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Social Media im Reich der Mitte

Mit Lamas gegen Chinas Zensur

  • Bild Internetcafé - wichtig für Chinas Jugend
  • Video China verschärft Internet-Kontrolle
  • BildInternetcafé - wichtig für Chinas Jugend
    (Quelle: imago)
    VideoChina verschärft Internet-Kontrolle

    Chinas Führung hat die ohnehin schon strenge Kontrolle über das Internet noch einmal verschärft. Künftig müssen sich alle User mit ihrem vollen Namen registrieren.

    (28.12.2012)

    Warum ein Lama dazu taugt, die chinesische Zensur zu überlisten, und warum Facebook im Reich der Mitte keine Chance hat - darüber spricht Kevin Lee, einer der führenden Social-Media-Experten Chinas, mit dem heute.de-Blog "Hyperland". 

    Links
    Hyperland - Mehr Netzthemen

    heute.de: Welche Social Networks sind derzeit die interessantesten in China?

    Kevin Lee: Definitiv das größte Netzwerk ist gleichzeitig auch das neueste: WeChat. Oder, auf Chinesisch, Weixin. WeChat ist der neue Gorilla. Die vergangenen zwei Jahre haben wir viel über Weibo, das chinesische Twitter, gesprochen, aber das ist schon Establishment, Mainstream. WeChat bietet viel mehr, ist vor einem Jahr gestartet und hat schon  mehr als drei Millionen User.

    heute.de: Was ist das Besondere daran?

    Lee: WeChat ist wie WhatsApp plus Instagram plus Facebook plus LiveStream. Es vereint alle Social-Media-Funktionen, die es bereits gibt, in einem Super-Network. Die Leute finden sich in neuen Gruppen wieder, die sie bereits aus anderen Netzwerken kennen, und chatten innerhalb dieser Gruppen. Es ist vergleichbar mit Google-Kreisen, aber nicht web-basiert, sondern mobil.

    heute.de: Wie gehen die Jugendlichen damit um, dass alle ihre Netzwerke überwacht werden?

    Kevin Lee / Quelle: Felix Zeltner

    Kevin Lee gilt als einer der führenden Social-Media-Experten Chinas. Er ist Geschäftsführer der Agentur für  Markt- und Trendforschung, Youthology, in Peking. Kevin Lee auf Twitter

    Lee: Sie sind damit aufgewachsen, sie kennen nichts anderes. Und sie lernen, extrem kreativ zu sein. Die Zensur hält keinen Jugendlichen wirklich davon ab, sich auszudrücken. Sobald irgendwo eine neue Mauer hochgezogen wird, gehen sie außen herum, indem sie ihre Sprache ändern und Ausdrücke so verwenden, dass die Regierung sie nicht versteht. Sie erfinden auch Cartoons und Bilder, die für bestimmte Dinge stehen. Eine eigene visuelle Sprache. Nicht einmal die eigenen Eltern kommen da mit.

    heute.de: Ein Beispiel?

    Lee: Das Lama. "Caonima" ist das chinesische Wort für Lama. "Cao ni ma" heißt auf Mandarin aber auch "F*** deine Mutter". Als das Lama im Zusammenhang mit Zensur in unzähligen Chats auftauchte, war sofort klar, dass es für "F*** den Staat" steht. Das Lama wurde zum Kultobjekt. Es gibt aber auch wesentlich simplere Beispiele wie den Ausdruck "betrunken vom Reis", der für das Durchführen einer illegalen Aktion steht.

    heute.de: Warum benutzen wir nicht WeChat und ihr nicht Facebook?

    Lee: Erstens verhindert die Zensur, dass sich Facebook und Twitter bei uns verbreiten. Zweitens sprechen die meisten Chinesen immer noch kein Englisch. Drittens sind englischsprachige Plattformen immer noch stärker text- und linkbasiert als die chinesischen. Es ist sehr hart für eine westliche Firma, eine Plattform zu entwickeln, die einerseits auf Chinesisch funktioniert und andererseits intuitives visuelles mobiles Benutzen ermöglicht. Was die westlichen User angeht, glaube ich, dass WeChat früher oder später dorthin kommen wird.

    heute.de: Was ist der größte Unterschied zwischen westlichen und chinesischen Jugendlichen, bezogen auf Social Media?

    Lee: Im Westen stellen sich Jugendliche die Frage “Wer bin ich?” heutzutage bereits in der Schule. Das heißt, wenn sie Social Media nutzen, wissen sie meist schon, was ihre Message ist, und wollen sie einfach nur loswerden. Die Jugendlichen in China haben diese Chance nicht, bevor sie auf die Uni gehen oder das Arbeiten anfangen. Sie stehen dann plötzlich im Berufsalltag, sind aber immer noch identitätslos. Es gibt keine Agenda, keine persönliche Marke – noch nicht mal ansatzweise. In chinesischen Networks gilt: Heute bin ich der, morgen jemand anderes, und übermorgen wieder. Alle sind auf Sinnsuche und drücken das über Social Media aus.

    heute.de: Wie viele soziale Netzwerke nutzen chinesische Jugendliche?

    Lee: Etwa sechs bis zehn aktiv und parallel, dazu hat ein Jugendlicher im Durchschnitt noch Accounts bei etwa zehn weiteren. Die Netzwerke funktionieren hyperlokal und sind extrem nuanciert, für Sportarten, Musiktypen oder taiwanesische und koreanische Kultur, die viele chinesische Jugendliche vergöttern. Taiwanesische Jugendliche haben zum Beispiel vor kurzem die chinesische Teekultur neu entdeckt und sich in die Pflanzen und Rituale vertieft. Diese Mode schwappt jetzt über die Sozialen Netzwerke zurück nach China.

    Das Interview führte Felix Zeltner

    22.01.2013
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