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23.05.2013

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50 Jahre Welthungerhilfe

"Wir bauen nicht mehr nur Brunnen"

  • Bild Welthungerhilfe in Darfur
  • Interaktiv Welthungerindex
  • Video Hohe Getreidepreise: Hunger und Profit
  • Video Dieckmann: "Welthunger bekämpfen"
  • BildWelthungerhilfe in Darfur
    InteraktivWelthungerindex
    Interaktiv: Welthungerindex / Quelle: zdf
    (Quelle: zdf)
    VideoHohe Getreidepreise: Hunger und Profit
    (17.10.2012)
    VideoDieckmann: "Welthunger bekämpfen"
    (17.10.2012)

    Genug zu essen für alle - dafür setzt sich seit 50 Jahren die Welthungerhilfe ein. Aber längst mit neuen Methoden: "Wir bauen nicht mehr nur Brunnen. Wir investieren in erneuerbare Energien", sagt Welthungerhilfe-Präsidentin Bärbel Dieckmann im heute.de-Interview. 

    heute.de: 50 Jahre Welthungerhilfe: Wo sehen Sie die Organisation heute im Vergleich zum Beginn? Ist die Welt seitdem "satter" geworden?

    Bärbel Dieckmann: Die Welthungerhilfe ist in den vergangenen 50 Jahren stark gewachsen. Wir waren die erste große nicht-konfessionelle Organisation in Deutschland. Unser Schwerpunkt ist geblieben: die Hungerbekämpfung. Unser Anliegen bleibt wichtig, auch wenn die Welt – prozentual gesehen – satter geworden ist. Vor 50 Jahren hungerten knapp unter 30 Prozent der Menschen weltweit, heute sind es 12 bis 13 Prozent. Was sich aber sicher verschärft hat, sind die Folgen von Klimawandel und wir haben Bürgerkriege. 

    Zur Person

    Bärbel Dieckmann ist seit 2008 Präsidentin der Welthungerhilfe.

    Seit 1972 ist sie Mitglied der SPD, war sechs Jahre lang Präsidiumsmitglied und zehn Jahre lang Mitglied des Parteivorstandes. Außerdem war Dieckmann von 1994 bis 2009 Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn.

    Die Welthungerhilfe entwickelt sich seit der Gründung natürlich ständig weiter: Wir setzten etwa auf veränderte Anbaumethoden, verändertes Saatgut. Wir bauen nicht mehr nur Brunnen, sondern sammeln auch Regenwasser. Wir investieren in erneuerbare Energien – ein ganz neues Feld für uns. Und natürlich sind wir  über die Jahre professioneller geworden.

    heute.de: Wo liegen Ihre Baustellen?

    Dieckmann: Eine habe ich schon genannt: wir müssen immer weiter lernen, müssen auf neue Herausforderungen eingehen können – immer auf dem aktuellen Stand des Wissens und der Technik sein. Meine wichtigste Erkenntnis: Dass man von außen immer nur einen Anstoß geben kann. 'Hilfe zur Selbsthilfe' ist das Konzept für die Gegenwart und für die Zukunft. Deswegen haben wir in den letzten Jahren noch stärker Verantwortung übergeben – auch den 2.600 lokalen Mitarbeitern, die wir haben, aber auch den Nichtregierungs-Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten. Denn am Ende entscheiden stabile Zivilgesellschaften vor Ort über die Zukunft eines Landes.

    Links
    Ackerland im Ausverkauf
    www.welthungerhilfe.de
    Das ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich
    heute.de: Sie haben vor Kurzem die massenhafte Landnahme in armen Ländern besonders verurteilt, das so genannte "Land-Grabbing"…

    Dieckmann: Das macht uns riesige Sorgen, weil die Land-Grabber aus vielen großen Staaten kommen – nicht nur aus China oder Indien, denen das immer wieder vorgeworfen wird, sondern auch aus Europa. Wir sprechen inzwischen von 'Land- und Wasser-Grabbing', weil in der Regel Flächen gekauft werden, die eben auch gut mit Wasser versorgt sind. Für mich ist das große Problem dabei, dass das, was ausländische Unternehmen dann auf diesen gekauften Landstücken produzieren, sofort wieder exportiert wird. Die Menschen in den betroffenen Ländern bekommen davon fast nichts, arbeiten zu niedrigsten Löhnen. Gerade Biosprit wird ja in armen Ländern angebaut.

    Land-Grabbing

    Land-Grabbing vs. Landnahme

    Hinter dem englischen Wort für "Landnahme" versteckt sich mehr, als nur ein Anglizismus: unter "Land-Grabbing" versteht man zwar grundsätzlich auch die Landnahme. Der Begriff wird aber insbesondere im Zusammenhang mit Käufen größerer Landflächen durch ausländische Investoren oder Staaten verwendet.
    Im Deutschen vermittelt die Verwendung des Wortes "Land-Grabbing" - im Vergleich zur Landnahme - außerdem häufig den Eindruck einer Aneignung von Land entweder aus zweifelhaften Motiven oder mit zweifelhaften Mitteln.

    Richtlinien für Investoren

    "Freiwillige Richtlinien spielen eine wichtige Rolle. Dadurch wird die Diskussion über Standards von Agrarinvestitionen vorangetrieben und in den Mittelpunkt gerückt", sagt Kerstin Nolte vom GIGA Leibniz Institut für Globale und Regionale Studien. Oft sei es für den Investor nicht einfach, sich "richtig" zu verhalten. Allerdings blieben es Richtlinien, die nicht bindend sind. Daher könnten sie nicht ein Gesetzeswerk auf Länderebene ersetzen, das auch umgesetzt würde.

    "Hier hapert es vor allem in Sub-Sahara-Afrika", so Nolte. Denn Investoren, die sich nicht an freiwillige Richtlinien halten werden, werde es wohl immer geben - insbesondere aus Ländern, in denen es keine aufmerksame Öffentlichkeit gebe, die Ausbeutung durch Landnahmen anprangere.

    heute.de: Schaut man sich die Zahlen an, sind in vielen afrikanischen Ländern ja eigentlich genug Nahrungsmittel für die Versorgung der Menschen vorhanden. Warum kommen die nicht dort an?

    Dieckmann: Hunger ist immer eine Folge von Armut. Es werden ausreichend Nahrungsmittel produziert, um sieben Milliarden Menschen zu ernähren. Aber wir schmeißen weg – etwa zwischen 14 und 20 Millionen Tonnen im Jahr, 1,3 Milliarden Tonnen weltweit. In den Entwicklungsländern gibt es auch Nach-Ernte-Verluste. Das ist ein Grund dafür, weshalb ich immer stärker glaube, dass wir ein gewisses Niveau von sozialen Sicherungssystemen weltweit brauchen – auch in Deutschland würde gehungert, wenn es nicht eine soziale Absicherung gebe.

    heute.de: Wenn Sie sich etwas wünschen könnten für die Zukunft, wäre das dann ein weltweites soziales Sicherungssystem?

    Dieckmann: Ja, das wäre ein wichtiger Schritt. Ich weiß, dass das für viele Länder sehr schwer umzusetzen ist, weil schlicht das Geld fehlt. Aber ich verweise gerne auf das Beispiel Brasilien, denn ein solches System hat dort sehr geholfen. Die Bekämpfung von Hunger und Armut und auch allen Folgen, die damit zusammen hängen, ist teuer. Wir haben viele Entwicklungsländer, in denen schon die Schule Geld kostet, wo es keinen freien Zugang zu Bildung gibt. Wenn Sie dann dort den größten Teil ihres geringen Einkommens für Nahrung ausgeben, dann bleibt ganz schnell nichts mehr für die eigenen Kinder und ihre Schulbildung. Auch nicht für Medikamente zum Beispiel – das sind alles Kreisläufe der Armut, die dann eintreten.

    So kommt Ihre Spende an

    Spende ist nicht gleich Spende

    Die gebundene Spende geht in ein spezielles - vom Spender ausgesuchtes - Projekt der Welthungerhilfe. Das bedeutet auch, dass der Spender nicht nur entscheidet, wem er sein Geld gibt, sondern auch für was. Besonders bei Hilfsaktionen nach Naturkatastrophen ist das üblich, zum Beispiel in Haiti nach Erdbeben und Hurrikan. Sollte eine Organisation mehr Geld bekommen, als sie für das vom Spender gewünschte Projekt braucht, ist es meist üblich den Rest - wie bei einer freien Spende - auf andere Projekte zu verteilen.

    Freie Spenden gehen allgemein der gewählten Hilfsorganisation zu. Die verteilt dann die freien Spendengelder insgesamt auf ihre Projekte. Vorteil: so können auch weniger medienwirksame Projekte weiter finanziert werden.

    Summe ist nicht gleich Summe

    Spenden können ansteckend sein - im Fall der Welthungerhilfe heißt das, dass sich dem Spender sogenannte Co-Finanzierer anschließen. "Jeder Euro, der gespendet wird, wird dabei vervierfacht, weil wir zu jedem Euro Spende eine Co-Finanzierung von vier bis fünf Euro haben", sagt Präsidentin Dieckmann. "So ist der Etat dann vier bis fünf Mal so groß, wie das Spendenergebnis."

    Co-Finanzierer der Welthungerhilfe sind beispielsweise das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), das Auswärtige Amt (AA), die Europäische Union (EU) oder die Vereinten Nationen. Dort können nämlich durch Spenden öffentliche Gelder beantragt werden.

    Spendentopf ist nicht Spendentopf

    Von allgemeinen Spenden werden nicht nur Projekte finanziert, sondern meist auch die Hilfsorganisationen selbst. Im Fall der Welthungerhilfe gingen nach eigenen Aussagen im Schnitt 85 Prozent der Spenden aus den vergangenen fünf Jahren direkt in die Projektförderung.

    Acht Prozent wurden für Öffentlichkeitsarbeit, Werbung und für politische Aufklärungsarbeit aufgewandt. Außerdem weitere fünf Prozent für die Qualitätssicherung durch unabhängige Gutachter. Die Ausgaben für Verwaltungsarbeit beliefen sich nach Aussagen der Welthungerhilfe im Schnitt der letzten fünf Jahre auf rund zwei Prozent.

    Geld auf Reisen

    Ihre Spende landet auf dem Konto der Hilfsorganisation. Nun unterscheiden sich die Wege, auf denen die Spende zum Hilfsprojekt gelangen: bei Organisationen, die vor allem Nothilfe leisten, ist es oft üblich schon "zu Hause" Material oder zum Beispiel Nahrungsmittel einzukaufen. Die werden dann beispielsweise nach Afrika, Südamerika oder Asien transportiert. Auch die Transportkosten werden in solchen Fällen von Spenden bezahlt.

    Die Welthungerhilfe verzichte auf den Einkauf von Nahrungsmitteln oder zum Beispiel auch Zelten fast vollkommen, sagt Bärbel Dieckmann: "Grundsätzlich führen wir keine Lebensmittel ein. Es geht uns immer darum, dass die Menschen selbst produzieren können. Die Ausnahme sind eben Nothilfen – und selbst dann kaufen wir, wenn es irgendwie geht, in der Region ein, um die Märkte dort nicht weiter zu zerstören."

    Der größte Teil der Spenden würde für Investitionen in der Landwirtschaft und in der Wasserwirtschaft aufgewandt, sagt Dieckmann. "Konkret heißt das: es werden Brunnen gebaut, es werden Felder angelegt, es wird aber auch ausgebildet, um das zu können. Also wir bilden zum Beispiel aus in ökologischem Landbau und im Betrieb von Wassersparsystemen."

    Das bedeutet auch: das Geld geht bei der Welthungerhilfe meist nur virtuell auf Reisen - über ein Konto, auf das lokale Helfer am Projektort dann zugreifen, um zu investieren.

    heute.de: 50 Jahre Welthungerhilfe und doch: immer wieder neue Dürren, Umweltkatastrophen, aber auch Kriege und politische Unruhen in Afrika. Woher nehmen Sie Ihre Motivation?

    Dieckmann: Überall wo wir arbeiten, geht es den Menschen nachher besser als vorher –  das ist schon mal ein Satz. Ich habe zum Beispiel im September Bolivien besucht, wo in einem ganzen Landstrich mit indigener Bevölkerung Bauern und Landwirte gelernt haben nach ökologischen Kriterien ihren Dünger herzustellen und anzubauen. Es sind Fraueninitiativen entstanden und das Wissen wird untereinander weitergegeben – sogar an die nächsten Dörfer. Auch die Rückschläge motivieren weiter zu machen, aber mich bestärken vor allem die Erfolge. Zum Beispiel Haiti: Dort war ich gerade Ende November und davor schon vor eineinhalb Jahren. Damals wütete noch die Cholera und Trümmer lagen überall. Jetzt ist immer noch nicht alles wieder aufgebaut. Erdbeben und Hurrikan haben Haiti schwer getroffen und es ist immer noch ein armes Land. Aber zum Beispiel haben alle neu gebauten Häuser in unseren Projektgebieten gehalten – und es gibt Gewinne in der Landwirtschaft. Das motiviert. Wir müssen als Helfer genau diese Anpassungsstrategien umsetzen und vermitteln, sonst arbeiten wir immer nur von Katastrophe zu Katastrophe und das kann es nicht sein.
    Die Welthungerhilfe

    Die Welthungerhilfe entstand 1962 als Teil der globalen Kampagne "Freedom from Hunger Campaign". Unter dem Dach der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) gegründet, ist sie heute eine der größten privaten Hilfsorganisationen Deutschlands. Ihre Mitglieder setzen sich nach eigenen Aussagen für eine gesicherte Ernährung aller Menschen ein, für ländliche Entwicklung und den Erhalt natürlicher Ressourcen. Das Leitprinzip ist dabei "Hilfe zur Selbsthilfe". Die Welthungerhilfe ist besonders in Afrika, Asien und Südamerika aktiv. In den 50 Jahren ihres Bestehens förderte sie nach eigenen Angaben mit etwa 2,25 Milliarden Euro rund 4.500 Selbsthilfeprojekte, 1.100 Projekte für Kinder und Jugendliche und über 1.000 Nothilfeprogramme in 70 Ländern.

    Das Interview führte Lucia Hennerici

    14.12.2012
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