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20.05.2013

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200 Jahre Grimms Märchen

"Ohne Fantasie sind wir armselige Realisten"

  • Bild Schneewittchen und ihre sieben Zwerge
  • Quiz Wie gut kennen Sie Grimms Märchen?
  • Video Was Grimms Märchen unsterblich macht
  • Video Karen Duve liest aus "Grrrimm"
  • BildSchneewittchen und ihre sieben Zwerge
    Schneewittchen
    QuizWie gut kennen Sie Grimms Märchen?
    Grimms Märchen

    Vor 200 Jahren machten sich die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm daran, deutsche Märchen zusammenzutragen. Ihre Erzählungen über Hänsel und Gretel oder  Schneewittchen gingen um die Welt, noch heute kennt sie jedes Kind - oder? Testen Sie Ihr Märchen-Wissen!

    VideoWas Grimms Märchen unsterblich macht

    Die Brüder Grimm haben ihre Märchen bereits vor 200 Jahren gesammelt und aufgeschrieben – warum haben Märchen bis heute überlebt und sind auch in der Gegenwart immer noch präsent?

    (14.12.2012)
    VideoKaren Duve liest aus "Grrrimm"

    Ein geduldiger Prinz trifft seine große Liebe nach deren hundertjährigem Schlaf unter einer Zentimeter dicken Staubschicht ... Karen Duve liest aus ihrer bissigen Hommage an die Brüder Grimm.

    (14.12.2012)

    Ob Rotkäppchen oder Aschenputtel – die Märchen der Brüder Grimm sind um die Welt gegangen. 200 Jahre ist es her, dass der erste Band ihrer Märchen erschien. Bis heute vermitteln die Märchen Hoffnung, sagt Kinderbuchforscher Doderer im heute.de-Interview. 

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    heute.de:
    Märchen sind Kindergeschichten – so denken wir heute. Ursprünglich war das aber gar nicht so ...

    Klaus Doderer: Anfangs wollten die Brüder Grimm durch die Märchensammlung eine Dokumentation von Volksmythen schaffen. Die beiden suchten also eigentlich gar keine Märchen, sondern im alten Volksgut den Mythos. Sie wollten die Märchen als Ausdruck einer Nationalidentität darstellen.

    heute.de: Wie hat sich das weiterentwickelt?

    Doderer: Die Romantik war sehr aufgeschlossen für das Naive und insofern auch für das Kind. Es war die Zeit der Entdeckung des Naiven gegenüber der Rationalität und Aufklärung davor. Dann boomten die Märchen plötzlich und wurden überall gesammelt, weil man sie auch als Erzählgut für Kinder entdeckte. Wie die Grimms die Welt dadurch beeinflusst haben, sieht man bis heute. Das Sammeln von Märchen als ein Volksgut und zugleich auch als ein Kindergut ist internationalisiert worden, die Initiatoren waren die Brüder Grimm.

    Zur Person
    Klaus Doderer

    Klaus Doderer ist der Gründer des weltweit ersten Instituts für Kinder- und Jugendliteratur-Forschung in Frankfurt am Main. Für seine Forschungen erhielt der 87-Jährige neben weiteren Auszeichnungen 1987 den ersten "Internationalen Grimm-Preis" des Internationalen Instituts für Kinderliteratur in Osaka/Japan.

    heute.de: Wie prägen Märchen unsere Kinder- und Jugendliteratur bis heute? Ist da überall noch ein bisschen Grimm drin?

    Doderer: Obwohl die Märchen so populär sind, kann man sie nicht als die typische Kinderliteratur bezeichnen. Es gab und gibt auch realistischere Richtungen. Man denke nur etwa an den auch aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammenden Struwwelpeter. Heute kann man vielleicht sagen, dass die Fantasy-Literatur den Märchen am ehesten ähnlich ist. Da kommen auch Figuren mit übernatürlichen Kräften vor, wie zum Beispiel Zwerge. Natürlich sind Märchen auch trivialisiert worden. Nach dem Erzählmuster der Grimmschen 'Kinder- und Hausmärchen' sind Tausende von Erzählungen geschrieben worden, die mit „Es war einmal“ beginnen und ein Happy End haben.

    heute.de: Wie viel Psychologie steckt in den Märchen?

    Doderer: Märchen sind auch Wunschliteratur: Da werden Wünsche erfüllt und Schwierigkeiten überwunden. Das Happy End, das für die meisten Märchen typisch ist, bedeutet ja, dass man dies auch literarisch dokumen-tiert. Zum Beispiel bei Dornröschen, das wieder erweckt und lebendig wird. Auch wenn das unwirklich ist: Da schwingt Hoffnung mit, von der die Menschen damals und heute leben. Märchen haben schon vor 200 Jahren eine geistige Befriedigung in einer unfertigen und schwierigen Welt geboten.

    Die Gebrüder Grimm

    Die Erfinder der Hausmärchen

    Brüder Grimm

    Nach ihrem Studium begannen die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm im Alter von 20 bzw. 21 Jahren im Jahr 1806 mit der Sammlung von Volksmärchen. Auf diese Idee hatte sie ihr Freund, der Schriftsteller Clemens Brentano, gebracht. 1812 erschien der erste Band, diese Urfassung enthält 18 Märchen. Insgesamt 200 solcher Geschichten haben die Brüder in sechs Auflagen bis 1850 herausgegeben. Die meisten Märchen hatten sie von intellektuellen und adligen Freunden, vor allem aus der Region Kassel. Einige der  Märchen wie "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren" gehen auf die Witwe Dorothea Viehmann zurück, die nahe Kassel lebte und 1813 als Erzählerin von den Brüdern Grimm entdeckt wurde.

    200 Jahre später sind Grimms Märchenbücher auf der ganzen Welt berühmt: Originalexemplare aus der Zeit der Grimms befinden sich in Kassel und wurden 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Auf 600 Kilometern erstreckt sich seit 1975 die "Deutsche Märchenstraße": Zwischen Hanau, dem Geburtsort der Brüder Grimm und Bremen (Bremer Stadtmusikanten) liegen 40 Städte, die in dem Märchenstraßenverbund sind und die Märchen touristisch nutzen. Darunter auch Kassel, wo sich das "Brüder Grimm-Museum" und der Sitz der "Brüder Grimm-Gesellschaft" befinden.

    heute.de: Die Originalfassungen der Märchen sind oft gruselig und blutrünstig. Vertragen Kinder solche Schilderungen?

    Doderer: Es geht vielleicht um die Auswahl und das Vermögen, mit der Grausamkeit umzugehen. Wenn Kinder sich in ihrer Familie geborgen und zuhause fühlen, sollten sie meines Erachtens auch mit den Grausamkeiten der Welt konfrontiert werden. Da ist wieder die Formel am Märchenende hilfreich: Das Happy End ist dazu da, die Grausamkeit der Welt wenigstens literarisch zu überwinden. Mit der verbrannten Hexe in "Hänsel und Gretel" ist eben die Welt wieder in Ordnung und die Kinder in Freiheit.

    heute.de: Warum sind Märchen im 21. Jahrhundert für Kinder und Erwachsene wichtig?

    Doderer: Die Fantasiewelt und damit im Endeffekt auch die Märchenerzählungen als Modelle und Quellen von Erfindungskraft zu sehen, ist etwas sehr Wichtiges. Literatur ist letztlich immer etwas, das uns gefangen nimmt und zugleich wegführt von der Realität. Es ist ein wechselseitiger Prozess, in dem wir die Realität anders zu sehen vermögen, weil wir mit unserer Fantasie einen ganz anderen Horizont bekommen haben. Wenn wir diese Fantasiewelt vernachlässigen – egal ob als erwachsener oder junger Mensch – dann sind wir armselige Realisten.

    Das Interview führte Elisabeth Friedgen

    20.12.2012
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