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Gründung vor 25 Jahren

Hamas erneuert Kampfansage an Israel

  • Video Hamas erneuert Kampfansage an Israel
  • Video Hintergrund: Was ist die Hamas?
  • Infografik Israel und die Palästinensergebiete
  • Bilderserie Der Nahostkonflikt - ein Kampf ohne Ende
  • VideoHamas erneuert Kampfansage an Israel

    Bei den Feiern der radikal-islamischen Hamas anlässlich ihrer Gründung vor 25 Jahren hat sich Exilchef Chaled Maschaal kompromisslos gegenüber Israel gezeigt. "Wir geben keinen Zoll von Palästina auf", rief er seinen Anhängern in Gaza zu. "Der Heilige Krieg und der bewaffnete Widerstand sind der einzige Weg." Die Hamas werde Israel niemals anerkennen.

    (08.12.2012)
    VideoHintergrund: Was ist die Hamas?
    (15.11.2012)
    InfografikIsrael und die Palästinensergebiete
    BilderserieDer Nahostkonflikt - ein Kampf ohne Ende
    (04.12.2012)

    "Hamas will vom Westen anerkannt werden"

    Die Hamas feiert sich selbst: Vor 25 Jahren wurde die radikal-islamische Widerstandsbewegung gegründet. Viele Länder des Westens stufen sie als Terrororganisation ein. Doch ihre Popularität sei in den vergangenen Jahren gewachsen, sagt Hamas-Experte Hisham Ahmed im heute.de-Interview. Und nun sucht sie auch im Westen Anerkennung.

    heute.de: Welche Rolle spielt die Hamas 25 Jahre nach ihrer Gründung in der palästinensischen Gesellschaft?

    Ahmed: Die Hamas spielt eine zentrale Rolle in der palästinensischen Gesellschaft - sowohl sozial, wirtschaftlich und politisch als auch militärisch und psychologisch. Als sich die Hamas während der ersten Intifada gründete, stand sie im Schatten der starken PLO. Seitdem hat die Hamas es geschafft, ihren eigenen Platz in der Gesellschaft zu erobern, auch gegen viele interne und externe Widerstände. Spätestens seit dem überraschenden Wahlsieg 2006 ist sie bei vielen Palästinensern sehr populär.

    Dr. Hisham Ahmed / Quelle: privat

    Hisham Ahmed
    Quelle: Hisham Ahmed

    heute.de: Wie hat die Organisation, als reine Widerstandsbewegung gegründet, das geschafft?

    Ahmed: Nach der ersten Intifada hat die Hamas es lange Zeit gut verstanden, sich um die wirtschaftlichen und sozialen Bedürfnisse der Palästinenser zu kümmern. Die Hamas gründete Wohlfahrtsverbände und baute Kliniken in medizinisch schlecht versorgten Dörfern. Damit ist es ihr gelungen, näher an die Menschen heranzukommen und mehr Unterstützung zu erlangen. Gleichzeitig konnte die Hamas aus ihrer Oppositionsrolle heraus die gemäßigte Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) attackieren und sich nach außen als Hardliner gegenüber Israel darstellen.

    Zur Person

    Dr. Hisham Ahmed, geboren 1963, ist Dozent für Politikwissenschaften am Saint Mary’s College of California. Ahmed hat sich auf vergleichende Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen im Nahen Osten spezialisiert. Seit den 80er Jahren beschäftigt sich der gebürtige Palästinenser mit dem Nahost-Konflikt und der Hamas. Ahmad hat dazu an verschiedenen Universitäten in den USA, Israel und den Palästinenser-Gebieten gelehrt und geforscht.

    heute.de: Wie verhält sich die Hamas heute in der Regierung vom Gazastreifen?

    Ahmed: Seit dem Wahlsieg 2006 hat sich ihre Rolle sehr verändert. Ein konkretes Beispiel: Vor 2006 fühlte sich die Hamas nie irgendeinem Waffenstillstand mit Israel verpflichtet und führte weiter Selbstmordanschläge aus. Seit 2006 tritt die Hamas-Regierung oft deutlich für Waffenruhen ein und hat teilweise verhindert, dass andere Palästinenser-Gruppen Raketen auf Israel schießen. Doch jetzt - während der Auseinandersetzungen im November - hat sich die Hamas wieder an Raketenangriffen beteiligt.

    heute.de: Ist denn ein Frieden zwischen Israel und einer starken Hamas in der Regierung überhaupt möglich?

    Ahmed: Ja, davon gehe ich ganz sicher aus. Schauen Sie sich die bereits angesprochenen Waffenruhen an, die die Hamas in Regierungsverantwortung mehr als einmal durchgesetzt hat. Die Hamas ist meiner Ansicht nach klar an politischen Ergebnissen interessiert. Sie ist eine politische Bewegung, spätestens seit 2006.

    heute.de: Inwiefern beeinflusst die Anerkennung der Palästinenser bei der UNO das Verhältnis zwischen Hamas und PLO?

    Hisham Ahmed: Für den Moment sieht es so aus, als könnten Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und die PLO durch diesen Erfolg wieder bei der Bevölkerung aufholen. Allerdings sehen viele Palästinenser die Aufwertung durch die UNO mehr als symbolischen denn als konkreten politischen Schritt an.

    Die Geschichte der Hamas

    Die Gründung (1987)

    Infokarte Israel - Gaza / Quelle: ZDF

    Die Wurzeln der Hamas liegen in der aus Ägypten stammenden Muslimbruderschaft. Die gemäßigten Muslimbrüder in den Palästinenser-Gebieten konzentrierten sich anfangs auf Koran-Erziehung und den Bau von Moscheen. Sie grenzten sich klar von der radikalen Widerstandsbewegung Fatah und der sozialistischen PLO um Jassir Arafat ab. Als sich jedoch in den 80er Jahren der Konflikt mit Israel zuspitzte, entschied sich die Führung der Muslimbrüder um Scheich Ahmad Yassin zum Kampf gegen die Besatzung.

    Mit dem Beginn der ersten Intifada am 8. Dezember 1987 war die Hamas geboren. In der 1988 verfassten Gründungscharta setzte sich die Organisation zum Ziel, Israel zu vernichten und einen islamischen Staat Palästina zu errichten. Konferenzen und Verhandlungen lehnte die Hamas als "Zeitverschwendung" ab.

    Aufstreben und Radikalisierung (1988-1992)

    Die neu gegründete Hamas stand im Schatten der schon länger aktiven Fatah. Experten gehen davon aus, dass der israelische Geheimdienst anfangs die Hamas tolerierte, um die Fatah zu schwächen. Im ersten Jahr war die Hamas noch damit beschäftigt, Strukturen aufzubauen und verübte nur vereinzelte Angriffe auf israelische Militärpatrouillen. 1989 kamen dann erste Entführungen von israelischen Soldaten dazu. Alle Hamas-Gründer außer Scheich Yassin wurden verhaftet.

    Trotz klarer Trennung zwischen einem zivilen und einem militärischen Arm hatte die Organisation schon früh Probleme damit, als Widerstandsbewegung zu überleben. Daher entschied sich die Hamas 1992 dazu, die paramilitärischen Qassam-Brigaden zu errichten. Diese radikalisierten den muslimischen Widerstand im Untergrund weiter.

    Oslo-Prozess (1993-1999)

    Mitte der 90er Jahre führten die hoffnungsvollen Verhandlungen zwischen PLO-Präsident Jassir Arafat und der israelischen Regierung zu dem Friedensabkommen von Oslo. Doch der Hamas waren die Verträge nicht genug. Sie stellte die Autorität der PLO in Frage und sah den vollständigen Rückzug der israelischen Armee aus den besetzten Gebieten als Ziel an.

    Stattdessen verübte ein israelischer Siedler im Februar 1994 in Hebron ein Massaker in einer palästinensischen Moschee. Die Antwort der Hamas kam prompt: Ihr erstes Selbstmordattentat in Israel. Daraufhin kam es auch zu den ersten Auseinandersetzungen zwischen Hamas und Fatah/PLO. 1997 kam es zu einer neuen Anschlagsreihe der Hamas auf Israel. Trotz aller Gipfeltreffen und Verhandlungen drehte sich die Spirale der Gewalt weiter.

    Zweite Intifada (2000-2005)

    Während der zweiten Intifada kam die Hamas zum Höhepunkt ihrer militärischen Aktionen. Die Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, bekannten sich zu fast der Hälfte aller Selbstmordanschläge zwischen 2000 und 2003. Zwar richteten sich diese größtenteils gegen die israelische Armee, um nicht von der internationalen Gemeinschaft verurteilt zu werden. Den Attentaten fielen aber auch immer häufiger israelische Zivilsten zum Opfer.

    Daher einigten sich die Palästinenser und Israel in Waffenstillstandverhandlungen im Jahr 2003 darauf, Zivilisten auf beiden Seiten besser zu schützen. Zum Ende der zweiten Intifada wurde im März 2004 der Gründer und Führer der Hamas, Scheich Ahmed Yassin, bei einem gezielten Bombenangriff Israels getötet – ein Einschnitt in der Geschichte der Organisation.

    Von der Gewalt zur Politik?

    Nach dem Tod von Scheich Ahmad Yassin und Jassir Arafat 2004 und dem Ende der zweiten Intifada veränderten sich die Machtverhältnisse in den Palästinenser-Gebieten. 2006 stellte sich die Hamas erstmals zu Parlamentswahlen auf. Unter ihrem neuen politischen Führer Chalid Maschal gewann sie überraschend die Wahl und beendete damit den 40 Jahre dauernden Führungsanspruch der Fatah. Obwohl die Wahl als demokratisch galt, wird die Hamas-Regierung vom Westen geächtet.

    Seit den Kämpfen zwischen Fatah und Hamas 2007 kontrolliert die Hamas mittlerweile den Gazastreifen, die Fatah das Westjordanland. 2009 und 2012 griff Israel den Gazastreifen an, als Antwort auf regelmäßigen Raketenbeschuss. Auch 25 Jahre nach ihrer Gründung kämpft die Hamas weiter - militärisch wie politisch.

    (Autor: Ole Hilgert)

    heute.de: Welche Rolle wird die Hamas in Zukunft spielen?

    Ahmed: Zuerst hängt das von der Entwicklung anderer palästinensischer Akteure ab. Wenn sich die Palästinensische Autonomie-Behörde nicht aus ihrer schwachen Lage und von der Korruption befreit, wird die Hamas automatisch stärker. In der Geschichte gelang es der Hamas immer, mehr aus den Schwächen anderer zu profitieren als aus den eigenen Stärken. Was die Außenpolitik angeht, sucht die Hamas ganz einfach nach Anerkennung. Sie will vom Westen und der internationalen Gemeinschaft akzeptiert werden.

    heute.de: Glauben Sie, dass wir in 25 Jahren ein Interview über das 50-jährige Bestehen der Hamas führen werden?

    Ahmed: Meiner Einschätzung nach wird die palästinensische Gesellschaft in den nächsten Jahren über die Spaltung zwischen Hamas und PLO hinwegkommen. Die Palästinenser werden die innere Konfrontation nicht viel länger hinnehmen. Das bedeutet, dass wir durchaus ein 50-jähriges Bestehen zu sehen bekommen könnten. Aber ich bin mir nicht sicher, dass das dann noch die gleiche Hamas ist, die wir heute sehen.

    Das Gespräch führte Ole Hilgert

    08.12.2012
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