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Syrien-Konflikt

Assads Gegner werden radikaler

  • Bild Syrischer Rebell
  • Video Sorge vor Chemiewaffeneinsatz in Syrien
  • BildSyrischer Rebell
    Syrischer Rebell  / Quelle: dpa
    (Quelle: dpa)
    VideoSorge vor Chemiewaffeneinsatz in Syrien
    (07.12.2012)
    Anfangs ging es noch um politische Visionen und humanitäre Hilfe - mittlerweile stehen Waffensysteme im Vordergrund, wenn Syriens Oppositionelle beraten. Die Bewegung hat ihr Gesicht verändert. Und so mancher warnt vor dem wachsenden Einfluss der Islamisten.

    "Inzwischen sind wirklich alle davon überzeugt, dass dieses Regime vom Volk gestürzt wird, sogar seine Verbündeten - die Russen, die Chinesen, der Iran und die Hisbollah", sagt der 49jährige Oppositionelle Mohammed Birro. "Das chinesische Außenministerium hatte mich schon vor Monaten gebeten, für sie ein Treffen mit der Opposition zu organisieren, das dann auch stattfand. Die wollten schon einmal Kontakte knüpfen für die Zeit nach Assad." Auch Russland und der Nachbar Irak rücken von Assad ab. Zwar hält sich das Regime von Präsident Baschar al-Assad jetzt schon länger an der Macht, als viele Beobachter vermutet hatten. Doch seine Gegner sind sich trotzdem immer noch sicher, dass Assad stürzen wird - "wenn nicht mehr in diesem Jahr, dann im nächsten".

    Wie viele syrische Oppositionelle hat auch Birro viel Zeit im Gefängnis verbracht. Schon mit 17 Jahren verschwand der Mann aus Aleppo wegen angeblicher islamistischer Umtriebe für 13 Jahre hinter Gittern. Im Herbst 2011 setzte er sich ins Ausland ab. Seit einigen Monaten lebt er in Istanbul, wo er zusammen mit anderen Oppositionellen politische Seminare für Aktivisten organisiert.

    Das neue Gesicht der Opposition

    Der Gewaltherrscher Assad ist noch immer an der Macht - doch die syrische Opposition hat im Laufe des Jahres 2012 ihr Gesicht verändert. Während es bei den Konferenzen der Opposition zunächst noch vorwiegend um politische Visionen und humanitäre Hilfe ging, so wird jetzt vor allem über Waffensysteme gesprochen. "Panzerbrechende Waffen und Boden-Luft-Raketen, das ist alles was wir wollen", sagten Assad-Gegner.

    Das C-Waffen-Arsenal Syriens

    Das C-Waffen-Arsenal Syriens

    Syrien verfügt über ein ernst zu nehmendes Arsenal chemischer Waffen. Die Palette der Kampfstoffe reicht von Senfgas über Tabun und Sarin bis zum hochtoxischen VX-Kampstoff. Das Land entwickelt und produziert seit dem Ende des Yom-Kippur-Krieges 1973 C-Waffen. Syrien hat die Chemiewaffen-Konvention der UNO nie unterzeichnet. Diese regelt das Verbot der Entwicklung, Herstellung, Lagerung und des Einsatzes chemischer Waffen und deren Vernichtung. Trotzdem ist Syrien jahrelang aus dem Ausland bei der C-Waffenentwicklung unterstützt worden. Unterschiedliche internationale Quellen nennen hinsichtlich dieser Unterstützung in den 80er und frühen 90er Jahren vor allem die Sowjetunion und Frankreich.

    Senfgas

    Senfgas ist ein chemischer Kampfstoff, der schon im ersten Weltkrieg unter dem Namen Gelbkreuzgas bekannt war, weil er aus Granaten verschossen wurde, die mit gelben Kreuzen gekennzeichnet waren. Chemisch heißt Senfgas Schwefellost und gehört zur Stoffgruppe der Loste.  Damit ist es streng genommen kein Gas, sondern eine Flüssigkeit. Der Begriff leitet sich von den Namen Lommel und Steinkopf ab. Diese deutschen Chemiker hatten 1916 Schwefellost als Kampfstoff vorgeschlagen.

    Loste wirken auf die Haut und führen zu Verletzungen, die mit Verbrennungen oder Verätzungen zu vergleichen sind. Die Wunden heilen schlecht, weil das Gewebe zerstört und die Zellteilung behindert wird. Werden Loste eingeatmet, zerstören sie die Bronchien.

    Tabun

    Tabun ist ein Nervenkampfstoff, der 1936 in Deutschland entdeckt wurde. Die deutsche Wehrmacht stellte im zweiten Weltkrieg mit Tabun gefüllte Bomben und Granaten her, setzte sie aber nicht ein. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Kampfstoff in den USA und in Großbritannien gefertigt. Iraks Ex-Machthaber Saddam Hussein setzte Tabun im ersten Golfkrieg (1980 bis 1988) im von Kurden bewohnten Nordirak gegen die eigene Bevölkerung ein.

    Tabun wird über Haut oder Atmung aufgenommen und stört die Weiterleitung von Reizen in den Nerven. Die Folgen einer Vergiftung reichen von Kopfschmerzen über Erbrechen und Atemnot bis zum Tod durch Atemlähmung.

    Sarin

    Sarin wurde während des zweiten Weltkriegs bei der Forschung zu Insektenvernichtungsmitteln in Deutschland entdeckt. Sarin leitet sich von den Namen der Chemiker Schrader, Ambros, Rüdiger und Linde ab. Es ähnelt in seiner chemischen Struktur Tabun und VX. Im Kalten Krieg hatten die USA und die Sowjetunion große Sarin-Vorräte. Zum Einsatz kam der Kampfstoff unter anderem im ersten Golfkrieg (1980 bis 1988) im von Kurden bewohnten Nordirak und bei zwei Terroranschlägen in Japan 1994 und 1995.

    Sarin wird über die Haut und hauptsächlich über die Atmung aufgenommen. Der Kampfstoff führt zu einer Dauerreizung der betroffenen Nerven. Die Folgen einer Vergiftung sind ähnlich zur Wirkung von Tabun und reichen von Nasenlaufen und Sehstörungen über Erbrechen und Atemnot bis zum Tod durch Atemlähmung.

    VX-Kampfstoff

    VX ist der jüngste chemische Kampfstoff im syrischen Arsenal. Die Substanzklasse, zu der VX gehört, wurde 1952 unabhängig voneinander in den USA und in Schweden entdeckt. VX ist deutlich giftiger als Tabun oder Sarin und zählt zu den giftigsten chemischen Kampfstoffen der Welt.

    VX wird hauptsächlich über die Haut aufgenommen. Seine Wirkung VX ist ähnlich der von Sarin. Auch VX führt zu Dauerreizung der betroffenen Nerven. Es löst zunächst Husten, Übelkeit starke Krämpfe und Schmerzen aus und führt bei entsprechender Dosis zum Tod durch Atemlähmung.

    Waffensysteme für C-Kampfstoffe

    Die syrischen Streitkräfte verfügen über mehrere Tausend mit Sarin gefüllte Bomben, die von Flugzeugen abgeworfen werden können. Außerdem existieren zwischen 50 und 100 C-waffenfähige Gefechtsköpfe für Raketen mit einer Reichweite von 80 bis 310 Kilometern. Syrien soll aber möglicherweise auch Raketen mit einer Reichweite von bis zu 600 Kilometern aus Nordkorea erhalten haben, die mit Nervengas-Gefechtsköpfen ausgestattet werden können. Über die Einsatzfähigkeit bzw. Zuverlässigkeit dieser Raketen gibt es allerdings keine gesicherten Erkenntnisse.



    Denn obwohl die Rebellenverbände hochmotiviert sind und inzwischen große Teile des Landes kontrollieren, kommen sie nicht gegen die Luftwaffe und die Panzerverbände der Regierungstruppen an. In den vergangenen Wochen hat sich, was die Waffen angeht, jedoch etwas getan: Die Deserteure konnten mehrere Militärstützpunkte erobern und dort schwere Waffen in ihre Gewalt bringen. Außerdem sollen sie von ihren Unterstützern im Ausland inzwischen auch einige schultergestützte Luftabwehrraketen erhalten haben.

    Vermittler geben auf

    Die internationalen Vermittler sind in der Syrien-Krise samt und sonders gegen die Wand gelaufen. Im August warf der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan das Handtuch. Ab September mühte sich dann der algerische Diplomat Lakhdar Brahimi vergeblich, wenigstens eine Waffenruhe auszuhandeln. Momentan sterben in Syrien fast jeden Tag mehr als 100 Menschen. Sprengstoffanschläge in Wohnvierteln und Kampfeinsätze der Luftwaffe terrorisieren die Zivilbevölkerung.

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    Bundeswehrverband sieht "Patriot"-Einsatz mit Sorge
    Auch die Arbeit des oppositionellen Syrischen Nationalrates (SNC), der seinen Sitz in Istanbul hat, war nicht von Erfolg gekrönt. Erst wuchs die Kritik der Revolutionäre in Syrien an den "Oppositionellen, die in schicken Hotels sitzen, während wir hier den Kopf hinhalten". Dann machten auch die westlichen Unterstützer Druck auf die Opposition. Nach einer Woche hitziger Debatten in einem Hotel in Katar bildeten die Oppositionellen die Nationale Syrische Koalition - ein breiteres Bündnis, dem auch einige SNC-Mitglieder angehören. Geleitet wird die Koalition von Moas al-Chatib, einem moderaten, freundlichen islamischen Prediger aus Damaskus.

    Lernen im Schatten von Ägypten

    Dann rückte der syrische Bürgerkrieg auf der internationalen Prioritätenliste plötzlich weiter nach unten: Grund war die Eskalation des politischen Konfliktes zwischen Islamisten und säkularen Kräften in Ägypten. Die Ereignisse in Kairo beeinflussten aber auch die interne syrische Debatte. In den Foren der Opposition mehren sich inzwischen die Stimmen, die vor einer "Machtübernahme der Muslimbrüder" in Syrien nach dem Sturz von Assad warnen.

    Nachdem Ägyptens Präsident Mohammed Mursi seine Machtbefugnisse eigenmächtig erweitert hatte, warnte ein junger syrischer Aktivist: "Brüder, seid vorsichtig, denn den Muslimbrüdern geht es letztlich nicht um Freiheit und Demokratie, sondern vor allem um ihre eigenen Interessen, das haben wir jetzt in Ägypten gesehen."

    Islamisten in der ersten Reihe

    Mohammed Birro glaubt nicht, dass die Muslimbrüder bei freien Wahlen in Syrien mehrheitsfähig wären. Ihm machen derzeit ohnehin ganz andere Islamisten Sorgen. Er sagt: "Mit jeder Woche, die diese Revolution länger dauert, wächst der Einfluss von Extremisten. Denn die radikalen Islamisten haben Brigaden gebildet, die inzwischen immer mehr Zulauf und auch Zuspruch aus der Bevölkerung erhalten, weil sie immer an vorderster Front kämpfen."

    Diese Sorge teilen wohl auch einige westliche Staaten. Sie haben vor allem Angst, dass Assads Chemiewaffen islamistischen Terroristen in die Hände fallen könnten. Dies könnte der Grund dafür sein, dass die Option einer Intervention in Nato-Kreisen kein Tabu mehr ist.

    07.12.2012, Quelle: Anne-Beatrice Clasmann, dpa
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