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09. Februar 2010
 

heute-Nachrichten

 
Andreas Gursch. Quelle: ZDF/Klaus Bardenhagen
Andreas Gursch vom Deutschen Wirtschaftsbüro in Taipeh

Taiwan - wichtige Industrienation für Deutschland

Wirtschaftsexperte Gursch über den Machtwechsel

Deutschland unterhält zwar keine offiziellen Beziehungen zur Inseldemokratie Taiwan. Dennoch läuft die wirtschaftliche Zusammenarbeit prächtig, sagt Andreas Gursch vom Deutschen Wirtschaftsbüro in Taipeh. Der Machtwechsel werde daran nichts ändern.

 
 
 

heute.de: Was bedeutet der Regierungswechsel für die deutsche Wirtschaft und für deutsche Unternehmen in Taiwan?

Gursch: Aus deutscher Sicht wird sich wohl nicht so viel ändern. Taiwan ist jetzt bereits ein ganz wichtiger Handelspartner in Asien, und Deutschland ist der wichtigste Handelspartner für Taiwan in Europa. Die 250 in Taiwan vertretenen deutschen Unternehmen machen gute Geschäfte, egal ob es sich um Produzenten von chemischen Produkten handelt, Maschinenbauer oder Zertifizierungsunternehmen. So kommt ein großer Teil der Maschinen für die neue taiwanische Solarindustrie aus Deutschland. Außerdem sind hier natürlich deutsche Luxusgüter gefragt, allen voran Autos.

 

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Andreas Gursch

kam 1987 als Sinologie-Student erstmals nach Taipeh. Ab 1996 arbeitete der Experte für Umwelt-Technologie in Taiwan für europäische Entsorgungsunternehmen. Seit 2004 ist er im Deutschen Wirtschaftsbüro in Taipeh tätig, der Niederlassung der Deutschen Außenhandelskammer. Seit 2006 ist er stellvertretender Leiter.

 

heute.de: Was würden Sie sich konkret von der neuen Regierung wünschen?

 

Gursch: Ma Ying-jeou hat angekündigt, Infrastruktur-Großprojekte für 55 Milliarden Euro zu verwirklichen. Es wäre wichtig, dass die Ausschreibungen so transparent sind, dass auch europäische Unternehmen zum Zug kommen können.

 

heute.de: Taiwan ist mit 23 Millionen Einwohnern ein eher kleiner Markt in Asien. Was sind die Gründe für deutsche Firmen, ausgerechnet hier aktiv zu werden?

 

Gursch: An China führt heutzutage eigentlich kein Weg vorbei. Aber es gibt Unternehmen, etwa aus dem Windkraft-Bereich, die ihre Technologien schützen wollen und sagen, wir gehen erstmal nicht nach China, weil unser Know-How dort nicht ausreichend geschützt ist.

Der Schutz geistigen Eigentums funktioniert in Taiwan sehr viel besser als in China. Das Rechtssystem ist mit dem deutschen verwandt. Man kann als westliches Unternehmen im Notfall seine Kooperationspartner verklagen und sogar Recht bekommen. Ein weiterer Aspekt, der für Taiwan spricht, ist die Infrastruktur, die in Asien ihresgleichen sucht. Sie können mit dem Hochgeschwindigkeitszug in weniger als zwei Stunden von der Hauptstadt Taipeh im Norden in die große Hafenstadt Kaoshiung um Süden der Insel fahren. Und am Nachmittag sind sie wieder zurück.

 

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Handel zwischen Deutschland - Taiwan

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hat Deutschland 2007 Waren im Wert von 5,9 Milliarden Euro aus Taiwan importiert. Damit liegt es auf Rang 4 der ostasiatischen Länder und knapp vor Indien. Exportiert wurden nach Taiwan Waren für 4,8 Milliarden Euro (Rang 5 der ostasiatischen Länder).

 

heute.de: Ma Ying-jeou will als Präsident Direktflüge von Taiwan nach China ermöglichen. Was würde das bedeuten?

 

Gursch: Deutsche Firmen könnten dann zum Beispiel ihre Mitarbeiter aus China besser zu Schulungen nach Taipeh bringen. Und manche Unternehmen würden vielleicht ihre Asien-Zentrale nach Taiwan verlegen, wenn die Verbindungen nach China besser sind.

 

heute.de: Warum sollten sie das tun?

 

Gursch: Taiwan ist nicht nur geografisch ideal gelegen, es ist auch eine freie Gesellschaft, mit freien Medien, wie in einem europäischen Land. Die Regierung macht auch kaum Restriktionen, in welchem Bereich man investieren darf oder nicht. Die Menschen hier sind extrem gut ausgebildet, fast alle waren schon im Ausland, und viele haben in Europa oder Amerika studiert. Und auch die "weichen Faktoren" darf man nicht unterschätzen. Es ist ein sehr sicheres, schönes Land, in dem es sich als Ausländer gut leben lässt, und es hat nicht nur im wirtschaftlichen, sondern auch im kulturellen Bereich viel zu bieten.

 

heute.de: Welche Bedeutung hat Taiwan als "Sprungbrett nach China"?

 

Gursch: Dieser Begriff wird meiner Meinung nach überschätzt. Es sind zwei verschiedene Märkte, und es gibt nur wenige Beispiele für Firmen, die zuerst in Taiwan und danach in China Erfolg hatten. Aber Taiwan ist mit seinen 23 Millionen Einwohnern, die ein relativ hohes Pro-Kopf-Einkommen haben, sicherlich interessant als Testmarkt fuer Konsumgüter. Die Leute kaufen gerne "Made in Germany", und was hier läuft, das ist auch in Shanghai, Peking oder Hongkong interessant.

 

heute.de: In Deutschland kennt man als taiwanisches Unternehmen vor allem BenQ, dessen Ruf nach der Schließung der ehemaligen Siemens-Handysparte gelitten hatte.

 

Gursch: In Europa weiß kaum jemand, dass taiwanische Unternehmen in vielen Bereichen Weltmarktführer sind. Vor allem im Computerbereich. Bei Motherboards, Notebooks, LCD-Monitoren etc. haben sie Marktanteile zwischen 70 und fast 100 Prozent. Bisher waren sie aber vor allem in zweiter Reihe tätig, als Hersteller für andere Marken. Das iPhone von Apple etwa wird vom taiwanischen Unternehmen Foxxcon hergestellt. In den letzten Jahren versuchen sie aber verstärkt, unter dem eigenen Namen aufzutreten und "Made in Taiwan" als Qualitätssiegel zu etablieren. Das war ja nicht immer so, früher stand Taiwan mal für Billigprodukte.

 

heute.de: Wie sieht die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen China und Taiwan heute aus?

 

Die meisten taiwanischen Unternehmen produzieren längst in Festland-China. Insgesamt haben sie dort 200 Mrd. US-Dollar investiert - wohl mehr als jedes andere Land. Mehr als eine Million Taiwaner leben und arbeiten in China. Die Taiwaner haben ihr Fertigungs-Know-How nach China mitgebracht und haben sicher einen großen Anteil am Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht. Die wirtschaftliche Verflechtung ist also schon längst sehr eng. Auf dieser Seite gibt es also keine großen Probleme zwischen den beiden Ländern. Politisch aber schon.

 

heute.de: Wie erleben Sie die Reaktion der Taiwaner auf das Erdbeben in China?

 

Andreas Gursch: Es gibt hier ein ganz großes Mitgefühl mit den Menschen in China. Manchmal sind das rührende Bilder, wenn etwa Schulkinder ihr Taschengeld spenden. Taiwanische Unternehmen, die ja fast alle auch in China produzieren, haben mehr gespendet als chinesische Unternehmen. Taiwan hat selbst Erfahrung mit Erdbeben, 1999 gab es hier 2000 Tote. So furchtbar die Katastrophe auch ist, es ist auch eine Chance für das Verhältnis von Taiwan zu China. Wie ein Zusammenrücken in der Krise. Und das zum Amtsantritt des neuen Präsidenten.