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25.05.2013

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Russische Enklave

Kaliningrad will IT-Mekka werden

  • Bild Hafen von Kaliningrad
  • Video Reisen ohne Visum-Pflicht
  • BildHafen von Kaliningrad
    Hafen von Kaliningrad
    VideoReisen ohne Visum-Pflicht

    Eine Genehmigung statt eines Visums reicht künftig, um von der russischen Enklave Kaliningrad nach Polen zu gelangen. Einige Russen nutzten die Chance und kauften erst mal kräftig ein.

    (30.08.2012)

     von Marc Hauschild

    Kaliningrads Politiker und Unternehmer haben ein Ziel vor Augen: Die russische Exklave soll das IT-Mekka des Riesenreichs werden. Schon seit einigen Jahren boomt die Branche, nun soll eine neue IT-Siedlung mit Tausenden von neuen Jobs entstehen. Nur: Mit dem Boom könnte schon 2016 Schluss sein - dann endet die Zollfreiheit. 

    Kaliningrad stellt 400 Hektar Land für eine neue IT-Siedlung zur Verfügung, und die Jobportale platzen aus allen Nähten: Rund 15.000 Programmierer, Web-Designer und System-Administratoren werden gesucht. Regionale Politiker und Unternehmer wollen Kaliningrad zum IT-Mekka machen. Schon jetzt spricht man vom "russischen Silicon Valley" - in den nächsten Jahren sollen dort 3.000 neue Hightech-Firmen sowie 30.000 neue Jobs entstehen.

    Technoparks und unzählige neue Start-ups

    Die IT-Fakultäten werden dann unter den 20 besten der Welt gerankt und Kaliningrad wird der IT-Magnet für Europa und Russland - das ist die Vision, die russische Nanochip-Hersteller, Professoren der Kant-Universität, ortsansässige Marketing-Institute und Vertreter der European Bank for Reconstruction and Development auf dem jüngsten Kaliningrader IT-Cluster-Summit äußerten.

    Und tatsächlich: In der Ostsee-Enklave tut sich einiges. So sind hier in den letzten Jahren gigantische Technoparks wie Gusev, Jantar, BFU und unzählige Start-ups entstanden. Nebenbei beschäftigen sich IT-Assoziationen wie Kalita mit "arbeitsethischen Fragen und Kapitalisierungsplänen" in der Region. Und das Nordic Council of Ministers vernetzt Kaliningrader IT-Cluster mit Schwester-Clustern aus Skandinavien - die ökonomische Europäisierung läuft auf Hochtouren.

    Ende der Zollfreiheit im Jahr 2016

    Doch Kaliningrads IT-Boom wird von einem Datum überschattet. 2016 wird die Stadt ihren Status als  "Sonderwirtschaftszone Russlands" einbüßen. In der "goldenen Übergangsperiode" siedelten sich etliche Firmen der IT-Branche in Kaliningrad an. Fast 80 Prozent der für den russischen Markt produzierten Elektronikgeräte werden in und um Kaliningrad hergestellt.

    Der Ökonom Wladislaw Inosemzew ist sicher, dass Kaliningrads IT-Sektor nach 2016 nur überleben kann, wenn die Zollfreiheit aufrechterhalten wird und die Visa-Bestimmungen für Ausländer gelockert werden. In Kaliningrad müssten sich noch mehr europäische Firmen ansiedeln und für den europäischen, nicht für den russischen IT-Markt produzieren. Denn auch die Planungen des Technologie-Clusters für Radioelektronik, des Technopolis-Projekts, enden 2016. Dann ist das Wissenschafts- und Technik-Zentrum für Mikroelektronik fertig. Wie es danach weitergeht, steht in den Sternen.

    Ostsee-Brise für sibirische "IT-Schniki"

    Zugleich wird die "Bernsteinstadt" für sibirische "IT-Schniki" immer attraktiver. Viele IT-Spezialisten aus der Kältezone Russlands schätzen das milde Klima an der Ostsee und die Nähe zu Europa. Der Arbeitsmarkt in Tomsk oder Novosibirsk, in denen sich derzeit die besten russischen IT-Fakultäten befinden, ist mittlerweile so überlaufen, dass es in den letzten Jahren zu einem großen Zustrom von IT-Kräften aus Sibirien kam.

    Der Tomsker Programmierer Dmitri Litwinow hilft Familien bei der Übersiedlung von Sibirien an die Ostsee. "Ich habe den Arbeitsmarkt in Sibirien und Kaliningrad studiert und an der Ostsee gibt es wirklich einen Hunger nach Arbeitskräften."

    Enklave zwischen Polen und Litauen

    Kaliningrad ist das westlichste Gebiet Russlands und entspricht der Nordhälfte des einstigen Ostpreußen. Die Hauptstadt, das frühere Königsberg, trägt denselben Namen. Die Stadt entstand um eine Burg, die 1255 vom Deutschen Orden errichtet wurde. Königsberg wurde Ende August 1944 durch britische Luftangriffe weitgehend zerstört. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das nördliche Ostpreußen im Potsdamer Abkommen der Sowjetunion zugesprochen. Die Deutschen, die nicht geflohen waren, wurden vertrieben, Königsberg im sowjetischen Stil neu aufgebaut.

    Bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991 war das Gebiet Kaliningrad von der Größe Schleswig-Holsteins als militärisches Sperrgebiet für Ausländer nicht zugänglich. Danach öffnete es sich für Westtouristen und Geschäftsleute. 1996 wurde die russische Exklave zwischen Polen und Litauen zur Sonderwirtschaftszone mit Zollerleichterungen. Seit der EU-Erweiterung 2004 grenzt das Gebiet an der Ostsee nur an EU-Staaten. Seit August 2012 dürfen die Einwohner ohne Visum in die angrenzenden Gebiete reisen.

    Wie attraktiv Kaliningrad auch für IT-Spezialisten aus dem nicht-russischsprachigen Ausland ist, entscheidet aber die Gehaltsfrage. Scrollt man durch die Jobangebote, bleibt auffällig, dass entweder keine Angaben zum Gehalt gemacht werden, was in Russland untypisch ist, oder die genannten Beträge schwanken zwischen 700 und 2.000 Dollar.

    Kaliningrad – "Koffer ohne Griff"

    Obgleich für Wladimir Putin "der Vektor der wirtschaftlichen Entwicklung Russlands nach Osten gerichtet ist", betonte er jüngst gegenüber dem Kaliningrader Gouverneur Nikolai Zukanow, den Status der "Sonderwirtschaftszone" vielleicht über 2016 hinaus zu verlängern.

    An der Ostsee herrscht die Meinung vor, dass der Kreml Kaliningrad seit jeher mit einem "Koffer ohne Griff" vergleicht; schwer zu benutzen, aber zu schade, um sich davon zu trennen. Dennoch, trotz aller Unkenrufe ist Nikolai Zukanow guter Dinge, dass die Stadt nach 2016 nicht in eine Krise stürzen wird, sondern die Chancen ihres Enklaven-Charakters und ihrer Bindung an Europa nutzen kann.

    20.12.2012
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