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Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit

Die Niederlande sind Musterschüler

  • Video Pläne gegen Jugendarbeitslosigkeit
  • Video Spanische Azubis gegen Fachkräftemangel
  • Video Tausende Lehrstellen unbesetzt
  • Infografik Die Euro-Zone in der Krise
  • VideoPläne gegen Jugendarbeitslosigkeit

    Mehr als 5,5 Millionen junge Menschen in Europa sind ohne Job. In manchen Ländern liegt die Jugendarbeitslosigkeit über 50 Prozent. Die EU will nun mit einer Beschäftigungsgarantie Abhilfe schaffen. Vorbild sind die Niederlande, dort werden viele Programme schon erfolgreich umgesetzt.

    (05.12.2012)
    VideoSpanische Azubis gegen Fachkräftemangel
    (12.07.2012)
    VideoFreie Lehrstellen trotz Arbeitslosigkeit
    (31.08.2012)
    InfografikDie Euro-Zone in der Krise
    (Quelle: ZDF)

    "Ausdruck totaler Hilflosigkeit"

    Millionen junge Europäer haben weder Job noch Ausbildungsplatz. EU-Sozialkommissar László Andor fordert deshalb eine Beschäftigungsgarantie von den Mitgliedsstaaten. Die Idee sei ein "Ausdruck totaler Hilflosigkeit", sagt Hilmar Schneider vom Institut zur Zukunft der Arbeit im heute.de-Interview.

    heute.de: EU-Sozialkommissar Andor fordert eine Beschäftigungsgarantie für junge Menschen bis 25 Jahre. Was halten Sie von der sogenannten Jugendgarantie?

    Hilmar Schneider: Das ist ein Ausdruck totaler Hilflosigkeit. Man kann Unternehmen nicht dazu zwingen, Jugendliche einzustellen, wenn sich das für die Unternehmen nicht rechnet. Würde es sich für sie rechnen, bräuchte es keine Beschäftigungsgarantie, denn dann würden die Unternehmen von sich aus Jugendliche einstellen. Bliebe also nur ein staatliches Beschäftigungsprogramm für Jugendliche.

    Nicht zuletzt aus den Erfahrungen mit solchen Programmen in den Anfangszeiten der deutschen Wiedervereinigung wissen wir, wozu das führt: Nutzlose und perspektivlose Beschäftigungstherapie. Abgesehen davon, dass die Länder, die das umsetzen müssten, ohnehin kein Geld dafür haben, ist es das Letzte, was den betroffenen Jugendlichen dabei hilft, auf eigenen Beinen zu stehen.

    Dr. Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik am IZA in Bonn
    Quelle: Institut zur Zukunft der Arbeit

    heute.de: Deutschland hat die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa während mehr als die Hälfte der jungen Griechen und Spanier ohne Job sind. Mit der Krise kämpfen ja alle - gibt es besondere Ursachen für diese Probleme im Süden Europas?

    Schneider: Ja, man sieht ja gerade, was da los ist in Spanien oder Frankreich oder wo immer Sie hinschauen. Das sind alles Länder, die einen hoch regulierten Arbeitsmarkt haben. In diesen Ländern sind Arbeitnehmer stark vor Entlassungen geschützt. Aber das sind genau die Dinge, die Firmen dazu bringen, sehr vorsichtig bei Neueinstellungen zu sein. Bei Jugendlichen ist das Risiko einer Fehleinstellung für den Arbeitgeber am größten, denn Berufseinsteiger hatten ja noch gar keine Chance, sich zu beweisen. 

    Um dieses Risiko – aus Sicht der Unternehmen – zu mindern, müsste entweder der Kündigungsschutz für junge Menschen gelockert werden oder die Jugendlichen müssten im Vergleich relativ günstig sein. Wenn man aber einen Mindestlohn hat, der relativ hoch ist, oder einen starken Kündigungsschutz hat, dann müssen erstmal diejenigen draußen bleiben, deren Wert man noch nicht kennt, weil sie sich noch gar nicht beweisen konnten. Das ist der Grund, warum die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien oder Frankreich so hoch ist.

    Institut zur Zukunft der Arbeit

    Das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) ist ein privates, unabhängiges Wirtschaftsforschungsinstitut, das nationale und internationale Arbeitsmärkte erforscht. Das IZA arbeitet eng mit dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Bonn zusammen.

    Eigentlich müsste sie auch in Deutschland hoch sein, da wir ja auch einen relativ stark regulierten Arbeitsmarkt haben. Die Deutschen haben nur etwas, was die anderen nicht haben: ihr duales Ausbildungssystem. Das gibt jungen Leuten relativ schnell und einfach einen Zugang zum Arbeitsmarkt und sie kriegen im dualen System auch eine relativ gute Ausbildung. Das bedeutet dann wiederum, dass das Risiko einer Fehlbesetzung für die Arbeitgeber deutlich reduziert wird – sie vermitteln ja selbst die Qualifikationen, auf die es ihnen später ankommt.

    heute.de: Wie könnte denn ein Staat Jugendlichen überhaupt Jobs garantieren?

    Schneider: Gar nicht – und wenn er es täte, würde das ja geradezu groteske Fehlanreize bedeuten. Wenn ich mich als Jugendlicher darauf verlassen kann, dass ich selbst mit einem schlechten Zeugnis und ohne Anstrengung einen Job bekomme, dann könnte es leicht passieren, dass die Jugendlichen sich tatsächlich nicht anstrengen. Und das ist nicht nur meine Privatmeinung. Ich glaube, da wird es wenig Ökonomen geben, die das anders sehen.

    Die Jugendgarantie

    Europäer unter 25 Jahren sollen spätestens vier Monate nach Ende ihrer Ausbildung oder nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes ein Angebot für eine neue Stelle, einen neuen Ausbildungsplatz oder aber zumindest einen Praktikumsplatz erhalten.

    Mit diesem Vorschlag sagt EU-Sozialkommissar László Andor der europäischen Jugendarbeitslosenquote von 22,8 Prozent den Kampf an. Besonders schwer haben es junge Menschen in Griechenland und Spanien mit Quoten über 55 Prozent. In Portugal, Italien oder Irland ist etwa jeder Dritte Jugendliche ohne Job.

    heute.de: Vorausgesetzt die Mitgliedsstaaten beschließen, sich zur Jugendgarantie zu verpflichten. Wie könnten das Europas Südländer denn überhaupt umsetzen?

    Schneider: Jedenfalls nicht per Gesetzesbeschluss, sondern da muss eine Menge passieren. Wenn man zum Beispiel das duale Ausbildungssystem nach deutschem Muster übernehmen wollte, dann bräuchte das viel Zeit und Investitionen. Und es bedarf ja dazu nicht nur Unternehmen, die bereit sind auszubilden, sondern auch einer Infrastruktur. In Deutschland haben wir beispielsweise die Berufsschulen, die das vermitteln, was an theoretischen Grundlagen und Fachwissen gebraucht wird. Ein bundeseinheitlicher Lehrplan für Ausbildungsberufe sorgt dafür, dass die Qualität der Ausbildung relativ standardisiert wird. 

    Das duale Ausbildungssystem

    Das duale Ausbildungssystem gibt es vor allem im deutschsprachigen Raum wie in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Voraussetzung für eine Berufsausbildung ist ein Ausbildungsvertrag mit einem Betrieb. Der praktische Teil der Ausbildung wird den Lehrlingen in den Betrieben vermittelt, den theoretischen Teil übernimmt die Berufsschule. Zudem kann man vielerorts an Berufsschulen Zusatzqualifikationen erwerben.

    In Deutschland erzeugt dieses duale Ausbildungssystem eine enorm hohe Verlässlichkeit der Qualifikationsstandards. Aber selbst wenn Sie diese Infrastruktur geschaffen haben, müssen Sie die Unternehmen erst mal davon überzeugen, dass es in ihrem Interesse ist, Jugendliche auszubilden, selbst wenn die Jugendlichen in dieser Phase aus der unmittelbaren betriebswirtschaftlichen Sicht meist mehr kosten, als sie an Wertschöpfung einbringen. Der Nutzen entsteht nur, wenn sich eine große Zahl von Firmen an der betrieblichen Ausbildung beteiligt.

    In Spanien, wo sich die Regierung derzeit um die Einführung eines betrieblichen Ausbildungssystems bemüht, gibt es deswegen jetzt von den Arbeitgebern die Forderung, der Staat solle die Ausbildungskosten in den Betrieben übernehmen. Am Ende könnten die Bemühungen daran scheitern, dass Spanien dafür kein Geld hat.

    Links
    EU fordert "Jugendgarantie"
    heute.de: Wenn die EU schon etwas tun will: Was halten Sie für sinnvoll, um die Jugendarbeitslosigkeit in Europa zu senken?

    Schneider: Also wenn man mal europäisch denkt, dann heißt das natürlich auch, dass man sich Gedanken machen muss, wie Qualifikationen besser transferierbar, also qualifizierte junge Menschen flexibler werden. Es gibt viele gut ausgebildete junge Menschen in vielen Teilen Europas, die beispielsweise in Deutschland gut gebraucht werden könnten. Die haben aber oft Schwierigkeiten herauszufinden, wo sie und ihre Qualifikationen denn gebraucht werden könnten. Auch Sprachbarrieren sind dann ein großes Problem. Das heißt: wenn die Europäische Kommission etwas tun will, dann sollte sie darüber nachdenken, wie der innereuropäische Austausch verstärkt werden kann.

    heute.de: Gibt es Nachbarn, von denen wir lernen können? Österreich hat ja zum Beispiel schon eine Ausbildungsgarantie für Jugendliche.

    Schneider: Österreich ist eines der wenigen Länder in Europa oder überhaupt in der Welt, in dem das duale Ausbildungssystem ähnlich funktioniert wie in Deutschland. Deswegen wundert es mich auch nicht, dass die Österreicher in Sachen Jugendarbeitslosigkeit ähnlich gut da stehen. Wenn die Österreicher von einer Beschäftigungsgarantie für Jugendliche sprechen, dann haben sie leicht reden. Wir könnten das in Deutschland übrigens auch machen, denn Hilfen für Jugendliche, die Schwierigkeiten beim Berufseinstieg haben, gibt es ja auch bei uns in vielfacher Form.

    Trotzdem würde ich der Politik nicht raten, die Hilfe für solche Jugendlichen mit dem Begriff einer Ausbildungsgarantie zu verknüpfen. Das weckt einfach falsche Erwartungen. Man kann den jungen Menschen nicht die Verantwortung für das abnehmen, was aus ihrem Leben wird. Und Sprache ist da sehr verräterisch. Wenn beispielsweise die Bundesagentur für Arbeit über die Lehrstellensituation berichtet und von 'unversorgten' Bewerbern spricht, dann suggeriert das, die Jugendlichen hätten einen Anspruch darauf, versorgt zu werden. Wenn sich der Staat diesen Schuh anzieht, darf er sich nicht wundern, wenn er dann später auch für alle Formen des Scheiterns verantwortlich gemacht wird. Von da ist es dann nicht mehr weit in die staatliche Planwirtschaft mit all ihren bekannten Unzulänglichkeiten.

    Das Interview führte Lucia Hennerici

    05.12.2012
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