von Ralf Lorenzen
Verzögerungen und Mehrkosten in Milliardenhöhe: 2012 war kein gutes Jahr für bauliche Großprojekte in Deutschland. Nun zweifelt Verkehrsminister Ramsauer auch am neuen Eröffnungstermin des Berliner Flughafens. Steckt die deutsche Wertarbeit in der Krise?
Bei der Elbphilharmonie in Hamburg ging es außer bei den Kosten kaum voran. Die Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg musste im Juni kurz vorher abgesagt werden. Die von der Bahn bei Siemens bestellten neuen ICE-Züge konnten nicht rechtzeitig ausgeliefert werden. Für das Bauprojekt Stuttgart 21 musste die Bahn rund eine Milliarde Euro nachkalkulieren.
Münchner Olympiastadion 13-mal teurer
Links
Mitdiskutieren auf Facebook
und bei Google+
Das ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich
"Das hat es auch früher schon gegeben", sagt Fritz Berner, Professor am Institut für Baubetriebslehre der Universität Stuttgart, der das Scheitern diverser Großprojekte analysiert hat. "Das Münchner Olympiastadion mit der neuartigen Dachkonstruktion hat 1972 das 13-Fache vom veranschlagten Baupreis gekostet. Es gibt genügend Großprojekte, die vernünftig abgewickelt werden, aber dann berichtet kein Mensch darüber."
Von einer Krise deutscher Wertarbeit will auch Wieland Cichon, Professor für Projektberatung und Projektmanagement an der Hochschule München, nichts wissen. "Die Erfolge im Export zeigen doch, dass deutsche Firmen in die Lage sind, Großprojekte zu stemmen und Qualität zu produzieren."
Keine unternehmerische VerantwortungAlles gut also? Mitnichten, beide Experten lassen kaum ein gutes Haar daran, wie insbesondere staatliche Stellen Projekte planen, steuern und kontrollieren. "Die öffentliche Hand hat weder die Erfahrung noch die Kernkompetenz, wenn es um die Abwicklung großer Vorhaben geht", sagt Wieland Cichon.
Der Staat sei von seiner Organisationsstruktur nicht darauf eingerichtet, einmalige Projekte umzusetzen, meint auch Fritz Berner. "Die Personen an den Schaltzentralen haben nicht die unternehmerische Verantwortung, wie sie ein Privatunternehmen hat."
Know How aufbauen oder einkaufenIn Großbritannien gibt es für die Planung von Großprojekten wie Flughäfen zentrale Stellen, um das Wissen nicht bei jedem Projekt neu aufbauen zu müssen. "Wenn jemand dieses Know-how im Land nicht aufgebaut hat, sollte ein Generalunternehmer eingesetzt werden, der schon mal einen Flughafen gebaut hat", so Berner.
Generalunternehmer hätten außerdem den Vorteil, dass sie für ihre Nachunternehmer nicht an so enge Vergaberichtlinien gebunden seien wie die öffentliche Hand. "Beim Flughafen Berlin-Brandenburg gab es Angebote von vier Generalunternehmern, die sich um eine Milliarde Euro bewegten. Das war den Ländern zu teuer."
Realität straft abBerlin und Brandenburg bauten selbst, die aktuelle Kostenschätzung liegt bei 4,3 Milliarden Euro. "Falls Politiker glauben, dass 'riesige' Profite bei Privaten anfallen, die doch besser beim Staat bleiben sollten, dann straft die Realität dieses Handeln ab", sagt Wieland Cichon dazu.
Im Gegensatz zum neuen Großflughafen gibt es bei der Hamburger Elbphilharmonie, deren Kostenangaben mittlerweile von 77 auf 575 Millionen Euro gestiegen sind, mit dem Baukonzern Hochtief einen Generalunternehmer. "Aber die Stadt hat sich unter Druck gesetzt, Aufträge zu vergeben, als die Planungen noch lange nicht fertig waren", sagt Fritz Berner. "Dann stellte das ausführende Unternehmen fest, dass die vorhandenen Pfähle nicht die Auflast des neuen Bauwerks aufnahmen." Nach und nach zeigten sich weitere Planungsfehler.
Aber auch Großprojekte im industriellen Bereich haben mit Tücken zu kämpfen, wie die verspätete Auslieferung des Airbus A 380 oder der neuen ICE-3-Züge durch Siemens zeigte. "Bei Planungen am Computer werden die technischen Dinge immer besser ausgereizt", sagt Fritz Berner. "Das kann auf Kosten von einzelnen Komponenten gehen. Und das stellt man dann erst beim Test unter der echten Belastung fest."
Kostendruck und GigantomanieWieland Cichon nennt zusätzlich Ursachen wie den steigenden Kostendruck, den menschlichen Hang zu Gigantomanie und Selbstüberschätzung sowie die zunehmende Internationalisierung von Projekten. Außerdem scheiterten Projekte, weil im Verlauf immer neue Anforderungen und Wünsche formuliert werden. "Ein Projektmanagement darf so etwas nicht einfach durchwinken, weil man politischen Interessengruppen einen Gefallen schuldet oder einzelne Personen sich ein Denkmal setzen möchten."