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20.05.2013

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Starker Anstieg bei ADHS-Diagnosen

"Medikamente sind bequemer"

  • Video "Medikamente sind bequemer"
  • Video Arztreport: ADHS-Diagnosen nehmen zu
  • Infografik Mehr Medikamente gegen ADHS
  • Video ADHS-Fälle vom sozialen Umfeld abhängig
  • Video"Medikamente sind bequemer"

    Immer häufiger werden Pillen verschrieben, um überaktive Kinder ruhig zu stellen. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie erklärt im ZDF heute journal den ADHS-Boom: "Die sind Eltern froh sind, dass es ein genetisches Defizit ist und die Ärzte, dass sie mit einer Pille alles heilen können."

    (29.01.2013)
    VideoArztreport: ADHS-Diagnosen nehmen zu

    "Wir verzeichnen einen regelrechten ADHS-Boom", so Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorsitzender der Barmer GEK. Die Zahl der Betroffenen sei zwischen 2006 und 2011 um 42 Prozent gestiegen.

    (29.01.2013)
    InfografikMehr Medikamente gegen ADHS
    Fallback / Quelle: ZDF
    VideoADHS-Fälle vom sozialen Umfeld abhängig

    Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen werden Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) festgestellt. Die Diagnose hängt auch vom sozialen Umfeld ab. Ein Interview mit Dr. Thomas Grobe.

    (29.01.2013)

    von Stephanie Gargosch

    Kinder sind wild, manchmal aggressiv und unkonzentriert. Geht man deswegen mit ihnen zum Arzt, lautet die Diagnose immer häufiger ADHS - Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Und immer mehr Kinder bekommen Pillen dagegen verschrieben, mahnt eine Kassenstudie.

    Links
    Download des Barmer GEK Report
    Sie können nicht still sitzen, sich nicht konzentrieren, lernen schlecht – meist sind es Jungen im Alter zwischen neun und dreizehn. Diese erhalten dann schnell die Diagnose ADHS – also Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom. Viele bekommen Tabletten mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Ein Pharmazeutikum, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Es hilft auch tatsächlich. Der vermeintliche Zappelphillip lernt plötzlich, bleibt ruhig.

    Doch wer sich mit dem Thema ADHS beschäftigt, den beschleicht auch schnell das Gefühl, dass immer mehr Kinder eine ADHS-Diagnose bekommen, immer mehr Familien betroffen sind. So ergibt etwa die Suche nach dem Begriff ADHS bei Google mehr als 3,5 Millionen Ergebnisse. Es wird also viel geschrieben, diskutiert über das Thema. Neue Fakten gab es bisher nur wenige.

    ADHS

    Kinder, die an einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) leiden, sind unaufmerksam und unkonzentriert, leiden an motorischer Unruhe und können ihre Impulse nur schwer kontrollieren. Die Ursachen von ADHS sind sehr komplex. Neurobiologen erklären die Störung mit Veränderungen im Hirnstoffwechsel. Sie vermuten einen Mangel des Botenstoffs Dopamin im synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen. Verantwortlich dafür ist demnach eine erhöhte Aktivität des Dopamin-Transporter-Proteins, das den Signalstoff aus dem Spalt zurück in die Nervenzellen pumpt. Der Wirkstoff Methylphenidat blockiert das Protein, so dass mehr Dopamin im synaptischen Spalt verbleibt.

     Jeder fünfte Junge mit ADHS-Diagnose

    Das ändert der Arztreport der Barmer GEK. Er zeigt, wie sich ADHS-Diagnosen und Verschreibung von Medikamenten entwickelt haben. Datenbasis acht Millionen Versicherte. Das Ergebnis: ADHS-Diagnosen boomen und immer mehr Kinder schlucken das Pharmazeutikum.

    Der klassische ADHS-Patient ist laut Report ein zehnjähriger Junge. Mädchen sind deutlich weniger betroffen. So erhält ein Viertel aller Männer im Laufe des Lebens die Diagnose "Hyperkinetische Störung". Von 2006 bis 2011 stieg die Diagnose AD(H)S bei Kindern und Jugendlichen um 42 Prozent an. Jeder zehnte Junge bekommt zudem in der Kindheit Methylphenidat verschrieben – Tendenz steigend.

    Zum ersten Mal regionale Unterschiede analysiert

    Bisher kaum belegt waren die Diagnosen und Verordnungen in den einzelnen Regionen. Der Arztreport zeigt nun: Deutschlands Kinder schlucken nicht überall gleich viele Tabletten gegen ADHS. Spitzenreiter ist Unterfranken beziehungsweise die Region um Würzburg. Hier wurden 2011 doppelt so viele Kinder mit Methylphenidat behandelt als im Bundesdurchschnitt.

    Immer mehr Kinder gelten als psychisch krank - werden wegen Hyperaktivität, Autismus oder Depressionen behandelt, oft mit Medikamenten. Aber ist das der richtige Weg? Stephanie Gargosch schreibt in ihrem Artikel über das Problem der Diagnosen.

    Auf die Bundesländer geschaut werden die meisten Tabletten in Rheinland-Pfalz und Bayern verschrieben, am wenigsten in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. Als Gründe führen die Autoren des Reports ein besonders dichtes Netz von Kinder – und Jugendpsychiatern an. In Würzburg wird zudem intensiv an der Universität zum Thema ADHS geforscht.

    Das Elternhaus spielt eine Rolle

    Neu sind auch die Daten zu Risikofaktoren für ADHS-Diagnosen. Je höher etwa die Eltern (aus)gebildet sind, umso seltener haben ihre Kinder ADHS. Zudem sind Kinder jüngerer Eltern eher auffällig als Kinder, deren Eltern sie mit dreißig oder älter bekamen. Gründe dafür wohl eine größere Überforderung bei der Erziehung beziehungsweise noch nicht gefestigte materielle Strukturen.

    Der Arztreport belegt, dass das ungute Gefühl beim Thema AD(H)S berechtigt ist. Mögen die Tabletten auch vielen Kinder helfen, so stimmt doch der rapide Anstieg in den letzten Jahren nachdenklich. Dabei soll auf Anraten der Bundesregierung einer medikamentösen Therapie immer ein anderer Weg vorangehen, etwa eine Verhaltens– oder Lerntherapie. Zudem sollte die Einnahme von Methylphenidat zeitlich begrenzt sein.

    Aber immer mehr Kinder schlucken die Tabletten inzwischen bis zum 19. Lebensjahr oder länger. Auch dies ein Ergebnis der Studie. Und so wächst eine Generation heran – für die das tägliche Pharmazeutikum zum Alltag gehört.

    29.01.2013
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