von Lucia Hennerici
All die großen Prophezeiungen haben nichts genutzt: Die Welt ist noch da. Mal wieder nichts mit der Apokalypse. Dabei hätte der große Abschied mit einem Knaller doch auch so viel Gutes gehabt, so viel "bereinigt". Zehn gute Gründe, warum es um den verpassten Weltuntergang schade ist.
Wiedersehen macht Freude?Und es sah so gut aus: Keine nervenden Kollegen mehr, keine aufdringliche Nachbarin und Besuche bei der Schwiegermutter gehören auch der Vergangenheit an - all das hätte uns der Weltuntergang geschenkt. Und jetzt? All die Menschen, denen man gerne "auf nimmer Wiedersehen" gesagt hätte, muss man nun doch ein Leben lang ertragen.
E-Mail-Schnelltaste
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Klartext hat KonsequenzenEs schien als könne der alte Interessenkonflikt zwischen finanzieller Existenz und Ehrlichkeit in den letzten Stunden noch einmal zu Gunsten der ungeschönten Wahrheit aufgelöst werden - mit einer deutlichen, wirklich deutlichen Mail an den Chef. Und nun? Bleibt nur die vage Hoffnung, dass man all die fröhlich zusammengetragenen Beleidigungen wenigstens noch auf den Alkohol schieben kann ...
Jetzt kommt der VerzichtMit der Sicherheit eines Weltuntergangs im Rücken konnte man sich endlich einmal richtig gehen lassen: den ganzen Kühlschrank leer futtern, ein Abendmahl feiern, wie Jesus! Kalorien? Egal! Und jetzt ... wartet die alljährliche Diät nach dem Weihnachtsfest doch wieder auf uns, "schöner Verzichten" wird in allen Zeitschriften proklamiert und die Joggingschuhe müssen auch wieder aus der Mülltonne geholt werden. Wenn einem dabei doch wenigstens der Appetit vergehen würde ...
Na dann: Prosit Neujahr!Weihnachten und dann Neujahr - gefühlt endlose Traditionsriten hätten uns erspart bleiben können, wäre die Welt untergegangen. Keine Enttäuschung über falsche Geschenke, kein Familienstreit an der Festtafel und auch keine langweiligen Silvesterfeten zu überhöhten Preisen. Und nun? Gerne ignorierte Bekannte haben jetzt doch wieder Gelegenheit sinnfreie "gute Vorsätze" laut vor sich her zu plärren, damit es auch ja jeder hört und sie sozialen Druck für sich aufbauen können. Toll.
Planungssicherheit AdéMieten, Raten, Schulden - um all das musste sich der Weltuntergangsgläubige keine Sorgen mehr machen. Was hätte das für ein befreiter Abschied sein können! Und jetzt? Geschieht kein Wunder, muss den Kindern doch ein Studium finanziert werden, der traditionelle Ärger an der Zapfsäule ist auch wieder da und: Wer zahlt eigentlich das Weihnachtsessen?
Eurokrise
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Keine Lösung in SichtAll die Fragen, über die sich Experten, Politiker und Bürger jahrelang den Kopf zerbrochen haben - sie alle hätten gelöst sein können mit dem Weltuntergang. Im wahrsten Sinne des Wortes endgültig. Und nun? Das Problem mit der Eurokrise bleibt bestehen ... und mit dem Klimawandel ... und der Überbevölkerung ... und der Armut ... und ...
Wieder an der KasseKaufen, packen, schenken - anstatt an der Kasse zu stehen, konnte man im Angesicht des Weltendes doch einmal wirklich wichtige Dinge in Angriff nehmen. Den Liebsten noch einmal etwas wirklich Bedeutsames und Nettes sagen zum Beispiel. Jetzt fällt das traditionelle Weihnachtsshopping auf die letzte Minute dann wohl doch nicht aus ... man sieht sich am Ende der Warteschlange.
Es geht stillos zu EndeMit dem Weltuntergang wäre eines wirklich einmal sicher gewesen: Es hätte nicht mehr schlimmer werden können. Keine Angst mehr vor Demenz oder dem fortschreitenden Verfall von Geist und Körper. "So jung kommen wir nicht mehr zusammen", hätte durch echte Geltung bestechen können. Und: Keiner hätte allein gehen müssen. Nun ist es vorbei mit dem gemeinsamen Ende, mindestens so stilvoll wie bei einem James Dean - auf die meisten trifft "Die Guten sterben jung" dann auch nicht mehr zu. Schade.
Nimmer wieder montagsWas waren das für schöne Stunden für den Teil der Menschheit, die an den Weltuntergang glaubte: Keine sozialen Scheren mehr, die Rufe nach Mindestlohn und bedingungslosem Grundeinkommen waren nichtig - denn was wir auch immer hatten oder hätten haben sollen wäre im Angesicht eines echten Endes dann auch schon egal gewesen. Nun geht der Kampf ums finanzielle Überleben, Statussymbole oder schlicht den richtigen Kontostand für die Schufa wieder los. Der nächste Arbeitsmontag ist doch noch nicht ausgestanden. Nur die Renten sind immer noch genauso wenig sicher, wie eh und je.
Passagiere warten auf das Einchecken
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Ende der ewigen WartereiNicht zuletzt tröstlich am Weltuntergang war der Gedanke, dass mit diesem letzten Warten jedes andere Ausharren endlich ein Ende finden würde - das Warten am Gleis, auf den Bus, auf den Liebsten oder das Gehalt. Warten auf besseres Wetter oder bessere Zeiten, günstigere Preise oder günstigere Gelegenheiten - dank Weltuntergang war die Ziellinie endlich in Sicht. Spätestens auf dem Weg zur weihnachtlichen Familienfeier werden wir es vermissen - zu wissen, wann "all das" endlich vorbei ist.
Entgleisung für alleIm Angesicht des letzten Endes konnte sich so mancher trauen, was er nie zuvor wagte. Selbst Handlungen mit Langzeitfolgen verloren ihren Schrecken, zum Beispiel das Tattoo von gestern Nacht. Nun hält es noch ein bisschen länger, als gedacht ...
Truthahn zum Weihnachtsessen
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Wenigstens ...... fällt das Weihnachtsessen bei Muttern nun doch nicht aus. Es darf geschlemmt und genascht werden, wenn danach schon die Diät kommen muss.
... wartet dann noch die Steuerrückerstattung als frohe Botschaft für das Konto im kommenden Jahr.
... haben wir noch Zeit für wichtige Gespräche, die mal länger dauern mit Menschen, die uns wichtig sind - schließlich geht das auch ganz ohne Weltuntergang.