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Im Trend: Osteopathie

Heilen mit den Händen

  • Bild Osteopathie: Heilen mit den Händen
  • BildOsteopathie: Heilen mit den Händen
    Osteopathische Behandlung

     von Britta Wagner

    Es klingt ein wenig nach Zauberei: Hand anlegen statt Tabletten schlucken oder OP. Doch genau das macht die Osteopathie und erfreut sich als Komplementärmedizin wachsender Beliebtheit. Auch die Forschung findet zunehmend Belege für die Wirksamkeit. 

    Britta Almstedt hatte ein Jahr lang wirklich alles ausprobiert, um ihre Magenprobleme in den Griff zu bekommen: Magensäureblocker-Medikamente, wochenlange Diäten, Anti-Pilz-Kuren, Tests auf Laktose- oder Fruktose-Intoleranz und sogar eine Magenspiegelung. Doch nichts half - die Ärzte fanden keine Erklärung.

    Schließlich bekam sie in einem zufälligen Gespräch auf einer Bahnfahrt den Tipp, es einmal beim Osteopathen zu versuchen. Und zwei Tage nach der Behandlung waren die Magenprobleme tatsächlich weg. "Seitdem bin ich überzeugt von osteopathischer Heilkraft", sagt Almstedt, die ihre Erfahrungen deshalb auch gern weitergibt.

    Interesse an Osteopathie steigt

    Britta Wagner / Quelle: Britta Wagner

    Britta Wagner schreibt für heute.de über Wissensthemen
    Quelle: Britta Wagner

    Diese Mund-zu-Mund-Propaganda und die teilweise Kostenübernahme durch gesetzliche Krankenkassen seit diesem Jahr haben die Nachfrage erhöht, beobachtet Michaela Wehr vom "Verband der Osteopathen Deutschland". Sie schätzt, dass es deutschlandweit inzwischen etwa 4.000 Osteopathen und pro Jahr rund 5,6 Millionen Behandlungen gibt – Tendenz steigend. Genaue Angaben sind jedoch schwierig, da es keinen geschützten Beruf "Osteopath" gibt. Gesetzliche Krankenkassen verlangen für eine Erstattung aber häufig eine entsprechende Ausbildung des Therapeuten. Dann übernehmen manche von ihnen rund drei Viertel der Kosten, allerdings bis zu bestimmten Grenzwerten pro Sitzung und pro Kalenderjahr. Da Osteopathie eine freiwillige Leistung der Kassen ist, unterscheiden sich die Bedingungen je nach Versicherung.

    Die Heilkunst wurde vor 138 Jahren vom Arzt Andrew Taylor Still in den USA begründet. Heute sind dort Osteopathen Ärzten gleichgestellt, arbeiten aber auch stärker schulmedizinisch als früher. Nach 1900 brachten Therapeuten die Methode nach England und in den vergangenen Jahrzehnten auch nach Deutschland. Ziel des ganzheitlichen Ansatzes ist nicht, eine Krankheit oder ein Symptom zu behandeln, sondern die Funktionsstörungen und Blockaden zu lösen, die dahinter stecken, und dem Körper bei der Selbstheilung zu helfen. Die Ursache für ein Problem an einer bestimmten Körperstelle kann dabei ganz woanders liegen.

    Ohrenziehen gegen Magenprobleme?

    Das war auch bei Britta Almstedt so. Ihre Osteopathin führte die Magenprobleme auf einen Unfall zurück, den die Patientin schon fast wieder vergessen hatte. "Sie sagte, mein Körper sei ganz schief, so dass mein Magen die ganze Zeit auf Spannung stand und die Probleme erzeugte." Mit Ziehen an den Ohren und Drücken am Hals ließ sich das beheben, die nächsten drei Sitzungen dienten zur weiteren Stabilisierung. Auch in den folgenden Jahren holte sich Almstedt so Hilfe, wenn die Schwachstelle Magen wieder Probleme machte, zum Beispiel bei Stress. Sie findet die 60 bis 120 Euro, die Osteopathen für eine Sitzung abrechnen, gut angelegt.

    Tipps für interessierte Patienten
    • Osteopathie ist keine Konkurrenz zur Schulmedizin, sondern eine Ergänzung – akute Verletzungen, Krebs, schwere psychische Krankheiten usw. gehören in ärztliche Hände. Und: Normalerweise sollte nach vier osteopathischen Sitzungen eine Besserung eintreten
    • Osteopathie ist kein geschützter Beruf – ein Osteopath sollte besser eine mehrjährige Ausbildung als eine kurze Weiterbildung vorweisen können
    • Osteopathie ist wie jede Therapie nicht risikofrei – Handgriffe an der Halswirbelsäure und an vorgeschädigten Körperteilen sollten gut überlegt und besprochen werden

    Gerade bei solchen Fällen können komplementärmedizinische Ansätze wie die Osteopathie helfen, ist Karl-Ludwig Resch, Mediziner und Leiter des Deutschen Instituts für Gesundheitsforschung, überzeugt: "Sie ist nicht ohne Grund in den Bereichen so erfolgversprechend, in denen unsere moderne Medizin wenig zu bieten hat." Verdauungsprobleme ließen sich heute oft nicht richtig diagnostizieren, und stressbedingte Rückenschmerzen könnten durch Chirurgie oder Orthopädie nicht behoben werden, weil das eigentliche Problem ganz woanders liege.

     

    Noch nicht genügend Studien

    Bei Rückenschmerzen ist der Nutzen der Osteopathie durch Studien inzwischen gut belegt. In anderen Bereichen ist die Forschung noch nicht so weit. Es gibt zwar eine wachsende Zahl von methodisch guten Studien, die unter anderem Erfolge bei Migräne oder speziellen Problemen von Frauen und Babys beschreiben. Allerdings sind die Probandenzahlen häufig gering. Für Kritiker gilt der Nutzen osteopathischer Behandlungen damit noch nicht als belegt. Resch dagegen würde die Ergebnisse in vielen Fällen durchaus als vorläufige positive Hinweise werten. Da Osteopathen ihre Studien bislang selbst finanzieren müssen, fehlt für größere Studien häufig einfach das Geld. Ein vor kurzem gegründeter Förderverein will hier helfen.

    Unklar ist auch, ob die theoretischen Annahmen der Osteopathie richtig sind, warum die Methode helfen kann. Manche Teilgebiete sind tatsächlich auch fachintern umstritten. Diese Diskussion hält Resch aber nicht für wichtig für den Patienten: "Mein Paradebeispiel ist das Aspirin. Es wurde 1898 auf den Markt gebracht und der Wirkmechanismus erst Anfang der 1970er Jahre aufgeklärt", sagt er. "Man konnte 80 Jahre lang Aspirin ganz gezielt nutzen – ohne zu wissen, wie der Wirkmechanismus funktioniert."

    27.12.2012
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