Verknappung, Verkürzung, Verhunzung – wenn von der Sprache in sozialen Netzwerken die Rede ist, hagelt es von Sprachforschern oft Kritik. Zu Unrecht, meint der Linguist Michael Beißwenger. "Die Internet-Kommunikation erweitert den Zugang zur Schriftsprache", sagt er im heute.de-Interview.
heute.de: Herr Beißwenger, heute am Tag der Muttersprache werden wahrscheinlich wieder die Hüter der wahren Sprache besorgt auf den Sprachgebrauch im Internet schauen. Verhunzt die Kommunikation in sozialen Netzwerken mit ihren vielen Verknappungen die deutsche Sprache?
Michael Beißwenger: Die Bedenken muss man natürlich ernst nehmen. Aber man muss ihnen entgegenhalten, dass das Erstaunen an der Kommunikation in den sozialen Netzwerken vor allem damit zu tun hat, dass dort Schrift verwendet wird, um spontane Dialoge zu führen. In unserer mündlichen Kommunikation verknappen wir auch sehr viel, wenn wir davon ausgehen, dass unser Gesprächspartner den Zusammenhang versteht. Und wenn er uns nicht versteht, kann er direkt zurückfragen.
Zur Person
Dr. Michael Beißwenger ist Mitarbeiter und Dozent am Lehrstuhl für Linguistik der deutschen Sprache und Sprachdidaktik der Universität Dortmund.
heute.de: Meist wird die Sprache in den sozialen Netzwerken aber mit der Sprache in Büchern oder Zeitungen verglichen.
Beißwenger: Texte in Büchern oder Zeitungen haben aber ganz andere Rahmenbedingungen und Funktionen. Sie richten sich an Adressaten, die sie zu einem späteren Zeitpunkt lesen und sie verstehen müssen, ohne direkt zurückfragen zu können. Der Text muss also alle Fragen, die der Adressat an ihn haben könnte, aus sich heraus beantworten.
heute.de: Und in der Internetkommunikation?
Beißwenger: Dort sind die schriftlichen Äußerungen häufig so konzipiert, dass sie von Leuten verstanden werden können, die am unmittelbaren Dialoggeschehen beteiligt sind. Es geht darum, möglichst schnell, spontan und schlagfertig zu antworten. Dadurch ähnelt der Sprachgebrauch in vielen Fällen viel eher der gesprochenen Umgangssprache als der redigierten Sprache in Büchern und Zeitungen. Sprache wird beim dialogischen Kommunizieren im Netz sehr ökonomisch gehandhabt, zum Beispiel wenn Leute konsequent klein schreiben oder Tippfehler unkorrigiert lassen. Auf der anderen Seite finden wir auch innovative sprachliche Mittel.
heute.de: Welche sind das?
Beißwenger: Es sind neue Formen für das ausgebildet worden, was wir in der mündlichen Kommunikation mit Intonation, Mimik und Gestik ausdrücken. Bestes Beispiel sind die Smileys, die dem Ausdruck von Zufriedenheit, Traurigkeit oder Ironie dienen.
heute.de: Mit dem Beispiel kommen Sie mal einem Germanisten alter Schule.
Beißwenger: Weil der das vielleicht für Spielerei oder Beiwerk hält. Ist es aber nicht, sonst hätten die Smileys sich nicht so systematisch weltweit durchgesetzt. Gerade in den interaktiven Formen des Schreibens haben sie ganz wichtige Funktionen, wie die der Verständnissicherung und der emotionalen Kommentierung. Mittlerweile haben sie sich in anderen Formen der Schriftverwendung außerhalb des Netzes fortgepflanzt, wie auf Postkarten oder in der Zettelkommunikation. Überall dort, wo schriftliche Sprache für den Dialog verwendet wird.
heute.de: Welche neuen Mittel hat die schriftliche Kommunikation im Internet noch ausgebildet?
Beißwenger: In Chats, aber auch den Diskussionsseiten von Wikipedia, gibt es so genannte Aktionswörter wie grins, knuddel, freu, nachdenk, zweifel. Oder Adressierungsausdrücke, um deutlich zu machen, auf welchen Vorbeitrag man sich bezieht, wie @beißwenger. Das würde ich in der mündlichen Kommunikation beispielsweise durch Körperzuwendung machen.
heute.de: Die sozialen Netzwerke haben von den Blogs über Facebook bis zu Twitter immer kürzere Formen ausgebildet. Hat sich dadurch die Sprache mit verändert?
Beißwenger: Wenn ich wie bei Twitter nur 140 Zeichen zur Verfügung habe, passe ich dem meine Sprachverwendung natürlich an. Wie früher bei den Telegrammen, wo jedes Wort Geld kostete und man sich möglichst kurz fasste: ankomme Freitag den 13. Bei Twitter wird zusätzlich mit Links und Hashtags gearbeitet, die auf ausführlichere Inhalte verweisen. Auf jeden Fall stehen die neuen Sprachmittel nicht in Konkurrenz zum Sprachgebrauch außerhalb des Netzes.
heute.de: Gibt es denn vielleicht sogar positive Auswirkungen der Internet-Kommunikation auf den allgemeinen Sprachgebrauch?
Beißwenger: Ja, indem sie die Schrift in die Interaktion und den Dialog zurückholt, also die Bereiche erweitert, für die wir Schrift verwenden. Und dafür die nötigen Ausdrucksmittel kreiert.
heute.de: Sind Smileys heute Teil unserer Muttersprache?
Beißwenger: Sie sind auf jeden Fall ein Ausdrucksmittel, mit dem viele Leute heue selbstverständlich umgehen.
Das Interview führte Ralf Lorenzen