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19.06.2013

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Trotz Fußfessel Kind missbraucht?

"Fußfessel gaukelt Kontrolle vor"

  • Bild Umstritten: Elektronische Fußfessel
  • Video Elektronische Fußfessel wirklich sicher?
  • Video Wie mit Sexualstraftätern umgehen?
  • BildUmstritten: Elektronische Fußfessel
    Elektronische Fußfessel
    VideoElektronische Fußfessel wirklich sicher?

    Erneut gibt es eine Diskussion über die tatsächliche präventive Wirkung von elektronischen Fußfesseln bei Sexualstraftätern.

    (12.07.2012)
    VideoWie mit Sexualstraftätern umgehen?

    Wie gefährlich sind entlassene Täter?

    (21.07.2012)

    Kurzmeldung

    • Kindesmissbrauch trotz Fußfessel: Angeklagter verweigert Aussage 11:39 09.01.2013
      Trotz Überwachung mit elektronischer Fußfessel soll ein verurteilter Sexualstraftäter ein Kind missbraucht haben. Zum Prozessauftakt vor dem Landgericht in München verweigerte der 41-Jährige zunächst die Aussage. Sein Verteidiger begründete dies mit Misstrauen gegenüber dem zuständigen psychiatrischen Gutachter. Der Mann war bereits 1999 wegen Kindesmissbrauchs in 23 Fällen verurteilt worden. Nach der Freilassung mit Fußfessel soll er sich im April 2012 an einem damals sieben Jahre alten Mädchen vergangen haben.

    In München hat der Prozess gegen einen vorbestraften Sexualverbrecher begonnen, der trotz angelegter Fußfessel ein Mädchen missbraucht haben soll. Die GPS-Überwachung sei bei Sexualstraftätern "ziemlich problematisch", sagt Kriminal-Psychologin Gunda Wössner im heute.de-Interview. 

    heute.de: Taugt die elektronische Fußfessel zu Überwachung Schwerstkrimineller?

    Gunda Wößner: Es gibt einfach viel zu wenig Erfahrungswerte, als dass man das klar bejahen oder verneinen könnte. In Deutschland ist die elektronische Überwachung ein sehr neues Instrument. Selbst wenn man nach Amerika schaut, wo dies schon länger praktiziert wird, findet man relativ wenig aussagekräftige Studien, die sich bislang damit beschäftigt haben. Das vorliegende Material zumindest lässt einen zu dem Schluss kommen, dass die Fußfessel im Hinblick auf die Rückfälligkeit von Straftätern eher weniger bringt, als mancher sich vielleicht davon erhofft.


    Gunda Wößner
    Gunda Wößner / Quelle: Gunda Wößner

    Die Diplom-Psychologin Gunda Wößner arbeitet am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht. Sie leitet die wissenschaftliche Begleitforschung des Modellprojekts "Elektronische Aufsicht im Vollzug der Freiheitsstrafe in Baden-Württemberg".

    heute.de: Und wie steht es um die Sicherheit? Wo sind die schwarzen Löcher, die die Fußfessel vielleicht doch unkalkulierbar machen?

    Wößner: Da gibt es verschiedene Bereiche. Von der technischen Seite suggeriert so eine Rundumüberwachung natürlich ein größeres Sicherheitsgefühl. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass die GPS-Datenübermittlung in Echtzeit sehr fehleranfällig ist – Stichworte sind da Tiefgaragen, U-Bahn, Tunnel, Häuserschluchten oder auch ganz normale Wetterstörungen. Das sind ganz klare technische Schwachpunkte.


    heute.de: Und jenseits der Technik?

    Wößner: Auf der einen Seite sitzen da Leute, die die Verstöße beobachten. Die haben eine hohe Verantwortung und gleichzeitig mit der zunehmenden Technisierung unseres Justizsystems zu tun. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die überwacht werden sollen. Insbesondere bei Sexualstraftätern halte ich die Überwachung per GPS für ziemlich problematisch. Das GPS-Signal sagt nur, wo man sich aufhält. Sexuelle Straftaten werden aber hauptsächlich im sozialnahen Umfeld begangen. Da wird ein Kontrollmechanismus vorgegaukelt, der bei dieser Art von Straftaten überhaupt nicht mehr greift. Und vielen Straftätern selber scheint die Fußfessel auch nicht zu helfen.


    heute.de: Helfen wobei?

    Wößner: Bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Wir wissen aus den USA, dass das permanente Tragen einer Fußfessel für den Träger Nachteile mit sich bringt. Er hat schlechtere Chancen auf seine berufliche und soziale Wiedereingliederung. Man kann diese Art der Überwachung nicht vor seinem sozialen Umfeld verheimlichen. Irgendwann wird sie von anderen entdeckt, und das Umfeld reagiert nicht gerade positiv auf die Fußfessel. Aber immer wenn die Resozialisierung ins Stocken kommt, steigt auch die Gefahr eines Rückfalls.


    heute.de: Warum hat die elektronische Fußfessel dann so viele Fürsprecher in Deutschland?

    Wößner: Man erhofft sich Kontrolle. Über das GPS-Signal werden Bewegungsprofile erstellt, und so wird das Gefühl einer größeren Handhabe erzeugt. Man erhofft sich davon auch einen höheren Abschreckungsfaktor. Und man hofft, dass, falls doch etwas geschieht, man es bei der Aufklärung leichter hat. Die elektronische Fußfessel ist außerdem eine kostengünstigere Variante als der Strafvollzug – das gilt für die Sicherungsverwahrung umso mehr.


    heute.de: Kann man diese Art der Überwachung also getrost als Luftnummer bezeichnen?

    Wößner: Das denke ich nicht. Es gibt durchaus positive Ergebnisse mit der elektronischen Fußfessel. Das waren allerdings in der Regel Probanden, die nicht zur Schwerstkriminalität zuzuordnen waren. Da ging es um Inhaftierte, die nach tragen der Fußfessel auf Bewährung entlassen wurden und bei denen die Fessel noch zur Zeit der Inhaftierung eingesetzt wurde oder die mit der Fußfessel vorzeitig entlassen wurden – und selbst in dieser Zielgruppe gibt es noch genug problematische Aspekte.

    heute.de: Was ist anders als bei Schwerverbrechern?

    Wößner: Es handelt sich dabei einfach um eine andere Zielgruppe; die Probanden nehmen die elektronische Aufsicht freiwillig auf sich, weil sie eine Alternative zur laufenden Inhaftierung darstellt, Menschen, die einer Arbeit nachgingen, die keine Ausschlusszonen hatten. Ein Sexualstraftäter hat da ganz andere Voraussetzungen, wenn er entlassen wird und dann die Fußfessel tragen muss, seine Persönlichkeitsrechte werden massiv beschnitten.

    Das Interview führte Christian Thomann-Busse

    09.01.2013
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