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merkzettel

Aus für Opel aus Bochum

"Schlag ins Gesicht des Ruhrgebiets"

  • Video Aus für Opelproduktion in Bochum
  • Bilderserie Opel - Mant(r)a einer Region
  • Video Deutsche Autobranche in der Krise
  • Video 150 Jahre Opel: Jubiläum ohne Jubel
  • VideoAus für Opelproduktion in Bochum
    (10.12.2012)
    BilderserieOpel - Mant(r)a einer Region
    Adam Opel / Quelle: dpa
    (23.08.2012)
    VideoDeutsche Autobranche in der Krise

    Die europäische Automobilbranche ist auf Talfahrt.

    (30.10.2012)
    Video150 Jahre Opel: Jubiläum ohne Jubel

    Was 1862 in einer Werkstatt für Nähmaschinen durch Adam Opel begann, hatte seine goldenen Jahre in den 60er und 70er Jahren.

    (22.09.2012)
    Hiobsbotschaft kurz vor Weihnachten: Ab 2016 rollt in Bochum kein Opel mehr vom Band. Viele Beschäftigte fühlen sich von ihrem Chef Thomas Sedran verschaukelt. "Ein Schlag ins Gesichts des Ruhrgebiets", nennt es einer. Der Betriebsrat will das Aus nicht hinnehmen. Experten sehen zu 70 Prozent ein Versagen des Mutterkonzerns GM. Aber auch die Autos seien nicht gut genug.

    Links
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    Für die Plakate an der Eingangstür zum Bochumer Ruhrcongress haben die meisten Opelaner am Montagmorgen keinen Blick übrig. Wohlproportionierte Menschen werben darauf für die Internationale Deutsche Meisterschaft in Bodybuilding und Fitness. Mit den Muskeln gespielt hat in der Vergangenheit auch immer wieder die Belegschaft des Bochumer Opel-Werks, wenn es um die drohende Schließung ging. Doch nun - zum 50. Geburtstag des Werks mit seinen mehr als 3.000 Beschäftigten - droht die Abwicklung. Die Autoproduktion soll Ende 2016 eingestellt werden, nur noch ein Warenverteilzentrum bestehen bleiben. Möglicherweise wird eine Komponentenfertigung eingerichtet. Wie viele Jobs genau wegfallen, ist noch unklar.


    Etliche der rund 2.300 anwesenden Opelaner gehen nach der Betriebsversammlung ohne Kommentar an den wartenden Medienvertreter vorbei. Einige geben sich kämpferisch, andere sind einfach nur sauer und fühlen sich verschaukelt. "Das ist ein Schlag ins Gesicht des Ruhrgebiets", sagte Rolf Plumhoff-Klein. Sarkastisch fügt er hinzu: "Zu Weihnachten ist das noch ein schönes Geschenk."


    Tumulte in der Betriebsversammlung
    Ein Geschenk, das sich die Mitarbeiter bei Betriebsversammlung offenbar nicht so ohne weiteres überreichen lassen wollen. Als Opel-Chef Thomas Sedran und seine beiden Vorstandskollegen die Versammlung wohl etwas überstürzt verlassen wollen, will ein Vertrauenskörperleiter sich den Managern in den Weg stellen. Dabei wird er nach Aussage mehrerer Teilnehmer von Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes zu Boden geworfen. Die ohnehin angespannte Stimmung wird durch den Vorfall weiter vergiftet.

    Opel in Bochum - eine Chronologie 
    • 1962: Das Werk entsteht nach ungefähr zwei Jahren Bauzeit auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Dannenbaum. Das erste Auto, das vom Band rollt, ist ein Kadett A. Das Werk ist für 10.000 Beschäftigte konzipiert, viele der damaligen Arbeiter kommen aus dem Bergbau.

    • 1967: Der Mittelklassewagen Olympia kommt ins Programm. Drei Jahre später sind es der Ascona und der legendäre Manta, die ab 1970 in dem Werk vom Band gehen.

    • 1979: Zum Jahresende arbeiten mehr als 20.000 Menschen im Bochumer Opel-Werk. Verschiedene Modelle aus der Serie Kadett werden bis 1991 produziert.

    • 1991: Der Astra wird in die Produktionslinie aufgenommen, bis 2004 wird das Fahrzeug gefertigt, ab 1999 der Siebensitzer Zafira.

    • 2004: Opel beschäftigt in Bochum noch etwa 9000 Mitarbeiter.

    • 2005: Betriebsrat und Management unterschreiben einen "Zukunftsplan", der die Existenz des Bochumer Werks sichern soll. In dem Jahr kommt ein neues Zafira-Modell nach Bochum.

    • 2011: Seit dem Jahr wird der Zafira Tourer gebaut. Es ist vermutlich die letzte Produktionslinie am Standort Bochum.

    • 2012: Opel beschäftigt noch rund 3.300 Menschen in Bochum. Seit Bestehen wurden in dem Werk 13,5 Millionen Autos gebaut. Das Werk besteht nun seit 50 Jahren.

    Nach der Veranstaltung hat die Belegschaft Gelegenheit, ihren Frust und ihre Wut an "einem offenen Mikrofon" zu artikulieren. Von einer "dreifachen Kriegserklärung" des Unternehmens an die Opelaner spricht der schon an den Arbeitsniederlegungen von 2004 beteiligte Paul Fröhlich. "Wir werden so nicht mit uns umgehen lassen", ruft der IG-Metall-Vertrauensmann seinen Kollegen zu. Längst nicht jeder Teilnehmer bleibt jedoch stehen, um sich die kämpferischen Worte anzuhören. Einen "Tod auf Raten" werde es mit der Bochumer Belegschaft nicht geben, sagt Fröhlich, der ansonsten am Band arbeitet.


    Keine Lust auf Keksautos

    Unterstützt wird Fröhlich an diesem Tag auch von seiner Ehefrau Anne. Sie verkauft gemeinsam mit anderen Frauen Kekse in Autoform. Am Sonntag hatte sie auf dem Weihnachtsmarkt in Bochum-Langendreer bereits etwa 50 Kekspackungen veräußert, am Montag sind es noch einmal zehn Packungen. Der Verkaufserlös - ein Euro pro Packung oder eine freiwillige Spende - soll den Opelanern zugutekommen.

    Opel-Standorte in Europa

    Zahl der Beschäftigten in Klammern.


    Ans Keksessen wollen die meisten Opelaner an diesem Tag aber nicht denken, viele müssen die Ankündigung des Vorstands erst einmal verarbeiten. Betriebsrätin Annegret Gärtner-Leymann warnt vor Zugeständnissen ans Opel-Management: "Wir kennen die Sache ja schon von der Schließung des Nokia-Werks. So lassen wir uns nicht verarschen." Sie plädiert dafür, die Produktion im Opel-Werk einzustellen so wie 2004, als wilde Streiks das Werk eine Woche lahmlegten - mit gravierenden Folgen für die übrigen Werke der Opel-Mutter General Motors.

    Einenkel: "Auch nach 2016 werden hier Opel gebaut"
    Betriebsratschef Rainer Einenkel ist für kämpferische Sprüche bekannt. An diesem Tag spart er nicht mit Kritik am Verhalten des Managements, lässt aber die ultimative Drohung - sprich die Stilllegung der Produktion - noch offen. Man werde "klug reagieren" und "Schritt für Schritt" die weiteren Maßnahmen erörtern, sagt Einenkel. In der Diskussion über eine Zukunft für das Bochumer Opel-Werk sei "ein langer Atem" gefragt.

    Facebook-Kommentare 
    • Frollein J.: Schon wieder einer der dichtmacht. Für die Region sowieso schon schwierig genug :-( Frag mich wo das alles noch hinführen soll. Ab Mitte 40 wirds schon schwer was zu finden und raus aus seinem Kiez zu müssen ist ewiges HEIMWEH!!:-(

    • Cathérin M.: Die Firma wird TOTgeredet! Das ist so Traurig! Denn Technisch sind ist da kaum unterschied zu anderen! Hoffentlich gehts mit Opel wieder Bergauf!

    • Andreas W.: War dochh klar. GM arbeitet doch schon seit Jahren daran, Opel systematisch herunter zu wirtschaften. Auch wird Opel beim Verkauf der Autos massiv behintert, da sie ja nicht weltweit, sondern nur europaweit ihre Autos vertreiben dürfen. Zudem wurde Opel in den letzten Jahrzehnten systematisch kaputtgespart, so dass die Qualität der Autos immer weiter zurück ging.

    • Maa W.: Das kommt davon, wenn die Muttergesellschaft einem Autokonzern den Zugang zum (vor allem US-amerikanischen und asiatischen) Weltmarkt verwehrt... Wer kauft in Südeuropa in diesen Zeiten ein Auto?

    • Andreas Y.: Seifert ich wohne selbst in Bochum und weiß daher, dass dieArbeitsmarktlage hier mehr als angespannt ist. Nach dem Ende der Zechen, nachdem große Konzerne wie Nokia Bochum verlassen haben, gab es eigentlich nur noch Opel. Wenn nun die Autoproduktion eingestellt wird, dann ist die Ruhr-Universität größter Arbeitgeber. Traurig genug.

    • Philippe L.: Die Wirtschaft sucht sich immer einen Weg und gute Mitarbeiter kommen auch woanders unter. Ende bei Opel, Anfang woanders. Heute wird eine gewissen Flexibilität einfach vorausgesetzt.

    • Eve Z.: Das eine Problem ist GM, das andere aber, dass der Deutsche Autokäufer sich lieber die gleiche Technik für den doppelten Preis aufschwatzen lässt, weil er damit von 1a Marketingstrategen das Gefühl geliefert bekommet "lifestylig" zu sein. Daher geht's Audi und BMW so gut.

    • Schnuffi H.: Das nennt sich Marktbereinigung, völlig normal.

    • Stefan F.: Opel hängt leider auf Gedeih und Verderb an GM. Währe Opel eigenständig und dürfte weltweit seine Autos verkaufen, dann würde es auch funktionieren, aber Opel darf halt nur in Europa verkaufen.


    Sicher sei jedoch, dass am kommenden Samstag ein Tag der offenen Tür im Bochumer Opel-Werk stattfindet. Dort könnten die Besucher sehen, wie in dem Werk Autos produziert werden. Die Vorführung könnte als Symbol dafür stehen, dass die Opelaner sich von der Fahrzeugproduktion nicht verabschieden wollen. "Wir werden auch nach 2016 in Bochum Autos bauen", sagt Einenkel. Von der Statur her ist Einenkel zwar kein Mann fürs Bodybuilding, das rhetorische Muskelspiel versteht aber durchaus.

    Kritik an Konzernmutter

    In der Politik wurde der Umgang mit den Arbeitnehmern gerügt: "Für die Beschäftigten wäre es besser gewesen, wenn ihnen von vornherein klarer Wein eingeschenkt worden wäre", kritisierte NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider die Entscheidung. Für das Land sei das ein "herber Schlag", so der SPD-Politiker. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle rügte die Opel-Mutter in Detroit: "Bisher hat General Motors ein Beispiel dafür geliefert, wie internationale Konzerne mit Mitarbeitern in Deutschland nicht umgehen sollten." Seit vielen Jahren liefere das Management von GM eine
    Hängepartie, schaffe keine Klarheit und habe Opel in Deutschland ein Stück weit diskriminiert.

    Analyst Jürgen Pieper sieht "zu 70 Prozent" die Schuld bei der Muttergesellschaft General Motors, die Opel an der kurzen Leine hält, den globalen Autoverkauf verbietet. Man müsse in dieser Lage schon sehr gut Produkte haben, um auf dem heimischen Markt zu überleben. "Über die verfügt Opel aber leider nicht."

    Die Bundesregierung indes sieht keinen Anlass, sich einzuschalten: "In erster Linie sind jetzt aber auch Opel und GM gefordert, ihren Kolleginnen und Kollegen Perspektiven aufzuzeigen", sagte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter. Auch das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Bochum müssten ausloten, welche Möglichkeiten es für die Beschäftigten gebe. "Die Bundeskanzlerin und die Bundesregierung bedauern diese
    Entscheidung, das Werk zu schließen, ganz außerordentlich."

    "Opel hat sich nur nicht getraut"

    Diez' Kollege Ferdinand Dudenhöffer wirft GM schwere strategische Fehler vor: Statt Bochum Ende 2016 zu schließen, hätte Detroit das englische Opel-Werk in Ellesmere Port kurzfristig dichtmachen sollen, so der Autoexperte von der Uni Duisburg-Essen. Auch sei es ein Fehler von GM gewesen, die bevorstehende Schließung von Bochum so lange zu verheimlichen. "Das war schon über ein halbes Jahr bekannt, Opel hat sich nur nicht getraut, es zu sagen." Die Pläne, Bochum als Teilewerk für den Opel-Konzern mit deutlich reduzierter Belegschaft weiterzuführen, hält Dudenhöffer für unrealistisch.

    Die Opel-Mutter General Motors hatte bereits im Juni angekündigt, Bochum bis zum Auslaufen des Familienwagens Zafira im Jahr 2016 eine Galgenfrist von vier Jahren zu geben. Im Gegenzug sollten bis dahin für alle Standorte der hohe Verluste schreibenden Tochter in Deutschland betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden. Seitdem laufen mit dem Betriebsrat Verhandlungen über die Auslastung der Standorte in Rüsselsheim, Bochum, Eisenach und Kaiserslautern.

    Absatzkrise - nicht nur bei Opel

    Der Traditionsautobauer leidet wie andere Massenhersteller massiv unter der Absatzkrise in Südeuropa und kann seine Werke kaum auslasten. Deshalb hatte Opel ab Anfang September mehr als 10.000 Beschäftigte tageweise in Zwangspause geschickt. Die Anmeldung galt zunächst bis Jahresende. Nun kündigte Opel an, die Bänder im Stammwerk Rüsselsheim auch im Januar an drei Tagen anzuhalten. In Bochum sei im Januar an zehn Tagen Kurzarbeit geplant.

    Opel - Chronik einer Krise

    2008

    2008 geraten Opel und GM in der weltweiten Wirtschaftskrise in finanzielle Schwierigkeiten. Im November bittet Opel den Bund und die vier Bundesländer mit Opel-Werken um staatliche Bürgschaften.

    2009

    Tausende Opel-Beschäftigte demonstrieren im Februar 2009 in Rüsselsheim für eine Trennung vom ungeliebten GM-Konzern. Im März sichert Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dem Unternehmen staatliche Hilfe zu. Einen Einstieg des Staates lehnt sie ab.

    Bald zeigen Italiens Autobauer Fiat, der kanadisch-österreichische Autozulieferer Magna und der belgische Finanzinvestor RHJI Interesse an Opel. Magna und dessen Partner, die russische Sberbank, sollen Ende Mai bei Opel einsteigen. Opel soll von Bund und Ländern einen Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro bekommen.

    Die Opel-Mutter GM meldet im Juni Insolvenz an und erhält 50 Milliarden Dollar Staatshilfe von der US-Regierung. Nach nur wenigen Wochen verlässt der Konzern den Gläubigerschutz wieder.

    EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes äußert im Oktober ernsthafte Bedenken wegen der deutschen Staatshilfen für Opel. Der Opel-Betriebsrat einigt sich im November mit Magna auf einen Sparbeitrag der Belegschaft. Kurz darauf sagt GM überraschend den Verkauf von Opel ab und kündigt eine Sanierung in Eigenregie an. 10.000 Jobs sollen gestrichen werden.

    GM-Europachef Carl-Peter Forster geht, Nachfolger wird übergangsweise GM-Manager Nick Reilly. Der korrigiert am Jahresende den Stellenabbau auf 8300 Jobs.

    2010

    Reilly wird im Januar als Opel-Chef auf Dauer bestätigt. Opel gibt die Schließung des Werkes im belgischen Antwerpen bekannt. Im Februar bestätigt Opel den Sanierungsplan mit Abbau von 8300 Stellen und plant dafür mit 2,7 Milliarden Euro Staatshilfen. Im März will GM nur noch 1,8 Milliarden Euro Staatshilfen aus Europa.

    Im Mai einigt sich Opel mit der Belegschaft auf Einsparungen von 265 Millionen Euro jährlich bis 2014. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) gibt im Juli bekannt, dass Opel keine Bürgschaften aus dem Deutschlandfonds bekommt. Die Bundesländer mit Opel-Werken wollen dem Autobauer nun im Alleingang helfen. Mitte des Monats zieht Opel sämtliche Anträge auf Staatshilfen in ganz Europa zurück.

    GM-Chef Ed Whitacre tritt im August zurück. Ende des Jahres rollt im Werk Antwerpen der letzte Opel vom Band.

    2011

    Im April 2011 wird Stracke Nachfolger von Nick Reilly an der Opel-Spitze. Im November wird Stracke auch GM-Europachef.

    2012

    Im Februar 2012 steigt GM steigt beim französischen Autobauer PSA Peugeot Citroën ein. Die beiden Konzerne wollen eng kooperieren.

    Im Mai konkretisiert Stracke die Sparpläne für Opel: Das Modell Astra soll nur noch in zwei Werken außerhalb Deutschlands produziert werden, die Zukunft des Werks Bochum ist nur bis 2016 gesichert.

    Im Juli tritt Stracke zurück. Medienberichten zufolge sind die schlechten Verkaufszahlen der Grund. Sein Nachfolger Thomas Sedran entlässt Entwicklungsvorstand Rita Forst und Finanzchef Mark James. Auch 500 weitere Führungskräfte müssen gehen.

    Im Dezember wird das Aus für die Autoproduktion in Bochum offiziell: Ab 2016 rollen dort keine Opel mehr von Band. Der Konzern will aber in der Stadt präsent bleiben: So soll etwa das Warenverteilzentrum erhalten bleiben.

    10.12.2012, Quelle: dapd, dpa, reuters
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