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Brandanschlag von Mölln
"Sie sagte 'Papa', bevor sie starb"
VideoGedenken an Brandanschläge von Mölln
VideoMölln: 20 Jahre nach dem Nazi-Anschlag
GrafikAusländerfeindlichkeit in Deutschland
VideoRechte Gesinnung auf dem Vormarsch
von Hermann-Uwe BerndVor 20 Jahren entsetzte der Brandanschlag auf ein Haus in Mölln die Republik. Bis heute hat das Nazi-Verbrechen Spuren hinterlassen. Ein Treffen mit Faruk Arslan, dessen Tochter, Nichte und Schwiegermutter im Rauch erstickten - und der sich noch immer fragt "Warum wir?".Ich treffe Faruk Arslan nicht weit weg von Mölln in einem kleinen Café in einer norddeutschen Großstadt. Ein freundlicher Mann Ende 40, der sich sehr gut ausdrücken kann und ein einnehmendes Wesen hat.Das Trauma verfolgt Arslan
Je länger das Gespräch dauert, desto mehr öffnet sich Faruk Arslan. Er erzählt, wie er die schrecklichen Ereignisse des 23. November 1992 erlebt hat. Jene Nacht, die sein Leben und das seiner Familie so veränderte.Mit fällt auf, dass Faruk Arslan zwar mit klarer Stimme spricht, dass seine Beine aber bei jedem Wort mitwippen. Er ist aufgewühlt, spricht darüber, dass er Tabletten nimmt und unter psychologischer Betreuung steht. Immer wieder holen ihn die Ereignisse der Brandnacht ein, sagt er. Er leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, kann nicht arbeiten und bekommt Geld vom Amt.Die Mädchen und die Großmutter erstickten Die Neonazis schlugen in der Nacht zu, an einem Montag. Michael P. und Lars C. warfen Brandcocktails in das Altstadthaus in der Mühlenstrasse von Mölln, wo die Familie Arslan wohnte. Faruk war an diesem Abend in Hamburg, bei Freunden, wie er sagt.Im Haus schliefen Ibrahim, Faruks siebenjähriger Sohn, Yeliz, die zehnjähirge Tochter und die 14-jährige Nichte Ayse gemeinsam in einem Zimmer. Auch Faruks Frau und Eltern waren im Haus. Die zwei Mädchen und die Großmutter erstickten im Rauch des Feuers."Warum wir?"Seine Frau rettete sich mit einem Sprung aus dem Fenster, Sohn Ibrahim überlebte eingewickelt in nasse Decken das Inferno. Auch sein kleiner Bruder überstand das Feuer, ihn hatte die Mutter aus dem Fenster in ein Tuch der Feuerwehr geworfen.Dramatische Stunden, sagt Faruk Arslan, und ich war nicht da. Noch immer fragt er sich, ob er etwas hätte ändern können, wenn er in Mölln gewesen wäre. "'Papa', sagte meine Tochter noch, bevor sie starb." Faruk Arslan wird dieses Bild nicht los, seine Stimme stockt: "Dann ist sie von uns gegangen.""Warum wir?" fragt er sich bis heute. Er kannte einen der Täter, Michael P., ein stadtbekannter Skin, "ein dummer Junge, den er nichts hasst, aber dem er nie verzeihen wird." Und, wie er heute sagt, "den Gott irgendwann bestrafen wird."Eine typische GastarbeitergeschichteAnfang der Siebziger kamen die Arslans nach Mölln, eine typische Gastarbeitergeschichte begann. Vom Schwarzen Meer nach Deutschland. Alles war gut, erinnert sich Faruk Arslan. Die Mutter arbeitete 20 Stunden am Tag, war die Chefin im Hause, die Seele der Familie. "Sie war sehr beliebt in Mölln", sagt er, "beliebter als ich."Lange musste Faruk damit leben, dass man ihn anfangs sogar als Brandstifter in Verdacht hatte, und er empört sich darüber so, dass er beim Sprechen wieder mit dem Fuß wippt.Das Leid dauert anFaruk bestattete die Toten in seiner Heimat am schwarzen Meer, aus Mölln zog er mit seiner Frau und den Söhnen vor zwölf Jahren weg. Wohin verschweigt er, auch, weil die beiden Täter längst wieder auf freien Fuß sind. Doch die Vergangenheit holt die Familie immer wieder ein, vor allem natürlich an den Jahrestagen des Anschlages.Nicht nur Faruk ist krank, auch Sohn Ibrahim leidet unter chronischem Husten und Schlafstörungen, posttraumatischen Reflexen. Ehefrau Hava nimmt noch immer starke Schmerzmittel. Sie erlitt beim Sturz aus dem Fenster einen Beckenbruch.
Schwerer Frieden mit MöllnMan spürt Faruk Arslan an, dass er sich endlich mit allem versöhnen, abschließen will. "Doch es ist sehr schwer", sagt er. Auch jetzt komme wieder so viel hoch. Er habe schon ein bisschen Angst vor dem 20. Jahrestag, ob er das auch alles durchstehen könne.Mit der Stadt Mölln hat er sich fast wieder versöhnt. Eine Woche lang erinnert die Stadt an die Ereignisse mit vielen Veranstaltungen, auch Konzerten. Der Bürgermeister sagt, dass Mölln das Stigma nie los werde, aber die Verpflichtung habe stets daran zu erinnern. "Unsere Stadt ist kein Nazinest", sagt Jan Wiegels, der Bürgermeister, der das mediale Interesse an all dem kaum noch ertragen kann.Ort der ErinnerungFaruk Arslan kommt auch sonst öfter mal wieder nach Mölln. Dann setzt er sich in den Park hinter der Mühlenstrasse auf eine Bank, blickt auf das Haus, in dem sie so lange glücklich lebten. "Ich brauche das", sagt er, "um alles zu verarbeiten, aber es tut immer noch so weh."Das Haus wird inzwischen von anderen Familien, auch türkischer Herkunft, bewohnt. Diese reden nicht gerne darüber, dass einmal im Jahr so viele Menschen vor dem Haus stehen, Kameras auf das Haus gerichtet sind.Ort des Gedenkens"Mölln ist doch gut", sagt ein kleiner Junge, der in der Strasse Fahrrad fährt. Und er zeigt mir eine Gedenktafel am Haus, das seit 1999 Bahide-Arslan-Haus heißt, und auf dem die Namen von drei Menschen stehen: Bahide Arslan, Yeliz Arslan und Ayse Yilmaz. Alle drei starben im Feuer von Mölln.
23.11.2012



