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26.05.2013

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Digitalisierung

Wenn Bücher zu Software werden

  • Bild von Gehlens Buch "Eine neue Version..."
  • Video So geht Crowdfunding
  • Bildvon Gehlens Buch "Eine neue Version..."
    Jedes Buch der Premium-Ausgabe bekommt ein unterschiedlich gestaltetes Cover.
    VideoSo geht Crowdfunding
    (01.07.2012)

    "Ich öffne meine Schreibstube": Der renommierte Autor Dirk von Gehlen schreibt ein Buch darüber, wie die Digitalisierung die Welt verändert - und lässt die Nutzer, die sein Werk übers Internet finanzieren, beim Entstehen über die Schulter schauen. 

    Seit zwei Dekaden krempelt die Digitalisierung unsere Welt gründlich um. Verlage und Künstler sind von den Veränderungen besonders stark betroffen - sei es nun positiv oder negativ. Der Journalist und Autor Dirk von Gehlen verfasst Bücher über dieses Spannungsfeld. Auch sein neues Werk "Eine neue Version ist verfügbar" wird davon handeln. Doch es besitzt mehrere Besonderheiten: Erstens: Statt über einen Verlag finanzierte der Autor das Buch über Crowdfunding, er ließ also die Nutzer vorab im Internet bezahlen. Dabei sammelte das Projekt mehr als das Doppelte der gewünschten Finanzierungssumme ein. Zweitens: Das Buch wird erst geschrieben. Die Leser bekommen nicht nur das fertige eBook oder eine gedruckte Kopie, sondern auch vollen Einblick in seinen Entstehungsprozess.

    Zur Person
    Dirk von Gehlen

    Journalist und Autor Dirk von Gehlen leitet die Abteilung "Social Media/Innovations" der "Süddeutschen Zeitung". Der Absolvent der Deutschen Journalistenschule befasst sich seit Jahren mit der Digitalisierung und ihren Folgen, unter anderem als Dozent,  Blogger oder im Buch "Mashup - Lob der Kopie“.

    heute.de: Sie haben mit "Mashup - Lob der Kopie" ein heftig diskutiertes Buch veröffentlicht. Worum gehts im Nachfolger "Eine neue Version ist verfügbar"?

    Dirk von Gehlen: Mein Ausgangspunkt lautet: Kann in der oft gescholtenen digitalen Kopie nicht auch eine Chance für Kreative liegen? Die Digitalisierung löste Inhalte von ihrem bisherigen Datenträger. Sie wechseln quasi ihren Aggregatzustand, tauen sozusagen auf. Der Buchtitel bedient sich der Software-Terminologie, weil ich glaube, wir müssen diese digitalisierten Inhalte wie Software denken, die in Versionen ausgeliefert wird. Nicht einzig wie ein unveränderliches Werkstück.

    heute.de: "Eine neue Version ist verfügbar" - das klingt, als funktioniere Ihr Buch wie ein Stück Software.

    von Gehlen: Beim Sport ist alles klar: Beim Fußball entsteht in der Ergebnisproduktion die Begeisterung. Das 1:0 entscheidet über Sieg oder Niederlage, die Faszination und Begeisterung der Fans entsteht aber über den Entstehungsprozess, also übers Spiel. Kultur dagegen verstehen wir bisher wie ein Fußballspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Dichterstube ist ein geheimer Ort, den das Publikum nicht zu sehen bekommt. Dabei wäre das erstmals in der Menschheitsgeschichte möglich: Die Entstehung von Kulturprodukten zu dokumentieren. Wir können Menschen daran teilhaben lassen, wie ein Song oder ein Text entsteht. Nicht mehr einzig das Ergebnis ist wertvoll, sondern auch sein Entstehungsprozess.

    heute.de: Welchen Zugang gewähren Sie Ihren Crowdfunding-Unterstützern?

    von Gehlen: Ich öffne sozusagen meine Schreibstube, zeige ihnen die unterschiedlichen Versionen des Textes. Ich weiß nicht, ob das für mich schön oder für Leser interessant ist. Ich weiß aber, dass darin ein Mehrwert liegen könnte. Dass die Leser nicht mit einem Ergebnis konfrontiert werden, sondern die Entstehung verfolgen und vielleicht sogar daran teilhaben können.

    heute.de: Welches Angebot wird denn am besten angekommen? Schnödes ebook oder teures Print?

    von Gehlen: Es gibt ein personalisiertes Angebot mit individualisiertem Cover auf Papier, das etwas teurer ist. Erstaunlich ist, dass dieses Premium-Buch sich sehr gut verkauft. Das eBook findet aber auch Leser.

    Links
    Durch die Augen des Anderen

    heute.de: Lohnt sich der ganze Aufwand für Sie als Autoren oder ist es ein "Liebhaberprojekt"?

    von Gehlen: Es lohnt sich, wenn man nicht nur auf den finanziellen Aspekt achtet, denn es ist eine sehr dialogische Form der Kulturfinanzierung. Ich sehe Crowdfunding als erstaunliche Ergänzung, aber sicher nicht als Ersatz für klassische Modelle.

    heute.de: In Wikipedia kann man alle Veränderungen an einem Artikel nachverfolgen. Wird es von "Eine neue Version ist verfügbar" auch so eine "historisch-kritische Edition"?

    von Gehlen: Vielleicht. In jedem Fall wird man die Versionen nachverfolgen können. Wenn man sich das auch für andere Formen von Text vorstellt, erkennt man den Wert, der in einer solchen Transparenz liegen kann: Eine Dissertation, die sich dem Vorwurf des Plagiats ausgesetzt sieht, kann über eine Dokumentation der eigenen Enstehung durchaus ihre Berechtigung nachweisen. Bei Bio-Lebensmitteln sind wir an diese Art der Offenlegung der Produktionsbedingungen schon gewöhnt, warum eigentlich nicht für Texte und Kultur?

    Das Interview führte Anatol Locker

    19.12.2012
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