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Blutige Krawalle in Ägypten

Hass und Misstrauen regieren am Nil

  • Video Große Gewalt in Ägypten nach Todesurteil
  • Video Ägyptische Revolution: Zweiter Jahrestag
  • Video Der Frust der Ägypter mit Mursi
  • Interaktiv ZDF-Geothek: Ägypten
  • VideoGroße Gewalt in Ägypten nach Todesurteil

    25 Fußballfans aus Port Said sind zum Tode verurteilt worden. Der Hass und das Misstrauen gegen Polizei und das Regime sind so groß, dass jeder Anlass jederzeit zu Protesten und Gewalt führen kann.

    (26.01.2013)
    VideoÄgyptische Revolution: Zweiter Jahrestag

    Vor genau zwei Jahren begann die Revolution, die Hosni Mubarak zu Fall brachte. Am Jahrestag waren wieder Tausende auf den Straßen. Diesmal ist der neue Präsident Mohammed Mursi die Zielscheibe.

    (25.01.2013)
    VideoDer Frust der Ägypter mit Mursi

    Keine gute Bilanz am zweiten Jahrestag des ägyptischen Aufstandes: Wirtschaftlich liegt das Land am Boden, die Kriminalität boomt und in den Straßen stapelt sich der Müll. Die alte Mubarak-Diktatur ist längst ersetzt durch eine andere, glauben viele Ägypter.

    (25.01.2013)
    InteraktivZDF-Geothek: Ägypten

    Todesurteile sollen ägyptische Ultras besänftigen

     von Julia Gerlach, Kairo

    Tote und Verletzte: Das ist die Bilanz der Proteste in Ägypten zum zweiten Jahrestag der Revolution. Den Demonstranten geht es nicht nur um ein besseres Leben, sondern auch um Gerechtigkeit. Nun hat die Justiz 21 Todesurteile gegen Fußballrandalierer verhängt. 

    Die Ägypter sprechen vom  "Fußballmassaker von Port Said" und das ist keine Übertreibung. Mit großer Gewalt, bewaffnet mit Schwertern und Schusswaffen waren am 2. Februar 2012 die Fans des Clubs "Al-Masri" auf die "Al-Ahli"-Anhänger losgegangen. Viele der insgesamt 74 Todesopfer wurden zerquetscht. Sie wollten sich in Sicherheit bringen, doch die Notausgänge waren verriegelt. Der Prozess gegen mehrere Dutzend der "Masri"-Fans kam vielen Ägyptern vor, wie eine tickende Zeitbombe. Hatten doch die radikalen Fans von "Al-Ahli" mit Gewalt gedroht, sollte das Urteil zu milde ausfallen.

    Julia Gerlach

    Julia Gerlach berichtet für heute.de aus der arabischen Welt

    Die "Ultras Al-Ahli" spielen eine zunehmende Rolle bei Demonstrationen und vor allem bei gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Wenn die Angeklagten nicht zum Tode verurteilt würden, werde Ägypten brennen. Um ihrer Drohung Nachdruck zu verleihen, hatten sie in den vergangenen Tagen Plätze und Nilbrücken in Kairo besetzt und die U-Bahn lahmgelegt. Sie feuerten die gewaltsamen Ausschreitungen an, die am Donnerstag begannen und bis heute Morgen mindestens sieben Menschenleben kosteten. Kein Wunder also, dass viele Ägypter mit angehaltenem Atem auf das Urteil des Richters warteten:  "Gott stehe unserem Land bei!", sagte die Radiomoderatorin und die Angst war ihrer Stimme anzuhören.

    Die Akteure im Machtkampf in Ägypten

    Mursi - Ägyptens "neuer Pharao"?

    Mit der Ausweitung seiner Befugnisse hat Mohammed Mursi Protest heraufbeschworen. Im Juni angetreten mit dem Versprechen, "Präsident aller Ägypter" sein und die Ideale der Revolte gegen Machthaber Husni Mubarak verteidigen zu wollen, verfügte Mursi am 22. November, dass die von ihm "zum Schutz der Revolution getroffenen Entscheidungen" rechtlich nicht mehr angefochten werden können. Prompt handelte er sich den Vorwurf ein, er gebärde sich als Ägyptens "neuer Pharao". Seine Sondervollmachten hat Mursi angesichts massiver Proteste inzwischen rückgängig gemacht. Dennoch bleibt er in der Kritik.

    Anhänger loben Mursis Pragmatismus, mit dem er sich auch als Vermittler zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen Anerkennung verdiente. Kritiker sehen ihn dagegen als bauernschlauen Apparatschik der Islamisten, der gezielt seine Stellung ausbaut, um die Einführung des islamischen Rechts der Scharia voranzutreiben und ein neues autokratisches System einzuführen.

    Nach seiner Wahl versprach Mursi einen zivilen Staat, der alle politischen Strömungen, Frauen, Islamisten wie auch koptische Christen einbeziehe. Diskriminierung aufgrund von Religion, ethnischer Zugehörigkeit oder Geschlecht wolle er beenden.

    Die Unterstützer Mursis

    - Die 1928 gegründete Muslimbruderschaft ist die größte islamistische Bewegung Ägyptens. Sie hatte Mursi als Kandidaten für das Amt des Präsidenten aufgestellt. Angesichts der hierarchischen Struktur der Bewegung gehen ägyptische Beobachter davon aus, dass die Politik des Präsidenten vom Führungsgremium der Bruderschaft (Irschad-Büro) mitbestimmt wird.

    - Die radikal-islamische Salafistenbewegung trägt den Kurs der Muslimbrüder weitgehend mit. Mit der Partei des Lichts waren die Salafisten im ersten Parlament nach dem Sturz von Präsident Mubarak die zweitstärkste Kraft. Sie erkennen die Regeln des Staates zum Teil nicht an und fordern die Einführung der Scharia in Ägypten. Die meisten Anhänger dieser Bewegung sind nicht gewaltbereit. Ein Teil der Salafisten ist jedoch militant und hat mit den demokratischen Spielregeln gar nichts am Hut. Vor allem auf der Sinai-Halbinsel entziehen sich die Salafisten immer mehr staatlicher Kontrolle.

    - Viele Religionsgelehrte des Al-Azhar-Islam-Institutes. Die Verfassung räumt ihnen ein Mitspracherecht im Gesetzgebungsprozess ein.

    Die Gegner Mursis

    - Die traditionsreiche liberale Wafd-Partei hatte zunächst mit dem Gedanken gespielt, eine Allianz mit den Muslimbrüdern zu bilden. Davon ist sie aber inzwischen abgekommen.

    - Die neu gegründete Partei der Freien Ägypter stellt sich strikt gegen jeden Versuch einer weiteren Islamisierung des Staates.

    - Mehrere unterlegene Präsidentschaftskandidaten haben sich jetzt zusammengeschlossen, um eine gemeinsame Front gegen die Machtausweitung der Islamisten zu bilden. Zu ihnen gehören der frühere Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, der vor allem bei der Jugend und den Sozialisten beliebte linke Aktivist Hamdien Sabahi und Friedensnobelpreisträger Mohammed el Baradei, der seine Kandidatur vor der Wahl zurückgezogen hatte.

    - Einige Anhänger von Abdel Moneim Abul Futuh, einem moderaten Islamisten, der aus der Muslimbruderschaft ausgeschlossen worden war. 

    - Die Mehrheit der Richter, ein Teil der Mitglieder der Journalistengewerkschaft, die Gewerkschaft der Mitarbeiter der Filmindustrie sowie mehrere Gruppen junger Revolutionsaktivisten.

    (Quelle: dpa, afp)

    "Es war ein historisches Urteil"

    "Es war ein historisches Urteil!", jubelte sie anschließend und auch die Mehrheit der Experten, die sie in der folgenden Talkrunde interviewte, lobten das Todesurteil und den Richter. "Das gerechte Urteil zeigt, wie unabhängig der Richter ist", so der Gerichtsreporter Adel Kadr. Tatsächlich gilt die ägyptische Justiz zwar als weitgehend unabhängig, allerdings hören die Richter in heiklen politischen Fällen durchaus auch auf die Anweisungen der Politik.

    So mag es auch in diesem Fall gewesen sein, denn die harte Strafe nutzt der Regierung von Mohammed Mursi. Sie steckt in einer schweren Krise, das haben die Ausschreitungen der vergangenen Tage gezeigt. Hunderttausende demonstrierten: "Mursi hau ab!", lautete die Parole. Viele Ägypter sind unzufrieden: Nicht nur die Wirtschaft steckt in der Krise und vielen Ägyptern geht es heute schlechter als vor der Revolution. Es hat sich auch kaum etwas verbessert, was soziale Gerechtigkeit angeht. Viele ärgern sich aber besonders darüber, dass die korrupten Vertreter des alten Regimes und die Polizisten, die während der Revolution auf Demonstranten schossen oder mit Schlägerbanden die Bevölkerung terrorisierten, bisher nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Wenn es Prozesse gab, wurden die Angeklagten zumeist freigesprochen.

    Das Todesurteil dient der Regierung

    Links
    "Revolution geklaut"
    Das Urteil heute bricht mit diesem Trend: Die "Stadionmörder" werden hart bestraft und die Toten von Port Said werden ganz offiziell in die Reihe der Märtyrer der Revolution aufgenommen. Das Urteil kommt der Regierung aber auch insofern gelegen, weil es in unruhigen Zeiten ungünstig ist, eine einflussreiche und schlagkräftige Truppe wie die radikalen "Ultras Al-Ahli" zum Gegner zu haben. Nach der Urteilsverkündung versuchten Angehörige der Verurteilten in Port Said das Gefängnis zu stürmen. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei kam es erneut zu über 20 Toten.  

    Ägypten steht einmal wieder vor einem Scherbenhaufen: Im ganzen Land wird demonstriert. Auf dem Tahrirplatz wurde in der Nacht gekämpft: Mit Tränengas ging die Polizei gegen die Demonstranten vor, diese antworteten mit Molotowcocktails. Vor dem Präsidentenpalast ist ein neues Protestcamp entstanden und die Armeetruppen in Suez mussten verstärkt werden. Dort waren die Proteste besonders heftig: "Wir werden die Verantwortlichen für die Gewalt zur Rechenschaft ziehen", hatte der Präsident am Morgen erklärt. Und die "Ultras Al-Ahli"? Die stellten die Proteste ein und versammelten sich zu einer großen Party vor ihrem Club. Mit Feuerwerk und Hupkonzert feierten sie das harte Urteil. Immerhin sie – so wohl die Strategie der Regierung – werden erst einmal nicht mehr gegen die Regierung protestieren. Mursi hat ein paar Gegner weniger.

    26.01.2013
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