Europas ökonomischer Ausblick - so hieß eine der zentralen Veranstaltungen in Davos, und so trocken kann Krise sein. Wenn sie vom Chef der EZB beschrieben wird. Die Spannung also musste aus der Sache selbst kommen.
Die längsten vier Jahre seines Lebens seien das gewesen, sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, in Davos - und meinte die Zeit seit dem Ausbruch der Krise in den USA 2008. Eine feine kleine Erinnerung daran, dass das ganze Desaster bei mangelnder Regulierung und völlig außer Rand und Band geratenen Wertpapier-Konstrukteuren in New York seinen Ausgang nahm.
Man darf den Worten Draghis wohl getrost entnehmen, dass er die Krisen nicht säuberlich getrennt wissen will und die europäische Schuldenkrise zumindest etwas mit Lehman-Pleite, Bankenzusammenbrüchen und staatlicher Rettung zu tun hat: Das Geld, das Staaten in europäische Geldhäuser stecken mussten, um sie vor der auch selbst verschuldeten Untergangsgefahr zu retten, fehlt dann eben. Völlig übertrieben und irregeleitet waren, so Draghi, die hochgejazzten Gewinninstrumente der Finanzakrobaten. Was daraus wurde, weiß man. Vor diesem Hintergrund erlaube man sich bitte auch mal etwas Optimismus.
Draghis Schlussfolgerung aus dem, was seither passierte: Zum einen seien die Banken heute "viel eher immun gegen die perversen Anreize aus der Zeit vor der Krise". Nun waren die letzten zwei Jahre ja alles andere als ruhig, und dennoch habe das Bankensystem sich als widerstandsfähig erwiesen, sagt Draghi. Und dass der Herr über den Euro dabei keine Miene verzieht und auch nicht das geringste Maß an Begeisterung erkennen lässt, macht seinen Auftritt fast noch überzeugender.
Man hat den Eindruck, nichts weniger als die plötzliche Entdeckung des Verfahrens, aus Stroh Gold zu spinnen, wäre nötig, um ihm ein zumindest schmales Lächeln abzuringen. Er hat die Ruhe weg, so viel ist sicher. Was ist mit den hohen Zinsen, die südeuropäische Länder heute für ihre Staatsanleihen bieten müssen? Nun ja, früher waren die viel zu niedrig, ungeachtet der einzelnen Länderrisiken, sagt er. Und als dann in der Folge der Lehman-Pleite alle Investoren plötzlich aufwachten, sahen sie die Risiken, die es gab, und gleich noch ein paar mehr.
Mario Draghi analysiert und wägt, und am Ende seiner Gedankengänge kommt er zu dem Schluss: Wenn man die heutige Situation in der Euro-Zone mit der vor fünf Monaten vergleicht, dann hält man es kaum für möglich, welche Fortschritte gemacht worden sind. Das ist sein Geleitwort für den bevorstehenden EU-Gipfel, und er spricht es - wie alles - sehr, sehr gelassen aus. Demokratien brauchen ihre Zeit, aber jetzt geht's los.
Es könnte also das europäische Jahr des Draghi werden. So aber, wie die Dinge nun mal sind, ist natürlich längst nicht alles in Ordnung. Europa hat zum Beispiel die Briten, die dafür sorgen, dass der neue Stabilitätspakt weit komplizierter zu verabschieden ist, als man das - kontinental gesehen - gerne hätte. Die erwähnten Fortschritte, ja die hier und da aufblitzende Unaufgeregtheit der Akteure schlägt sich auch nieder in witzelnden Finanzministern.
Wolfgang Schäuble, der deutsche Finanzminister, ist so einer. Warum es denn nicht so recht vorangehe und wie man denn die Hürden überwinden wolle, fragt eine Zuhörerin. Er werde ihr mal die Mobiltelefonnummer des britischen Premierministers geben, pariert der Minister. Das sitzt - und dass nun ausgerechnet der Brite David Cameron Zielscheibe deutschen Humors wird, den es ja angeblich kaum gibt, das entschädigt doch schon für vieles.