamt. Eine Zahl, die zuletzt viele erschreckt hat. Parallel haben sowohl der Deutsche Städtetag als auch der Städte- und Gemeindebund erste Schritte unternommen, die Öffentlichkeit auf ernste Startschwierigkeiten und dementsprechende Einschränkungen in Sachen Kinderbetreuung vorzubereiten.

    Zeitliche Verschiebung ohne Nutzen

    Vergrößerung von Kindergartengruppen, stufenweise Modelle nach Alter (Aufnahme zunächst nur von Zwei-, später dann auch Einjährigen), das Aussetzen baulicher Standards von Tagesstätten – kreative Vorschläge zur Umgehung des klar formulierten Rechtsanspruches gibt es bereits einige. "Jetzt den Druck herauszunehmen, wäre allerdings nicht richtig", sagt Matthias Ritter-Engel, Fachreferent für Kinderbetreuung bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO). "Wenn man nun signalisieren würde, dass man den Rechtsanspruch auf zum Beispiel 2018 verschieben könnte, stünde man im Jahr 2017 vor derselben Situation wie heute."

    Die Knackpunkte beim Kita-Ausbau

    So wurde der Bedarf berechnet

    Wie viele Eltern warten tatsächlich auf den 1. August 2013? Wie groß ist die die Nachfrage nach einem Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren? 35 Prozent beziehungsweise 750.000 Plätze hat die Bundesregierung berechnet. "Basis dafür war eine Studie des Deutschen Jugend-Institutes anhand von Daten aus dem Jahr 2005", sagt Matthias Ritter-Engel, Fachreferent für Kinderbetreuung bei der AWO.

    Eine wichtige Zahl, denn sie war die Grundlage für die Berechnungen zu den Gesamtkosten von insgesamt zwölf Milliarden Euro für den Ausbau der Betreuungsangebote. Inzwischen liegen die Berechnungen bei 39 Prozent – wegen des demographischen Wandels beträgt die absolut erwartete Nachfrage weiter 750.000. "Noch immer eine sehr konservative Zählung der Bundesregierung", sagt Ritter-Engel.

    Wie groß ist der Bedarf wirklich?

    39 Prozent Nachfragequote für Betreuungsplätze von Kindern zwischen einem und drei Jahren: Diese Zahl bezieht sich auf den Bundesdurchschnitt. "Es wird sicherlich Regionen geben, in denen diese 39 Prozent nicht erreicht werden", sagt AWO-Referent Matthias Ritter-Engel. Gerade in den Ballungsräumen jedoch werde die Nachfrage deutlich darüber liegen. "In Berlin liegt die Betreuungsquote bereits bei 60 Prozent, und das reicht noch immer nicht."

    60 Prozent in Berlin – für andere Ballungsräume ein Traum; oder Alptraum. "NRW hat ein ganz großes Problem, da wurde zu Zeiten der schwarz-gelben Regierung zu viel verschleppt." Auch Bremen komme derzeit nicht mal auf 35 Prozent – "Hamburg steht mit einer fast doppelt so hohen Betreuungsquote zurzeit deutlich besser da", sagt Ritter-Engel.

    Akuter Erziehermangel

    Dass in zahlreichen Regionen Deutschlands zum 1. August 2013 der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Unter-Dreijährige zur einer großen Klagewelle führen dürfte, liegt nicht nur an zu wenig geschaffenen Plätzen. Selbst wenn es genug gäbe – wer sollte die Kinder betreuen? Je nach Region gibt es erheblichen Mangel an Fachkräften. "Es kommen nicht schnell genug neue Erzieherinnen und Erzieher auf den Markt, um den Bedarf zu decken", sagt Matthias Engel-Ritter von der AWO.

    Mit entscheidend dafür sei, dass man bei der derzeitigen Bezahlung nicht genug Nachwuchs generieren könne. "Rund 2.100 Euro brutto ist kein besonders tolles Einkommen bei einem sehr anspruchsvollen und belastenden Beruf. Hinzu kommt, dass die Ausbildung je nach Bundesland zwischen drei und fünf Jahre dauert."

    Große Lücken bei der Kindertagespflege

    Ein großes Problem ist die Frage der Bezahlung in der Kindertagespflege. Rund ein Drittel aller Betreuungsplätze soll laut Planungen der Bundesregierung über Tagesmütter und -väter abgedeckt werden. "Davon sind wir weit entfernt", urteilt Matthias Ritter-Engel von der AWO. "Wir haben Kommunen, die zahlen nicht mehr als zwei Euro pro Kind und Stunde. In der Regel sind Tageseltern selbständig, tragen das volle Risiko bei Ausfall und können ihren Lebensunterhalt mit dem Einkommen aus der Kindertagespflege nicht bestreiten."

    Eine aktuelle Studie der Uni Koblenz sieht jedoch einen Bedarf an zusätzlichen Tageseltern zwischen 17.500 bis knapp 30.000. Gleichzeitig schlagen die Wissenschaftler eine Betreuungsvergütung von fünf Euro je Kind und Stunde vor. In der Diskussion sind auch Festanstellungen für Tageseltern.

    Leidet die Qualität der Betreuung?

    Ein paar Handvoll Erzieher, größtenteils Geringqualifizierte mit 160-Stunden-Kurs oder ganz ohne jegliche Qualifikation: Besonders in der Tagespflege sticht die Frage der bestehenden Qualität der Betreuung ins Auge. Aber in Kindertageseinrichtungen? "Viele Kommunen stehen unter starkem Ausbaudruck. Es ist zu erwarten, dass man versuchen wird, an verschiedenen Stellen zu schrauben", so Kinderbetreuungs-Experte Matthias Ritter-Engel.

    Dabei gehe es nicht nur um eine mögliche Senkung des Fachkräfteniveaus im Zuge der Einstellung ungelernter Kräfte, sondern auch um andere Stellschrauben. "Gerade erst hat zum Beispiel Bremen die Gruppengrößen erhöht." Häufig werde von den Kommunen argumentiert, es handele sich um eine Übergangslösung. Aber, so Ritter-Engel: "Nichts ist haltbarer als solche Lösungen."

    Hohe Akzeptanz bei Eltern nicht verspielen

    Nie war der gesellschaftliche Konsens über die Beteiligung kleiner Kinder am Lernprozess so groß: "Im letzten Jahr vor der Einschulung haben wir in Deutschland eine Kindergartenquote von 98 Prozent", so AWO-Experte Matthias Ritter-Engel. Das sei ein riesiger Pluspunkt und ein großer Vertrauensbeweis der Eltern. "Dieses Pfund, das wir da als Kinder- und Jugendhilfe haben, müssen wir nutzen und weiter ausbauen."

    Auch für den Bund sei dies ein großer Erfolg und auch eine Bestätigung dafür, dass der Einstieg in die Mitfinanzierung ein richtiger Weg gewesen ist. "Früher oder später wird der Bund davon profitieren – auch durch mehr Einnahmen der Sozialkassen. Folgerichtig wäre es, nun die Kommunen weiter zu entlasten und das finanzielle Engagement des Bundes zu erhöhen."

    Zahlreiche Bundesländer hätten einfach versucht, die Sache auszusitzen und würden nun feststellen, dass sich das Problem Betreuung eben nicht von alleine gelöst hätte. Mit verantwortlich macht Ritter-Engel dafür auch die Vorgehensweise beim Betreuungsgesetz: "Alle möglichen Verbände haben von Anfang an einen Krippengipfel gefordert. Es war absehbar, dass man in eine problematische Situation läuft." Insbesondere vor dem Hintergrund, dass 67 Prozent der Betreuung in Tageseinrichtungen durch Träger erbracht würden und nur ein Drittel durch Kommunen, mache es unverständlich, dass die Umsetzung des Betreuungsgesetzes "über lange Strecken ein closed shop zwischen Bund und Ländern war", so Ritter-Engel.

    Qualitätsniveau stagniert seit Jahren

    Ganz abgesehen vom Fachkräfte- und Betreuungsplatzmangel ab August 2013 stehe Deutschland im internationalen Vergleich bereits jetzt höchstens mittelmäßig da, so der AWO-Experte: "Das Qualitätsniveau der Betreuung stagniert seit Jahren. Obwohl das empfohlene Verhältnis ein Erzieher auf drei Kinder unter drei Jahren völlig anerkannt ist, verfügen wir im besten Bundesland Rheinland-Pfalz über einen Schlüssel von 4,2 und am anderen Ende der Skala in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sogar nur über 7,8." Angesichts solcher Zahlen sei klar, dass man Standards nicht noch weiter absenken dürfe.

    Ebenso kontraproduktiv seien Überlegungen, die Zuteilung eines Betreuungsplatzes zunächst an die Berufstätigkeit der Eltern zu knüpfen. "Damit", so Ritter-Engel, "läuft man Gefahr, gerade diejenigen abzuhängen, die dringend einen Platz bräuchten." Solche Pläne seien genau so ein Irrsinn wie das Betreuungsgeld. "Die Herdprämie ist in Wirklichkeit eine Kita-Fernhalteprämie. Das ist völlig sozialstaatsfremd."

    Warten auf Zwischenstandberichte

    Dennoch würden im August sicherlich viele Eltern, deren Kinder keinen Platz bekommen, im Zweifel eher die 100 Euro Prämie im Monat für eine Nicht-Inanspruchnahme einstreichen statt zu klagen. "Wie groß der Mangel an Plätzen letztendlich tatsächlich wird, können wir sicherlich in den kommenden Wochen näher bestimmen, wenn die Zwischenstandsberichte aus den einzelnen Ländern veröffentlicht werden", sagt Matthias Ritter-Engel.

    Abseits der prognostizierten Probleme wird mit dem massiven Eintritt Unter-Dreijähriger in die Tageseinrichtungen aber auch ebenso massive Mehrbelastungen für die erwartet, die bereits jetzt in den Kindergärten als Erzieherinnen und Erzieher tätig sind. Der Aachener Psychologie-Professor Johannes Jungbauer rechnet im Zuge des U3-Ausbaus mit weiteren Belastungen für das Erziehungspersonal. Gerade erst hat sein Lehrstuhl eine Online-Befragung über Stressbelastungen im Beruf gestartet. Burn-out bei Erziehern ist sicherlich eines der Themen, die nach August 2013 spruchreif werden.

    22.12.2012
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