Der Bundestag ist zurzeit so gut wie arbeitsunfähig. Eine Mitarbeiterin einer Grünen-Abgeordneten hat aus Versehen eine E-Mail "an alle" geschickt, darauf antworteten andere wieder "an alle". Im Sekundentakt tauschen sich "alle" per Mail aus.
Der "Kürschner" bietet eigentlich keinen Grund zu lachen. Denn der "Kürschner" ist ein staubtrockenes Buch mit schrägen Streifen, das den passenden Beinamen "Handbuch" trägt. Darin finden Mitarbeiter des Bundestages, Journalisten und Interessierte traditionell Infos, die man im Politikbetrieb so braucht: Vitas von Abgeordneten, Namen der Mitglieder des Ältestenrats, Wahlergebnisse. Trotzdem trendet seit heute mittag das Wort "Kürschner" bei Twitter und löst Lachtiraden und Begeisterungsstürme bei fast allen im Berliner Politikbetrieb aus.
#Kürschnergate(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) , wie der Vorfall liebevoll getauft wurde, begann heute morgen um 9.20 Uhr. Da schickte die Stelle für Infomaterial eine E-Mail an alle im Bundestag mit der frohen Kunde, dass das neue Handbuch mit dem Titel "Gesetzliche Grundlagen, Geschäftsordnungen. Deutscher Bundestag - Bundesrat - Bundesregierung" eingetroffen sei. Um 09.44 Uhr entscheidet sich eine Wahlkreismitarbeiterin der Grünen-Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl, ihre Berliner Kollegen zu bitten, ihr eines der Handbücher mitzubringen - und verklickt sich. Sie schreibt die Nachricht aus Versehen an den ganzen Bundestag. Betroffen sind sechs Rechner pro Bundestagsabgeordnetem, also 4.032 Stück, plus die Mitarbeiter der Fraktionen, plus die Rechner der Mitarbeiter der Verwaltung.

Fast zwei Stunden lang passiert nichts. Um 11.20 Uhr mailt dann ein Mitarbeiter des SPD-Abgeordneten Sönke Rix wieder an alle: Er schickt Babette und allen anderen einen Link zu ironischen Regeln für E-Mail-Versender(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) und empfiehlt Punkt 20. Der trägt den Titel "Versenden Sie Mails an alle". Daraufhin gibt es kein Halten mehr. Immer mehr Bundestagsmitarbeiter schreiben zurück. Einige wollen einfach nur aus dem Verteiler genommen werden, andere machen sich darüber lustig. "Ich grüße hiermit meine Mutti", tippt einer und klickt auf allen antworten. Im Sekundentakt treffen am Mittwoch in jedem Büro des Bundestages solche Nachrichten mit dem Betreff "AW: Kürschners Handbuch Gesetzliche Grundlagen, Geschäftsordnungen" ein.
Der Chef von cducsu.de, Frank Bergmann, kann sich am Telefon vor Lachen kaum noch halten. "Man kommt zu nichts mehr", erzählt er, "ich sehe auf meinem Bildschirm gar nichts mehr außer den Kürschner-Mails." Bei Twitter machen Mitarbeiter und Abgeordnete den Vorfall öffentlich:(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) Das sei wie Speeddating für den Bundestag, sagt dort ein Mitarbeiter eines CDU-Abgeordneten. Man würde im Sekundentakt neue Leute kennenlernen. So schlägt ein Herr Siebert per Mail an alle vor, dass sich doch alle um 14 Uhr treffen könnten, um gemeinsam den neuen Kürschner abzuholen, ein anderer startet eine Verlosung unter allen eingegangenen Mails: Für die kreativste Massenmail würde er zwei Karten für das Berliner Handballteam "Füchse" verschenken.

Heiterkeit bei den Volksvertretern - auf Kosten der ungeschickten Wahlkreismitarbeiterin. Die fühlt sich zwar noch "etwas flau", nimmt den Vorfall aber mit Humor: "Bewusst war mir das zunächst nicht", erzählt Babette Schulz heute.de. Meist erhalte sie solche Mails als Weiterleitung ihrer Berliner Kolleginnen - und ging davon aus, diesen auch geantwortet zu haben. "Nach erstem Schreck habe ich auf die ersten freundlichen oder neutralen Irrläufer-Rückmeldungen mit Dank geantwortet. Das lief nicht über den Verteiler. Als dann die Maillawine ihre skurrile Eigendynamik entwickelte, wurde mir das etwas unheimlich - bis die überwiegend netten humorvollen Mails auch mich sehr zum Lachen brachten."
Kein Wunder. Ein Grünen-Mitarbeiter twittert: "Mein erstes Kind soll Babette heißen", ein anderer stellt sofort die passende Facebook-Gruppe(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) ins Netz: "Babette war's". Die ist mittlerweile wieder aus dem Netz verschwunden. Sogar ihre Chefin, die Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, trage das ganze Theater "mit Humor und Fassung", erzählt Babette Schulz: "Da waren einige sehr nette Anrufe und Mails, die mir persönlich zugingen - und zwar sogar aus fast allen Parteien." Diese Solidarität habe ihr sehr gut getan.
Mittlerweile meldet sich das Bundestags-Referat IT: "Aus gegebenem Anlass wird hiermit daran erinnert, dass E-Mail-Verteiler ausschließlich für dienstliche Zwecke zu verwenden sind. Aufgrund des derzeitigen Mißbrauchs des E-Mailsystems können Zustellverzögerungen von bis zu 30 Minuten auftreten." Auch bei Twitter mehren sich nach fast zwei Stunden E-Mail-Flut die Bitten an alle im Bundestag, jetzt damit aufzuhören. "Langsam tut es weh", twittert einer und die Grünen hoffen darauf, dass jetzt niemand auf die Idee komme, diese Mails alle auszudrucken.
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