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Neue Stromautobahn startet
Vorzeige-Trasse für ein bisschen Energiewende
VideoNeue Trasse für Energiewende
VideoWer profitiert vom Netzausbau?
VideoEuropa: Energie-Preise im Vergleich
InfografikDer Strom-Mix in Deutschland
Der Netzausbau - eines der zentralen Probleme der Energiewende. Doch punktuell geht es voran: Heute ging die 95 Millionen Euro teure Stromautobahn zwischen Schwerin und Hamburg in Betrieb. Regierungsexperten stellen Schwarz-Gelb bei der Energiewende aber ein mäßiges Zeugnis aus.
Bei den Nordsee-Windparks fehlen Netzanschlüsse, hier drohen massive Verzögerungen und Milliarden an Zusatzkosten. An manchen Stellen immerhin geht es voran. Die 88 Kilometer lange und 95 Millionen Euro teure Stromautobahn zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein soll am heutigen Dienstag endlich in Betrieb gehen. Als "Windsammelschiene" soll die neue Freileitung den vielen Windstrom aus dem Norden und Nordosten transportieren. Insbesondere der Großraum Hamburg, aber auch Ballungszentren im Süden sollen so sicher mit Öko-Strom versorgt werden.Synonym für das Stocken der EnergiewendeDer Lückenschluss für die "Windsammelschiene" allerdings dauerte Jahre. So wurde die Nordleitung zum Synonym für das Stocken der Energiewende. Bis 2010 stand die 380-kV-Leitung vom Umspannwerk Görries bei Schwerin bis zur Landesgrenze. Erst im April dieses Jahres kam der nötige Planfeststellungsbeschluss aus Kiel. Im Mai begannen die Arbeiten am grenzüberschreitenden Lückenschluss, um die Stromtrasse in Windeseile zu vollenden.Die Starkstrom-Trasse verkörpert für den Kieler Energieminister Robert Habeck schon ein Stück Energiewende, obwohl sie eben erst vor zehn Jahren auf den Weg gebracht wurde. Bisher hätten die Netze in Ost- und Westdeutschland praktisch getrennt voneinander funktioniert. "Die Leitung ist gewissermaßen eine Windsammelschiene, weil sie Windstrom aus Mecklenburg-Vorpommern aufnimmt und über den Knotenpunkt am Atomkraftwerk Krümmel in den Großraum Hamburg sowie darüber hinaus nach Süden leitet", erklärte der Grünen-Politiker. "Hier materialisiert sich also die Energiewende."
So steht´s um die Energiewende
So wird Strom erzeugt
Die Kohle ist mit einem Anteil von 44 Prozent am Stromenergiemix der derzeit mit Abstand wichtigste Energieträger bei der Stromerzeugung. Braunkohle hat einen Anteil von 25 Prozent, Steinkohle von 18 Prozent. Erdgaskraftwerke erzeugen 14 Prozent des Stroms, auf sonstige Energieträger entfällt ein Anteil von fünf Prozent.
Die erneuerbaren Energien haben im vergangenen Jahr nach Angaben des Bundesverbands Energie und Wasserwirtschaft mit einem Anteil von 20 Prozent an der Stromerzeugung den Stromausstoss deutscher Kernkraftwerke (18 Prozent) überflügelt. Inzwischen ist der Anteil der erneuerbaren Energien sogar auf ein Viertel gestiegen. Wichtigster Energieträger ist der Wind mit einem Gesamtanteil von acht Prozent, gefolgt von Wasser (fünf Prozent), Biomasse und Sonne (jeweils drei Prozent).
Das will die Bundesregierung
Erneuerbare Rohstoffe, wie Sonne, Wasser und Wind sollen bis zum Jahr 2050 mehr als die Hälfte der benötigten Energie erzeugen. Bis zum Jahr 2028 soll der Anteil bei 28 Prozent liegen. Parallel dazu erfolgt der Ausstieg aus der Atomenergie, den Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) jüngst als "unumkehrbar" bezeichnete. Im Jahr 2022 soll das letzte Kernkraftwerk vom Netz gehen, ohne dass es zu Stromengpässen kommt.
Die Regierung hat einen Katalog mit über 180 Maßnahmen vorgelegt. Dabei geht es nicht nur um neue Kraftwerke, sondern auch um mehr Effizienz. Einer Studie des Fraunhofer Instituts zufolge kann der Energiebedarf in der EU bis 2050 um zwei Drittel gesenkt werden. Altmaier setzt dabei vor allem auf Information: Bis 2020 soll jedem Bundesbürger eine kostenlose Energieberatung angeboten werden können.
Was bisher geschah
Nach dem Reaktorunglück von Fukushima im März 2011 machte die Bundesregierung die Kehrtwende und beschloss den Ausstieg aus der Kernkraft. Im Sommer 2011 fasste sie die Beschlüsse zur beschleunigten Energiewende.
Gleichzeitig senkte der Bund die Förderung für große Solarparks um bis zu 30 Prozent. Für größere Dachanlagen (10 bis 40 Kilowatt) ist die Förderung dagegen auf 18,50 Cent je Kilowattstunde angehoben worden. Hier hat sich die Opposition im Vermittlungsausschuss durchsetzen können.
Im Weiteren wird zum Jahreswechsel die Umlage auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) um fast 50 Prozent auf 5,28 Cent je Kilowattstunde angehoben. Kritiker bemängeln die Umlage als ungerecht, weil große Stromverbraucher davon befreit sind.
Das kostet die Energiewende
Die Schätzungen, wie teuer die Energiewende wird, gehen weit auseinander. Die Bundesregierung sieht einen Investitionsbedarf in Höhe von 550 Milliarden Euro bis 2050. Dabei schlagen allein die Kosten für den Bau neuer Stromautobahnen mit etwa 40 Milliarden Euro zu Buche. Den Löwenanteil sollen aber die energetischen Sanierungskosten von Häusern verschlingen. Hier rechnet die Regierung mit einem Bedarf 300 Milliarden Euro.
Die Strompreise dürften weiter steigen, obwohl der Verband der Elektrotechnik (VDE) vorrechnet, dass gerade mal ein Anstieg um zehn Prozent bis 2050 nötig wäre. Die Erklärung: Brennstoffe wie Kohle oder Gas werden immer teurer. Wind und Sonne gibt es quasi gratis. Und die Technologie, aus diesen Trägern Energie zu erzeugen, sei im Preis stetig gesunken.
Die größten Probleme
Mit großen Stromtrassen soll dem ersten großen Problem beigekommen werden: Wie kann Strom in ausreichendem Maße vom Produktionsort zu den Verbrauchsstellen transportiert werden? Vor allem die Windenergie wird weiter an Bedeutung gewinnen. Die Windanlagen liegen meist an und vor der Küste, verbraucht wird der Strom weiter südlich.
Das zweite Problem: Wenn Flaute herrscht und es dunkel ist, wird dennoch Strom verbraucht. Die Lagerung wirft große Probleme auf. Einige Stromversorger liebäugeln sogar wieder mit der eigentlich veralteten Technik der Nachtspeicheröfen.
Bürgerinitiativen wehren sich zudem gegen eine "Verspargelung der Landschaft". Sie wollen nicht neben Windkraftanlagen oder Stromtrassen wohnen. Die Bereitschaft der Menschen, bei der Energiewende mitzumachen, ist schwer zu wecken.
(Autor: Jan-Ole Kraksdorf)
Das Stromnetz
380-Kilovolt-Leitung zwischen Schwerin und Hamburg
Die Stromleitungen
Das deutsche Stromnetz umfasst Autobahnen, Bundes-, Land- und Gemeindestraßen, über die der Strom zur Steckdose kommt. Es gibt vier Betreiber von Stromautobahnen, sogenannten Höchstspannungsleitungen: Tennet, Amprion, 50Hertz und TransnetBW. Sie speisen den Großteil des Stroms ein und verteilen ihn über lange Distanzen. Hinzu kommen rund 735 Verteilnetzbetreiber, darunter viele Stadtwerke, die den Strom vor Ort zum Verbraucher bringen.
Das gesamte Stromnetz umfasst nach den neuesten Zahlen der Bundesnetzagentur 1,9 Millionen Kilometer. Über die Verteilnetze werden rund 97 Prozent der erneuerbaren Energien eingespeist - sie waren aber bisher nicht dafür ausgelegt, dass plötzlich überall auf dem Land Wind- und Solarstrom im großen Stil erzeugt wird. Die größte Herausforderung bei der Energiewende ist der Ausbau der Stromautobahnen.
Das Netz gliedert sich gemessen an der Stromkreislänge wie folgt:
- Höchstspannung (380 Kilovolt): 34 797 Kilometer;
- Hochspannung (110 oder 60 kV): 95 022 Kilometer;
- Mittelspannung (30 bis 3 kV): 532 894 Kilometer;
- Niederspannung (400 oder 230 Volt): 1 241 361 Kilometer.
Die Experten fordern mehr Anstrengungen, um das Energiesparen in Gebäuden zu verbessern, wo 40 Prozent der Energie verbraucht werden. Auch im Verkehr müsse mehr passieren. Die Bundesregierung will am Mittwoch ihren ersten Monitoringbericht zur Energiewende in Berlin vorstellen. Für den kritisierten Bereich Energieeffizienz ist innerhalb der Bundesregierung Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) zuständig.



