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Stahlgigant in der Krise

ThyssenKrupp: Hiesinger zieht die Reißleine

  • Video Thyssen-Krupp macht Milliardenverlust
  • Bilderserie ThyssenKrupp: Aufstieg, Fall, Fusion
  • Video Stahlindustrie: Flaute in Deutschland
  • VideoThyssen-Krupp macht Milliardenverlust
    (11.12.2012)
    BilderserieThyssenKrupp: Aufstieg, Fall, Fusion
    a worker controls a tapping of a blast furnace at europe's largest steel factory of germany's industrial conglomerate thyssenkrupp ag in the western german city of duisburg december 6, 2012. reuters/ina fassbender (germany - tags: business industrial tpx images of the day)
    (11.12.2012)
    VideoStahlindustrie: Flaute in Deutschland

    Die Euro-Krise macht der deutschen Stahlindustrie zu schaffen. Seit Monaten gehen die Gewinne in der Branche zurück. Bei Thyssen-Krupp in Duisburg sind über 1.000 Arbeiter von Kurzarbeit betroffen.

    (09.08.2012)

    Vergangenheit abschütteln, Schulden abbauen

    von Brigitte Scholtes

    Statt Stahl nun Technologie? Der Traditionskonzern ThyssenKrupp möchte sich neu ausrichten. Dazu muss er erst einmal die Vergangenheit abschütteln. Und vor allem seine Schulden abbauen.

    Fünf Milliarden Euro Verlust hat der Konzern im Geschäftsjahr 2011/2012 gemacht, schon im Vorjahr hatte das Minus 1,8 Milliarden Euro betragen. Der Grund damals wie jetzt sind Abschreibungen auf die Sparte "Steel Americas", also die hoch defizitären Stahlwerke in den USA und Brasilien. Die lagen im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr allein bei 3,6 Milliarden Euro.

    ThyssenKrupp

    Charts und weitere Info

    Keine Dividende

    Auch das operative Geschäft läuft schlechter: Ohne die Edelstahlsparte und den zum Verkauf gestellten Geschäftsbereich "Steel Americas" hat sich das so bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern auf 1,4 Milliarden Euro halbiert. Die Nettoschulden sind um 2,2 Milliarden auf 5,8 Milliarden Euro gestiegen. Die Aktionäre werden es spüren: Eine Dividende werden sie für dieses Jahr nicht erhalten. Gleichzeitig bestätigte der Aufsichtsrat die Entlassung des halben Vorstands.

    An den Bilanzzahlen lässt sich das Ausmaß der Verluste erahnen, die der Essener Konzern seit Jahren im Stahlgeschäft aufhäuft: Die sind vor allem auf den Bau zweier Stahlwerke in Amerika zurückzuführen. 12 Milliarden Euro sollen die Manager da in den Sand gesetzt haben, die Schulden muss der Konzern nun versuchen zu senken. Dazu hat er etwa die Edelstahlsparte Inoxum schon verkauft und damit eine Milliarde Euro erlöst: Käufer war der finnische Wettbewerber Outukumpu. Nun könnte das gesamte Stahlgeschäft zur Disposition stehen. Denn die Herstellungskosten sind zu hoch.

    An der falschen Stelle gespart

    Die Stahlwerke in Amerika, vor allem das in Brasilien, hatte der bis Ende 2010 amtierende Vorstandschef Ekkehard Schulz  noch bei seinem Abschied als "Erfolgsgeschichte" gepriesen. Sie sind alles andere als das. Die Idee dahinter war zwar ansprechend: Stahl in einem Schwellenland zu produzieren, entsprechend Arbeitskosten einzusparen. In Brasilien sollten fünf Millionen Tonnen Stahl pro Jahr hergestellt werden, der dann in Deutschland und den USA veredelt werden sollte – etwa für den Einsatz in der Autoindustrie. Doch ThyssenKrupp sparte an der falschen Stelle – beim Bau. Denn das Unternehmen beauftragte damit auch eine chinesische Firma, die aber den Anforderungen bei weitem nicht gerecht wurde, eher Schrott als eine moderne Anlage ablieferte. So begann das, was schließlich als eine der größten unternehmerischen Katastrophen in die Geschichte eingehen sollte.

    Hinzu kommt natürlich die Konjunkturabhängigkeit des Stahlgeschäfts: Denn wenn etwa die Autoindustrie schwächelt, dann spüren das die Stahlhersteller sehr schnell. Eine Neuausrichtung, eine Trennung vom Stahlgeschäft, halten Beobachter deshalb für geboten. Die treibt Vorstandschef Heinrich Hiesinger nun voran: "Ohne Inoxum, Steel Americas und einige kleinere Verkäufe sinkt der Umsatzanteil der Stahlproduktion von 40 Prozent auf nur noch knapp 30 Prozent", sagte er.  Die größere Wertschöpfung, die das Unternehmen damit erzielt, sei der richtige Weg, meint Eerik Budarz, Analyst von Silvia Quandt Research. Thyssen-Krupp werde sich künftig stärker auf den Maschinenbau und die Aufzugsherstellung konzentrieren. "Damit ist man weniger im traditionellen Stahlgeschäft unterwegs. Dort ist wegen der hohen deutschen Kosten schwer zu reüssieren", sagt der Analyst.

    "Besser spät als nie"

    Auch dass der Aufsichtsrat jetzt den halben Vorstand rausgeworfen habe, hält Budarz für einen guten Schritt: "Besser spät als nie" meint er, denn der Vorstand habe die Konzentration auf eine Neuausrichtung verhindert. Nicht nur das Stahlgeschäft lief schlecht, in den letzten Monaten hatte der Konzern auch in anderen Bereichen fast nur noch mit negativen Nachrichten von sich reden gemacht: Unter anderem ging es um ein Schienenkartell - das Bundeskartellamt verdonnerte das Unternehmen zu einem Bußgeld von 103 Millionen Euro.

    Auch in der Aufzugssparte steht ein Rechtsstreit wegen Preisabsprachen an. Salzgitter wiederum wirft dem Konkurrenten unsaubere Geschäftspraktiken vor. Schließlich geriet das Unternehmen dann noch wegen bezahlter Luxusreisen für Journalisten in die Kritik. Nun entlässt der Konzern also drei seiner sechs Vorstandsmitglieder: den für das Technologiegeschäft zuständigen Olaf Berlien, den Stahlvorstand Edwin Eichler und den Kommunikationschef Jürgen Claassen, der für die Einhaltung von Gesetzen und Regeln im Unternehmen verantwortlich war.

    Cromme: Führung neu erarbeiten

    Gerhard Cromme, der Aufsichtsratschef des Unternehmen, greift also durch – und sein Kontrollgremium folgt ihm. Man müsse jetzt ein neues Führungssystem und eine neue Führungskultur erarbeiten, erklärte Cromme in der vergangenen Woche. Das Aufsichtsgremium nimmt er von diesem Anspruch jedoch aus. Cromme, lange Jahre selbst Chef des Konzerns und schließlich Vorsitzender der Regierungskommission, hatte gerade in dieser Funktion die Regeln für gute Unternehmensführung mitgeprägt.

    Dabei wird auch die Kritik an Cromme immer vernehmlicher: Er hatte zwar dafür gesorgt, dass in deutschen Unternehmen endlich mehr Transparenz bei der Vergütung herrscht. Zu diesen Regeln gehört heute auch, dass ein Vorstandschef nur noch in Ausnahmefällen direkt an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln sollte – genau das aber tat Cromme im Jahr 2001. Sowohl bei ThyssenKrupp als auch bei Siemens leitet er den Aufsichtsrat. Und dass der heutige ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger bis zu seiner Berufung Siemens-Vorstand war, nimmt sich da auch etwas merkwürdig aus. Der Dachverband Kritischer Aktionäre macht Cromme jedenfalls für die Schwierigkeiten mitverantwortlich und fordert seinen Rücktritt. Die Arbeitnehmervertreter stellten sich hinter den Aufsichtsratschef: Die von ihm eingeleiteten Prüfungen und Untersuchungen seien "richtig und notwendig".

    Steinbrück-Nachfolger in Krupp-Stiftung

    Die Krupp-Stiftung - sie hält rund 25 Prozent an dem größten deutschen Stahlkonzern, will ein eigenes Vorstandsmitglied als Nachfolger des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück in den Aufsichtsrat von ThyssenKrupp entsenden. Der 52-jährige Ralf Nentwig solle Anfang Januar in das Kontrollgremium einziehen, teilte die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung am Montagabend mit. Steinbrück hatte nach der Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten angekündigt, den Posten niederzulegen. Die Krupp-Stiftung Sie gilt als Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme und kann drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat entsenden. Steinbrück war seit Januar 2011 Mitglied des Gremiums.

    11.12.2012
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