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20.06.2013

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merkzettel

Brüderle trifft Reporterin Himmelreich

Ein nicht alltägliches Frühstück

  • Bild Brüderle beim Pressefrühstück
  • Video Niebel: "Ziemliche Unverschämtheit"
  • Video Sexismus in der Politik
  • Video Kommentar zu Sexismusvorwürfen
  • BildBrüderle beim Pressefrühstück
    Rainer Brüderle
    VideoNiebel: "Ziemliche Unverschämtheit"

    Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel hat den Stern für seine Berichterstattung um Rainer Brüderle kritisiert. Es sei "eine ziemliche Unverschämtheit", die Vorwürfe erst nach einem Jahr zu erheben.

    (27.01.2013)
    VideoWie sexistisch ist das politische Berlin?

    Politikerinnen und Journalistinnen werden immer mehr Opfer von sexuellen Übergriffen . Vor allem Männer in großen Machtpositionen wahren nicht die professionelle Distanz und überschreiten Grenzen.

    (25.01.2013)
    VideoKommentar zu Sexismusvorwürfen

    Andreas Wiemers von Frontal 21 kommentiert die Sexismusvorwürfe gegen Rainer Brüderle. Eine Journalistin vom Stern wirft ihm vor, sie vor gut einem Jahr bedrängt zu haben.

    (25.01.2013)

    Rainer Brüderle lädt zum Frühstück, auch "Stern"-Reporterin Himmelreich ist da. Der Medienandrang ist gewaltig, es wird live getickert und getwittert. Brüderle hält sich bedeckt - erst später sagt er: "Sexismus ist eine Debatte, die läuft". 

    Ein paar Fernsehleute sind zu schnell. "Frau Himmelreich, Frau Himmelreich", rufen sie einer blonden Frau zu, die dem Eingang des großen FDP-Sitzungssaals im Jakob-Kaiser-Haus in Berlin-Mitte zustrebt. "Ich bin nicht Frau Himmelreich", sagt die
    Journalistin verärgert. Ein paar Minuten später, um 10.35 Uhr, ist es aber soweit. Laura Himmelreich vom "Stern" kommt den langen, holzgetäfelten Gang herunter.

    Vom Büroleiter begleitet

    Begleitet wird sie vom Berliner Büroleiter des Magazins. Die 29-jährige Reporterin, die mit ihrem umstrittenen Porträt über Rainer Brüderle die Sexismus-Debatte in Deutschland mit ausgelöst hat, duckt sich ein wenig vor den Kameras und geht wortlos in den Saal.

    Laura Himmelreich / Quelle: dpa

    Laura Himmelreich
    Quelle: dpa

    Dort schauen sie über 80 Kollegen und Kolleginnen an, verfolgen jede Bewegung der Reporterin, die einen dunkelblauen Mantel, einen grauen Rock und rote Wildlederstiefel trägt. Die "Bild"-Zeitung startet einen Liveticker, Journalisten twittern. Himmelreich setzt sich auf einen Stuhl in der Ecke an der Wand und wartet. Sie wird keine Frage stellen, sondern nur Notizen machen. Eine Viertelstunde später, um 10.51 Uhr, betritt Brüderle sein Refugium.

    Kein Blatt vor den Mund

    Der Sitzungssaal der FDP-Fraktion ist einer der schönsten in Berlin. Man schaut durch riesige Glasscheiben auf die Spree und den Reichstag. Hier ist Brüderle in seinem Element, schäkert beim Pressefrühstück mit den Korrespondenten, nimmt kein Blatt vor den Mund. Heute ist es anders. Der 67-Jährige schüttelt nicht wie sonst jedem Gast die Hand, sondern eilt zu seinem Platz an der Stirnseite des großen, ovalen Tisches. Himmelreich würdigt er keines Blickes.

    Sexismus als Thema

    Die Journalistin Laura Himmelreich hatte in einem Artikel über anzügliche Äußerungen Brüderles ihr gegenüber berichtet und damit eine breite Debatte über Sexismus in Politik und Arbeitsleben losgetreten. Auf Nachfrage äußerte sich Rainer Brüderle nach dem Frühstück in allgemeiner Form zu dieser Diskussion. "Sexismus ist eine Debatte, die läuft und die sicherlich gesellschaftliche Relevanz hat", sagte er. "Dass Debatten in der Demokratie geführt werden, ist ein legitimes und richtiges Phänomen."

    Lange hat Brüderle mit sich gerungen, ob er den Termin nicht ganz absagt. Erst am Morgen um 7.22 Uhr geht die Einladung an die Redaktionen raus. Denn er will sich nicht wegducken. Nach der Begrüßung spricht er gleich an, was alle interessiert. "Ich habe mich bisher nicht zu dem Thema geäußert und werde es auch heute nicht tun. Ich bitte dafür um Verständnis", sagt Brüderle.

    Laufender Staatsbesuch

    Dann referiert der Fraktionschef über den Koalitionsausschuss am Donnerstag, Ökostromförderung, Renten, Haushalt, Mali und den laufenden Staatsbesuch des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Brüderle spricht lange, er will wohl Zeit schinden, weil er die Mechanismen kennt.

    Stimmen zur Sexismus-Debatte

    Von den Nachfragen zum Sexismus-Thema lässt er sich aber nicht aus der Ruhe bringen. "Kein Kommentar." Überraschend schiebt er dann doch ein paar Sätze nach. Die Debatte habe gesellschaftliche Relevanz. "Dass Debatten geführt werden, ist in einer Demokratie ein objektives, legitimes Phänomen." Kein Wort aber zum Abend des 5. Januar 2012, als er am Rande des traditionellen Dreikönigsballs der Liberalen an einer Bar in einem Stuttgarter Hotel auf Himmelreich traf. Dort sollen die anzüglichen Bemerkungen gefallen sein, die sie ein Jahr später öffentlich machte.

    Öffentliche Klarstellung

    Die Affäre aussitzen, das will die SPD Brüderle nicht durchgehen lassen. Bisher sind die Sozialdemokraten recht pfleglich mit dem FDP-Mann umgegangen. Nun verlangt Generalsekretärin Andrea Nahles eine öffentliche Klarstellung und schimpft, dass die FDP ein Frauenproblem habe, sich in einer Wagenburg verschanze und den
    Eindruck erwecke, Brüderle sei das Opfer.

    Die Liberalen leiden tatsächlich mit ihrem Spitzenkandidaten und sind empört über den "Stern". Parteichef Philipp Rösler versucht, die laufende Sexismus-Debatte in eine Kampagne gegen die FDP umzudeuten. Das solidarisiert und mobilisiert die Anhängerschaft.

    SPD erhöht Druck

    Die SPD bemühte sich derweil, den Druck auf Brüderle zu erhöhen.  Generalsekretärin Andrea Nahles forderte Brüderle, der seine Partei  als Spitzenmann in den Bundestagswahlkampf führen soll, zu einer  öffentlichen Stellungnahme auf. Zudem monierte sie, die FDP habe "ein Frauenproblem". Die FDP habe  "die wenigsten weiblichen Abgeordneten im Bundestag und in  Führungspositionen - und das seit Jahrzehnten".

    "Nichts weiter als Respekt"

    Der "Stern" selbst wehrt sich gegen den Vorwurf, man wolle gezielt den liberalen "Hoffnungsträger" Brüderle niedermachen. Es sei gedanklich arm, wie FDP-Spitzenpolitiker nun "beleidigt-bockig" reagierten. "Liebe Herren, es geht um nichts weiter als um Respekt", schreibt Chefredakteur Andreas Petzold im Vorwort des neuen Heftes mit dem Titel "Der tägliche Sexismus" und verteidigt Himmelreichs
    Story.

    Mit der letzten zugelassenen Frage versucht ein Journalist noch einmal, den Pfälzer aus der Reserve zu locken. Er werde ja seit einer Woche sehr persönlich mit Sexismus-Schlagzeilen überzogen. Ob er jetzt nicht endlich die Chance nutzen wolle, etwas öffentlich klarzustellen oder sich persönlich bei der "Stern"-Kollegin zu entschuldigen? Brüderle bleibt bei seiner Linie. "Ich werde weiter keinen Kommentar dazu abgeben." Um 11.37 Uhr ist die Presserunde zu Ende. Brüderle bleibt auf seinem schwarzen Ledersessel sitzen, bis Himmelreich gegangen ist.

    28.01.2013, Quelle: Von Tim Braune, dpa
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