In der Nacht wurde die Uhr wieder eine Stunde zurückgedreht. Chronobiologe Till Roenneberg fordert die Abschaffung der Sommerzeit, sie sei unnütz und sogar schädlich. Unterstützung bekommt er von einem Europaabgeordneten und einer dänischen Beraterin.
Immerhin ist es die leichtere Umstellung. Die fehlende Stunde im Frühjahr verkraften späte Chronotypen kaum. Die meisten Menschen seien solche "Eulen", sagt der Chronobiologe Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Chefs seien dagegen meist Frühtypen, also "Lerchen". "Diese Minderheit zwingt die Bevölkerung, nach ihrer Zeitnadel zu tanzen." Die Eulen litten deswegen unter "sozialem Jetlag" - dem Unterschied zwischen der eigenen "biologischen Uhr" und der "sozialen Uhr" der Arbeitswelt.
Die Zeit-Umstellung - besser "Uhren-Umstellung", darauf weist Roenneberg hin - ist nur ein Symptom des Lebens gegen die innere Uhr: "60 bis 80 Prozent der Menschen bekommt schon unter Normalzeit zu wenig Schlaf." Der Forscher ist sich sicher: Der soziale Jetlag schadet der Gesundheit. Die Menschen rauchten mehr, neigten zu Depressionen und würden häufiger krank. Bei Schichtarbeitern sei die Krebs-Wahrscheinlichkeit größer.
Kuh und Schwein haben es oft leichter mit der Umstellung der Uhr. Landwirte gewöhnen ihre Tiere meist über mehrere Tage verteilt an den neuen Rhythmus. Die Bauern hätten gelernt, mit der Zeitumstellung umzugehen, sagte der Pressereferent des Deutschen Bauernverband (DBV) Johannes Funke. In den Anfangsjahren nach der Einführung der Sommerzeit im Jahre 1980 sei das noch anders gewesen. Damals habe eine "durchaus große Skepsis" geherrscht. Für einige Bauern bringe die Sommerzeit aber sogar positive Nebeneffekte. "Der ein oder andere Mähdrescher-Fahrer ist nicht böse, wenn im Sommer der Abend länger hell ist", sagte Funke.
Das brachte Roenneberg kürzlich auch im Europaparlament vor, auf Einladung des deutschen Abgeordneten Herbert Reul (CDU). Der Vorsitzende des Industrie-Ausschusses kämpft ebenfalls für eine Ende der Umstellung und verweist auf Russland, wo ab heute Nacht die bisherige Sommerzeit als neue Normalzeit weiter gilt.
"Ich habe keine ernsthafte Begründung für die Beibehaltung gehört", sagt Reul. Nicht einmal eine Energieeinsparung durch die Sommerzeit lasse sich belegen. Er verweist auf den letzten Kommissions-Bericht - da argumentieren etwa lettische Tourismusexperten, die Sommerzeit erhöhe die Nachfrage nach Fahrrädern und Booten.
Reul sieht dagegen klare Probleme bei Fahrplänen oder Krankenhaus-Schichten. Seit Roennebergs Besuch ist er auch von den Gesundheitsproblemen überzeugt und will sich weiter für das Thema einsetzen. Allerdings können nur die einzelnen Mitgliedsländer die Uhren-Umstellung abschaffen.
Roenneberg berichtet von einem Aha-Moment in Straßburg; vielen seien die Probleme gar nicht bewusst gewesen. Ein Beispiel: die Schule. Dort stünden Lehrer, meist "Lerchen", Schülern gegenüber, die in der Pubertät zu "Eulen" würden und so schlechter lernten. Erst ab 20 drehe sich die innere Uhr wieder zurück.
2006 schlug Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger einen späteren Schulbeginn vor und erntete von Lehrerverbänden Kritik und Polemik. Ihre Argumente kennt auch die Dänin Camilla Kring: "Es gibt gestrig eingestellte Lehrer, für die frühes Aufstehen und frühes Zu-Bett-Gehen der einzige Weg ist." Sie gründete vor fünf Jahren die Gesellschaft für "B-Menschen" - so nennt sie späte Chronotypen. Heute gibt es Mitglieder in 50 Ländern. "B-Menschen denken, mit ihnen ist etwas falsch", sagt Kring. Aber die Gesellschaft brauche sie ebenso wie "A-Menschen".
Eine dänische Grundschule hat bereits reagiert: An drei Tagen gilt eine Kernzeit von zehn bis zwei Uhr, die Schüler können selbst entscheiden, ob sie für zwei Stunden Gruppenarbeit früher kommen oder länger bleiben. Krings berät eine weitere, neu gegründete Schule bei ihrer Zeitstruktur. "Derzeit läuft sie von acht bis 13 Uhr. Ich denke, nach dem Sommer 2012 wird es 9.30 bis 14.30 Uhr. Aber das hängt von den Bedürfnissen ab." Denn es komme auf den Chronotyp der Schüler und auf die Arbeitszeiten der Eltern an. Krings ist daher auch in Gesprächen mit den Gewerkschaften. "Es ist ein Kulturwandel. Es geht um Gewohnheiten, Normen, Tabus. Das braucht Zeit", sagt sie. Aber die hat die Dänin: "Ich bin 33 Jahre alt - und ich werde den Rest meines Lebens für diesen Kulturwandel kämpfen."