Knapp 30 Tote, noch etliche Vermisste - bei dem Zugunglück in Russland geht die Staatsanwaltschaft von einem Anschlag auf die wichtigste Zugverbindung im Land aus. Von einer Bombe ist die Rede. Und offenbar explodierte jetzt wieder ein Sprengsatz.
Bei den Rettungsarbeiten detonierte am Unglücksort ein weiterer Sprengsatz. Niemand sei verletzt worden, sagte Bahnchef Wladimir Jakunin am Samstag nach Angaben der Agentur Interfax. Der Sprengkörper sei aus ungeklärten Gründen nicht vollständig explodiert. Die Bergungsarbeiten könnten fortgesetzt werden. Am Mittag fanden Rettungskräfte in den Trümmern eine weitere Leiche. Damit stieg die Zahl der Toten auf mindestens 27. Rund 20 Menschen werden noch vermisst. Bei dem Anschlag auf den Zug von Moskau nach St. Petersburg waren am Vortag etwa 100 Passagiere verletzt worden.
Den Behörden zufolge waren unter den Opfern drei Ausländer. Der "Newsky Express" von Moskau nach St. Petersburg wird viel von Touristen, Geschäftsleuten und Regierungsmitarbeiter genutzt. Der Zug bestand aus insgesamt 14 Waggons, an Bord waren nach Behördenangaben 633 Passagiere und 20 Bahnmitarbeiter.
Die russische Generalstaatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen des Verdachts auf einen Terroranschlag ein. Außerdem werde wegen illegalem Besitz von Waffen und Sprengstoff ermittelt, berichteten russische Nachrichtenagenturen am Samstag. Laut Interfax wurde nahe der Gleise ein Krater mit einem Meter Durchmesser entdeckt. Augenzeugen hätten kurz vor dem Entgleisen der Waggons einen Knall gehört. Die Nachrichtenagentur Ria-Nowosti zitierte eine andere Sicherheitsquelle, wonach möglicherweise ein Sprengsatz unter einem der Waggons angebracht war.
Der Anschlag wirft ein Schlaglicht auf die instabile Sicherheitslage im größten Land der Erde. Zwar stuften Ermittler in Moskau das Bekennerschreiben einer rechtsradikalen Gruppierung im Internet als kaum authentisch ein. Dass aber Kremlchef Dmitri Medwedew den Inlandsgeheimdienst FSB mit den Untersuchungen beauftragte, lässt nach Ansicht politischer Beobachter in Moskau klar auf einen extremistischen Hintergrund schließen. Sie rechnen damit, dass der Staat als Reaktion auf das Attentat die Kontrolle der Gesellschaft weiter verschärfen wird.
Russlands Bahnchef Wladimir Jakunin sprach nach dem Unglück von "Parallelen zu 2007". Bereits damals war ein Anschlag auf die Strecke von Moskau nach St. Petersburg verübt worden. Die Spur führte in den Nordkaukasus. In den dortigen Teilrepubliken Dagestan, Inguschetien und Tschetschenien sind bei Konflikten zwischen Rebellen und kremltreuen Einheiten in den vergangenen Jahren Hunderte ums Leben gekommen - längst zählt keiner mehr die Opfer. Immer wieder hatten die Aufständischen mit Attentaten außerhalb der Unruheregion gedroht.
Deutlich zugenommen hat in Russland auch der Terror von Rechts. Erst vor kurzem gestand der Anhänger einer neofaschistischen Bewegung den Doppelmord an einem Menschenrechtsanwalt und einer Journalistin. Soziologen sehen den Zulauf für extremistische Gruppen auch als eine Schattenseite des ungezügelten russischen Wirtschaftslebens, bei dem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklappt.
Medwedew forderte bei einer Sitzung des Krisenstabs eine schnelle Aufklärung und eine Bestrafung der Täter. Die Unfallstelle nahe der Stadt Bologoje rund 350 Kilometer nordwestlich von Moskau glich einem Trümmerfeld. Vier der 14 Wagen des "Newski Express" waren von den Schienen gesprungen, als am Freitag gegen 21.34 Uhr Ortszeit (19.34 Uhr MEZ) eine Bombe mit einer Sprengkraft von sieben Kilogramm TNT detonierte. Das Fernsehen zeigte ein blutverschmiertes Gleisbett. Teile des nach dem Fluss Newa benannten Zuges waren grotesk verformt, und in den Trümmern klingelten zurückgelassene Mobiltelefone. Die Behörden sprachen von mindestens 27 Toten und 100 Verletzten.
Experten in Moskau rechnen nach dem Anschlag mit einer weiteren Verschärfung staatlicher Repressalien im Land. Schon jetzt haben sich die Bewohner auch kleinerer Städte daran gewöhnt, bei Restaurant- oder Kino-Besuchen durch eine Sicherheitsschleuse zu gehen und die Taschen durchsuchen zu lassen. Sogar Leibesvisitationen sind keine Seltenheit.
Noch im Frühjahr musste sich Regierungschef Wladimir Putin dafür rechtfertigen, das Defizit des Staatshaushalts mit Mehrausgaben auch für die innere Sicherheit zu vergrößern. Nach dem Anschlag dürfte die Kritik leiser werden. Staatsschutz war für Putin schon in seiner Amtszeit als Präsident ein zentrales Thema.
Moskauer Medien zufolge zeigt der Anschlag aber auch die Zustände bei der Polizei und der Feuerwehr des Landes. Fast eine Stunde lang hätten die Passagiere auf Rettungskräfte oder auch nur auf Informationen warten müssen, sagte der Petersburger Ingenieur Stanislaw Aranowski dem Fernsehsender Westi. Auf seine Fragen hin hätten die Schaffner des teilweise umgestürzten Zuges gesagt, es sei "nichts Besonderes" geschehen. Die Fahrt gehe "gleich weiter".