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Die Sache mit dem Duzen

Du, Frau Meier!

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    Sie sollten inzwischen zum Standardprogramm der Erziehung gehören: Höflichkeitsregeln. Doch sie haben sich mit der Zeit geändert. Nicht jeder kennt sich aus mit der modernen Kunst des Benehmens.

    (10.07.2012)

     von Christian Thomann-Busse

    Eigentlich klingt es so einfach, die Sache mit dem "Du" und dem "Sie" – aber irgendwie ist sie denn doch ganz schön kompliziert. Duzen und siezen folgen eigenen Regeln, die über Gesetze der Rechtschreibung hinausgehen und in den Köpfen der Individuen entschieden werden. 

    "Frau Meier, kannst du mir mal die Schere geben?" Diesen Satz oder zumindest so ähnliche Formulierungen kennen wir. Aber woher noch gleich – aus Kindergarten und Schule vielleicht? Korrekt! Und haben wir das so nicht auch schon im Supermarkt gehört? Genau! Frau Meier und Du – das geht eigentlich gar nicht, funktioniert aber trotzdem prima. Aus sprachwissenschaftlicher Betrachtung heraus geschieht hier Folgendes: Die nominale Anrede ("Frau Meier") und die pronominale Anrede ("Du, Sie, Ihr, Euer") werden in unzulässiger Kombination verwendet.

    Lernen und verstehen erst ab der 3. Klasse

    "Kinder bis zur dritten, vierten Klasse haben enorme Schwierigkeiten, die Sie-Form zu lernen und umzusetzen", sagt der Soziolinguist Prof. Ulrich Ammon. Die nominale Anrede mit "Herr" und "Frau" hingegen sei wesentlich einfacher zu lernen – daher der schräge Mix aus Herr/Frau und dem Du. Auch wenn mancher dies heute als Verlust an Ausdrucksfähigkeit oder mangelnden Umgangsformen empfinden mag: "Kinder haben das vor 30 Jahren auch nicht schneller gelernt", so der Duisburger Sprachforscher.

    An der Supermarktkasse hingegen zieht die Altersbegründung bei dieser sprachlichen Sondermischung ganz sicherlich nicht. Dort habe eine Formulierung wie "Frau Schulz, hast du den Preis für den Salat?" andere Gründe. "In den meisten Fällen wird es so sein, dass vom Arbeitgeber eine förmliche Anrede verlangt wird, man dann aber das vertrauliche Du beibehält", so Ulrich Ammon. Das informelle Du des Arbeitermilieus, in der SPD ja seit dem 19. Jahrhundert etabliert, habe aber auch andernorts schon in Kombination mit einer formellen Anrede für Stilblüten gesorgt. "In der damaligen DDR habe ich es beobachtet, dass Personen bei Veranstaltungen mit Herr Professor angeredet wurden und dann geduzt wurden. Dabei hat es sich sicherlich um den Versuch gehandelt, Respekt und die Nähe zum Genossen gleichermaßen auszudrücken."


    Andere Sprachen, andere Sitten

    Verunsicherung über die Sache mit dem Du und Sie kann aber auch entstehen, wenn Menschen aus anderen Sprachkreisen in Deutschland Wurzeln schlagen. "In slawischen Sprachen ist es beispielsweise oft nicht üblich, die Schwiegereltern zu duzen. Da kann es eine sehr wichtige Frage sein, ab wann man hierzulande in der Familie, in die man einheiratet, mit dem Duzen beginnt", sagt Dr. Lutz Kuntzsch, Leiter der Sprachberatung bei der Gesellschaft für deutsche Sprache.

    Ja, wann geht es los mit dem Du? "Eine Grundregel ist weiterhin, dass der Ältere es dem Jüngeren anbietet“, sagt Lutz Kuntzsch. Doch auch die Sache mit dem Angebot kann es in sich haben – zum Beispiel bei einem gemütlichen Abend, an dem das eine oder andere Glas Wein getrunken worden sei. "Es braucht manchmal etwas Fingerspitzengefühl, am nächsten Morgen herauszubekommen, ob das Du, das einem beispielsweise der Chef angeboten hat, auch wirklich so gemeint war." Da helfe es schon weiter, so lange zu warten, bis das Gegenüber einen anspreche. "Bleibt er beim Sie, hat sich das Du vom Vorabend erledigt", so Kuntzsch.


    Sie haben mein Du nicht verdient!

    Fast noch unangenehmer ist die Situation, wenn jemand das über längere Zeit verwendete Du beenden möchte. "Wir erhalten hin und wieder Anfragen dazu, wie man am einfachsten wieder zurück zum Sie kommt", so der Sprachberater. Eine kniffelige Aufgabe, denn dieser Schritt ist ein deutliches Zeichen. Immerhin drückt das Du Nähe und Solidarität aus – und der Entzug heißt nichts anderes als: Sie haben mein Du nicht mehr verdient!

    Während die vertrauliche Anrede in Studentenkreisen heute die Regel ist (das war sie bis in die 68er-Generation bei weitem nicht), Eltern auf dem Schulhof schnell beim Du sind und Kinder ihre Eltern schon lange nicht mehr siezen müssen, haben sowohl Sprachberater Lutz Kuntzsch als auch der Soziolinguist Ulrich Ammon eine eher rückläufige Tendenz zum Du in der Gesellschaft ausgemacht. "Bisher ist auch nicht abzusehen, dass das Siezen verschwindet oder weiter zurückgedrängt wird", so Ammon.


    Andere Möglichkeiten der Abgrenzung

    Es gebe hingegen durchaus Beispiele, bei denen Schüler und Studenten das Du, das ihnen vom Lehrpersonal angeboten worden war, zurückgewiesen hatten. "Nicht immer ist diese Nähe auch gewollt", weiß der Sprachwissenschaftler. Ohnehin ist das "you" aus dem englischsprachigen Raum nicht mit unserem "Du" gleichzusetzen. "Im Englischen hat man ganz andere Mittel, die Beziehung in der Kommunikation abzugrenzen", sagt Ulrich Ammon. "In Amerika wird man als Professor oder auch 'Sir' angesprochen, der wiederum spricht seine Studenten mit Vornamen an. "Wenn man umgekehrt einen Studenten mit Sir anspricht, kann er das nur als ironisch auffassen."

    23.02.2013
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