Die Tierwelt in der Arktis ist einmalig. Allein auf Spitzbergen leben etwa 3000 Eisbären. Doch ihre Überlebenschancen werden immer geringer - auch weil sie Giften aus den Industrienationen ausgesetzt sind. Der Umweltbiologe Roland Kallenborn beobachtet seit Jahren, dass schwer abbaubare Schadstoffe das Leben auf Spitzbergen entscheidend beeinflussen. Wie hoch ist der Grad der Verschmutzung tatsächlich? Und sind bei Pflanzen und Tieren bereits Auswirkungen erkennbar?
Spitzbergen ist bei Forschern äußerst beliebt - auch weil die Natur scheinbar unberührt ist. Doch seit Jahren wird beobachtet, dass Gifte, die in fernen Industriestaaten produziert werden, immer stärker das Leben in der Polarregion beeinträchtigen. Die Lage verschlimmert sich stetig. Vom Plankton bis zum Eisbären - ganze Nahrungsketten sind betroffen.

Die ursprüngliche Reinheit der Polarregion verrät jede Fremdverschmutzung. Schadstoffe wie Abgase und Chemikalien wie Düngemittel aus den fernen Industriestaaten finden ihren Weg über das Wasser, vor allem aber über Luftströme in die Arktis. Durch Niederschlag gelangen die giftigen Verbindungen schließlich in den Boden. Dies ist der Beginn eines unheilvollen Durchbruchs in die Nahrungskette. Was als kleine Ablagerung beginnt, kann schnell alle Lebewesen in der Arktis beeinträchtigen. Eine Art Schneeballsystem: Je höher die Tiere in der Nahrungskette stehen, desto stärker reichern sich die Giftstoffe in ihren Geweben an. Die Schadstoffe setzen den Tieren in der Arktis zu.
Der Umweltbiologe Prof. Roland Kallenborn untersucht die regionalen und globalen Verteilungsprozesse von Schadstoffen in der Arktis. Für drei Jahre lebt und forscht er auf Spitzbergen. Sein Arbeitsplatz ist in Longyearbyen im "University Centre in Svalbard". Immer wieder überprüft er die Tier- und Pflanzenwelt. Kürzlich hat er Gifte nachgewiesen, die in dieser Region lange völlig unbekannt waren - etwa Imprägniermittel für Textilien oder Flammenschutzpräparate.
Prof. Kallenborn versucht alle Glieder in der Nahrungskette im Blick zu haben. Denn die Belastung ist unterschiedlich hoch und für die Organismen auch unterschiedlich kritisch. Der Forscher muss immer wieder neue Bestandsaufnahmen machen. Wie stark lagern sich Schadstoffe etwa in den Rentieren ab? Da die Tiere ihren Flüssigkeitsbedarf über den Schnee aufnehmen, nimmt Kallenborn an ausgesuchten Stellen Schneeproben.

In den scheinbar reinen, unberührten Schneemassen Spitzbergens können sich Spuren gefährlicher Gifte verstecken wie zum Beispiel schwer abbaubare polychlorierte Biphenyle (PCB), die unter anderem in Lacken und Kunststoffen Verwendung finden. In den letzten zehn Jahren wurden zahlreiche gefährliche Verbindungen nachgewiesen, gefährlich vor allem deshalb, weil sie umweltstabil sind, sich also nicht oder nur sehr langsam abbauen. Durch neue Analysemethoden kann Kallenborn immer geringere Schadstoffkonzentrationen aufspüren. Die kürzlich entdeckten Flammenschutz- und Imprägniermittel gibt es schon seit Jahrzehnten. Doch erst seit kurzer Zeit sind sie in der Arktis nachweisbar.

Bei seinen Forschungen hat Kallenborn besonders die arktischen Vögel im Blick. Mit Fernglas und Videokamera spürt er Hinweisen auf die Belastung der Tiere nach. Die Vogelwelt auf Spitzbergen wird dominiert von Meeresvögeln wie Gryllteisten, Lummen oder verschiedenen Möwenarten. Im Fett- und Muskelgewebe von Vögeln reichern sich potentiell giftige Verbindungen an. Diese können sich auch auf das Verhalten von Vogelpopulationenen auswirken. Bei den Eismöwen etwa kann eine hohe Konzentration von PCP oder DDT (das Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan) auf das Flugverhalten und die Motorik einwirken und das Immunsystem schwächen.

Doch die Auswertung der Vogelbeobachtungen allein reicht nicht aus. Um herauszufinden, ob im Gewebe der Tiere Rückstände zu finden sind, müssen Gewebeproben entnommen werden. Schone geringe Spuren der Gifte können große Auswirkungen haben. Durch Klimawandel und zunehmende Industrialisierung ist zu erwarten, dass sich die Lage in der Arktis weiter verschlechtert. Es liegt an den Menschen in den Industrienationen, ihre Prioritäten zu überdenken.
Die Stärkung der sogenannten grünen Chemie, mit besser abbaubaren Stoffen, könnte ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein. Um die zunehmende Belastung aufzuhalten, helfen keine lokalen Rezepte. Weltweit muss das Umweltbewusstsein gestärkt werden. Nur so kann die Artenvielfalt im Norden der Welt auf Dauer erhalten bleiben.
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