Ob an Schulen, Internaten und Vereinen, immer nutzten die Täter im Fall von Missbrauch ein besonderes Vertrauensverhältnis aus. Welche Strategien stehen dahinter und wie kann man Kinder davor schützen?
Etwa 60.000 pädophile Männer gibt es in Deutschland, schätzt die Polizei. Ob auf dem Spielplatz oder im Schwimmbad: Die Täter haben ausgeklügelte Strategien, den Kontakt zu Kindern aufzunehmen. Doch die Gefahr droht häufig im direkten Umfeld des Kindes. Von Personen, die das Kind oder der Jugendliche kennt, mag und respektiert.

"In der Regel sind es Menschen, die das Kind kennt. Das perfide ist, dass diese Vertrauensbasis, die geschaffen worden ist, durch eine Beziehung dann ausgenutzt wird", sagt Jürgen Lemke, der als Therapeut für "Kind im Zentrum" arbeitet, einer sozialtherapeutischen Einrichtung für sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche.
Der Autor und Filmemacher Manfred Karremann recherchiert seit Jahren undercover und mit versteckter Kamera zum Thema Kindesmissbrauch. Wie pädophile Täter vorgehen, wie sie ihre Opfer umkreisen, wie sie sich das Vertrauen von Kindern und Eltern erschleichen, schildert Karremann in seinen Filmen für das ZDF und in seinem Buch "Es geschieht am helllichten Tag".
Doch wo endet freundschaftliche Zuneigung, wann beginnt Missbrauch? Eine schwierige Frage, besonders für die betroffenen Kinder und Jugendlichen. "Wenn ein Erwachsener in einer Situation einem Kind den Arm um die Schultern legt, um es zu trösten, hat das seine Berechtigung, aber wenn das Ganze verbunden ist mit sexueller Erregung, dann ist es eben Missbrauch", sagt Lemke.
Dies zu unterscheiden sei allerdings sehr schwer für das Kind, gerade wenn ein Vertrauensverhältnis besteht. "Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher Vertrauen hergestellt hat, dann hat es eigentlich immer Angst, dass ihm die Zuwendung entzogen wird. Und das spürt es schon und bekommt es indirekt signalisiert, im Sinne: Wenn du nicht mitmachst oder wenn du was sagst, dann weiß ich ja nicht, wie ich mich verhalte".

Simone Stein (Name von der Redaktion geändert) hat eine solche Erfahrung gemacht. Als sie fünfzehn war, ist ihr ein evangelischer Pfarrer in einer Jugendgruppe zu nahe gekommen. In einer Beratungsstellte versucht sie, das Erlebte zu verarbeiten: "Circa ein halbes bis ein dreiviertel Jahr, nachdem ich in die Junge Gemeinde gekommen bin, hat er angefangen, mir Komplimente zu machen. Dann hat er mich das erste Mal gefragt, ob er mich anfassen darf. So nahm alles seinen Lauf. Es ging dann anderthalb Jahre. Ich hatte es nie gewollt, es war nicht freiwillig. Ich hatte jedes Mal Angst vor der Frage: Wann hast Du wieder Zeit?
Ich wusste von Anfang an, dass es den Mädchen in der jungen Gemeinde genauso ergeht wie mir, weil ich ihn beim aller ersten Mal gefragt habe: Machst du das auch mit anderen? Heute weiß ich gar nicht mehr, wie ich damals zu der Frage kam. Er hat mir dann Namen aufgezählt von Mädchen und meinte: Mit denen mache ich das auch. Da habe ich natürlich gedacht: So falsch kann das nicht sein. Er ist viel älter, er ist Pfarrer, er muss schon wissen, was er tut, es ist schon richtig".

Pfarrer, Lehrer, Erzieher: Wenn eine Autoritätsperson ihre Macht ausnützt, ist es für Kinder und Jugendliche besonders schwer, nein zu sagen. Therapeuten kennen diese seelische Notlage der Opfer. Bei "Kind im Zentrum" hat man jahrelange Erfahrung damit: "Wenn es Respektspersonen sind, in welchem Bereich auch immer, dann ist das Machtgefälle zwischen Erwachsenem und Kind noch einmal steiler. Und je größer das Machtgefälle umso schwerer ist es für ein Kind, sich zu wehren, ob verbal oder körperlich", sagt Therapeut Lemke.
Die wirksamste Vorbeugung ist nach Meinung von Experten, Kinder aufzuklären. Sie damit in die Lage zu versetzen, Gefahren rechtzeitig zu erkennen, Nein zu sagen. Und nicht zu schweigen, wenn es doch zum Missbrauch gekommen ist. Da ist sich heute auch Missbrauchsopfer Simone Stein ganz sicher: "Anderen würde ich auf jeden Fall raten, es zur Anzeige zu bringen. Zudem sollten sie sich jemanden suchen, mit dem sie drüber reden können. Man kann es nicht vergessen, aber man kann es verarbeiten. Man kann lernen, damit zu leben, was mir im Moment noch sehr schwer fällt. Ich kann es einfach noch nicht."