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Demografischer Wandel

Sind die Baby-Boomer die großen Verlierer?

  • Bild Eine Frage des Geldes
  • Video Demografischer Wandel in Deutschland
  • BildEine Frage des Geldes
    Mann mit Sparschwein
    VideoDemografischer Wandel in Deutschland

    Die ganze Gesellschaft muss sich auf ihre zunehmende Alterung einstellen. Wie das gehen könnte, das ergründen derzeit Politiker und Wissenschaftler in Berlin auf dem Demographie-Kongress.

    (04.09.2012)

    Ist die "Generation Golf" eine Verlierer-Generation? Irgendwann in den Sechzigern geboren, sehen sich heute viele in der Krise: Zwischen gut situierten Rentnern und bestens ausgebildeten Jungen.  "Es ist Licht am Ende des Tunnels", sagt der Volkswirt Reiner Braun im heute.de-Interview zum Start des Wissenschaftsjahrs zum Demografischen Wandel. 

    heute.de: Herr Braun, Sie und ich gehören beide zu den Baby-Boomern aus den Sechzigern. Hand aufs Herz: Sind wir nun Teil einer Loser-Generation, dürfen wir hemmungslos und befreit quengeln?

    Reiner Braun: Irgendwie ja, dann wieder auch nicht. So ganz genau kann man es aber leider nicht sagen. Es gibt ja unzählige solcher Generationen-Bilanzierungen, bei denen man vor allem aufs Finanzielle schaut – was wer an Einkommen und Abgaben hat, was wer von der Gesellschaft zurückbekommt. Die Frage, die darüber hinausgeht, ist aber: Wie bewertet man die ganzen nichtmonetären Geschichten? Wie will man überfüllte Klassen aufrechnen gegen das Leid und die Entbehrungen der Trümmerfrauen? Wie das Elend der Flak-Kinder gegen bessere Jobchancen nach Kriegsende aufwiegen?


    heute.de: Also nix mit quengeln?

    Zur Person:

    Der Volkswirt Dr. Reiner Braun arbeitet für das Empirica-Institut. Das Unternehmen berät öffentliche und private Kunden über Strategien für die Entwicklung von Wohnungsmärkten und Vermögensbildung.

    Braun: Wir, die Baby-Boomer, sind die erste Generation, die sieht, was unsere Eltern angehäuft haben. Aber wer jetzt ans Erben denkt, sollte sich da besser nicht drauf verlassen. Diese Elterngeneration ist ganz schön konsumorientiert, man geht in Frührente und macht Weltreisen. Es wird eine Menge Geld für Gesundheit und Wohlfühlen ausgegeben. Und im Zweifelsfall folgt auf diese Jahre dann eine kostenintensive Pflege – und alles ist weg. Wir auf der anderen Seite müssen uns jetzt selber um unsere Altersvorsorge kümmern – und das ohne Vorbilder. Und auch noch schnell, denn davor haben sich viele von uns die letzten zehn Jahre gedrückt.


    heute.de: Endlich ist es raus! Jetzt können so einige ganz befreit ihre Baby-Boomer-Depressionen pflegen.

    Braun: Nicht nur einige, sondern viele. Wir waren ja immer die Vielen. Auf dem Spielplatz, in der Klasse, im Hörsaal. Als Studenten hatten wir erst Probleme, ein preiswertes Zimmer zu kriegen, dann gab es auf dem Arbeitsmarkt Gedränge, die anderen von uns. Viele haben die Löhne kaputt gemacht, und die Karriereleiter war auch noch verstopft. Und heute macht genau diese Generation auch noch die Mieten in den angesagten Vierteln der prosperierenden Ballungsräume teilweise unerschwinglich teuer.


    heute.de: Moment, ich muss gerade kurz nachdenken. Wenigstens war meine Kindheit aber gar nicht sooo schlecht!

    Braun: Genau, das ist die andere Seite der Medaille. Unsere Kindheit und Jugend waren von ganz guten Rahmenbedingungen geprägt. Wir hatten eine Menge Spiel- und Lernkameraden, und da wir viele waren, war es später auch bei der Partnersuche gar nicht so schwierig. Überhaupt waren die 80er Jahre ja nicht so übel.

    heute.de: Von Schulterpolstern und Lederkrawatten mal abgesehen. Aber das haben wir ja erfolgreich überwunden…

    Braun: Wir sind dabei, noch ganz andere Dinge zu überwinden. Unsere Generation ist die erste, die feststellt, dass sich auch im Alter Karrieremöglichkeiten ergeben. Wir erleben ja gerade, dass es in vielen Branchen kein Problem mehr ist, auch jenseits der 65 zu arbeiten. Uns dünkt ja schon lange, dass wir immer länger arbeiten müssen, uns wird aber auch klar, dass das für die Masse funktionieren kann. Eine gute Gelegenheit übrigens, die Frage der lückenhaften Altersvorsorge noch erfolgreich in Angriff zu nehmen. Auch wenn wir unsere Zukunft besser planen müssen als die Generation davor und es nicht mehr die großen Wohlstandssprünge von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gibt, ist da Licht am Ende des Tunnels.

    "Die demografische Chance"

    Die Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel rückt zunehmend in den Mittelpunkt der Politik. Am Dienstag eröffnet Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) im Berliner Museum für Naturkunde das "Jahr der Wissenschaft", das sich in diesem Jahr mit der Alterung der Gesellschaft und den Folgen des Bevölkerungsrückgangs beschäftigt. Eröffnet wird zugleich eine Ausstellung unter dem Titel "Zukunft leben: Die demografische Chance", die in mehreren deutschen Städten gezeigt wird.

    Chance statt Bedrohung und Mut zum Umdenken statt Resignation: Die für das Wissenschaftsjahr mit verantwortliche Nationale Akademie der Wissenschaften "Leopoldina" warnt vor Panikmache und fordert dazu auf, den Wandel aktiv zu gestalten. "Wir werden älter. Wir werden weniger. Wir werden vielfältiger" so lauten die positiv formulierten Leitplanken, mit denen sich Politik und Bürger auseinandersetzen sollen. Ganz nebenbei will die Wissenschaft zeigen, dass sie an zentralen Zukunftsthemen arbeitet und auch Lösungsansätze bietet.

    heute.de: Auch für die folgenden Generationen?

    Braun: Die heute 20-Jährigen sehen einige Dinge fast schon zu positiv und haben Vorstellungen von Deutschland, wie es unsere Elterngeneration hatte: Deutschland steht vorne, hat keine Probleme und geht einfach so durch die Krise. Hinzu kommt, dass die Generation der 20-Jährigen mit einem anderen Verständnis von Globalisierung aufwächst. Man lebt seit der Kindheit in großen Netzwerken, studiert im Ausland und ist später auch bei der Jobsuche durchaus international ausgerichtet. Die sind gut vorbereitet, auch wenn sie manches zu rosig sehen.


    heute.de: Und meine Jungs, die jetzt fünf und sieben Jahre alt sind?

    Braun: Da haben Sie aber ganz schön spät angefangen. Ich denke aber, dass es auch für diese jüngste Generation Hoffnung gibt. Es ist zwar schwierig, die weltweite Entwicklung für die kommenden 20 Jahre vorauszusagen, aber im Zweifelsfall machen die ihren Studienabschluss irgendwo in den USA oder in Peking – und dann ist es denen ohnehin wurscht, wo sie ihren Job bekommen. Das wichtigste Ziel für die Jüngsten heißt: Bildungsstandards hoch halten und deren Möglichkeiten zur Qualifizierung weiter verbessern.

    Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

    26.02.2013
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