Hauptnavigation:

Sie sind hier:

13. Februar 2012
 

heute-Nachrichten

 
Hamid Karzai und Angela Merkel.
Hamid Karsai zu Besuch bei Angela Merkel

Der umstrittene Präsident

Hamid Karsai: Der einstige Hoffnungsträger im Sinkflug

von Marion Böhm

Lange galt Hamid Karsai als Darling des Westens. Doch die kritischen Stimmen gegen den afghanischen Präsidenten werden lauter. Denn seine bisherige politische Bilanz fällt mager aus: Von Sicherheit und Wohlstand ist die Bevölkerung weiter entfernt denn je; Korruptionsvorwürfe gegenüber Karsai und seiner Regierung nehmen zu.

 
 
 
 

Viel Geld aus dem Ausland fließt derzeit für den Wiederaufbau nach Afghanistan. Neue Straßen und Krankenhäuser, stabile Strom- und Wasserleitungen werden mit internationalen Hilfsgeldern finanziert. Den Fortschritt, davon sind die Anhänger von Hamid Karsai überzeugt, habe der Präsident nach Afghanistan geholt, er allein garantiere gute Beziehungen zur internationalen Staatengemeinschaft.

Und dennoch: Die kritischen Stimmen in der Bevölkerung von Afghanistan und im Ausland werden lauter. Die Regierung Karsais sei korrupt, der Wiederaufbau gehe nur schleppend voran und viele Regierungsmitglieder seien in den Drogenhandel verwickelt, so der Vorwurf.

 

Darling des Westens

Dabei galt Karsai lange Zeit als Hoffnungsträger und Liebling der Westmächte - weltgewandt, westlich orientiert, elegant, mit internationaler Ausbildung. Auch in Afghanistan genießt er zunächst großes Ansehen: Sein Großvater war einst Präsident des Nationalrats unter König Mohammed Zahir Shah. Außerdem ist Karsai Paschtune, also Mitglied der dominierenden Gruppe im Vielvölkerstaat Afghanistan.

 

1957 wird er als viertes von acht Kindern in einem Dorf nahe Kandahar geboren. Als er mit seiner Familie nach Kabul zieht, besucht er dort die Schule. Später studiert er in Indien Internationale Beziehungen. Nach dem Studium verbringt Karsai mehrere Jahre in den USA, baut dort gemeinsam mit seinen Brüdern eine afghanische Restaurantkette auf. Von hier unterstützt er auch den Kampf der afghanischen Mudschaheddin gegen die sowjetischen Streitkräfte, die 1979 in Afghanistan einmarschiert waren.

Exil in Pakistan

Als sich die sowjetischen Truppen 1989 aus Afghanistan zurückziehen, kehrt Karsai in seine Heimat zurück. Von 1992 bis 1994 ist er unter anderem stellvertretender Außenminister in diversen afghanischen Übergangskabinetten. Wachsende Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Mudschaheddin-Gruppen zwingen ihn jedoch ins Exil nach Pakistan. Als die Taliban in Afghanistan an die Macht kommen, unterstützt Karsai sie zunächst. Später bildet er gemeinsam mit seinem Vater eine Anti-Taliban-Front. 1999 wird Karsais Vater ermordet - offenbar von der Taliban.

 

Karsai verlässt sein Exil nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA. Er will die Amerikaner und die sogenannte Koalition gegen den Terror unterstützen und selbst in Afghanistan kämpfen.

 

Mangelnde Sicherheit

Nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 wird er auf Drängen der USA vorläufiger Regierungschef des Landes. In dieser Funktion macht er sich wiederholt für eine stärkere Präsenz von internationalen Truppen in Afghanistan stark, um auch die Sicherheitslage in den Provinzen verbessern zu können. Denn besonders in den südlichen und östlichen Unruheprovinzen kann die US-Armee die Lage nicht dauerhaft kontrollieren, immer wieder gibt es Überfälle von Taliban-Milizen. Auf mehrere Mitglieder der Regierung werden Attentate verübt, auch Karsai selbst entgeht mehreren Anschlägen.

 

2004 wird er bei der ersten offiziellen Präsidentenwahl in Afghanistan erwartungsgemäß wiedergewählt. Doch er gerät immer mehr unter Druck: Die Vereinten Nationen prangern die Verwicklung von Politkern und Regierungsmitgliedern in den Drogenhandel an, Korruptionsvorwürfe gegen Karsai werden erhoben. Die Taliban erstarken, die Sicherheitslage verbessert sich nicht, nach Karsais eigenen Einschätzungen verschlechtert sie sich sogar.

 

Empörung über Ehegesetz

Weitere Finanzhilfen aus dem Ausland von mehr als 20 Milliarden Dollar, so beschließt Karsai, sollen hauptsächlich für Sicherheit ausgegeben werden, aber auch für Infrastruktur, Erziehungswesen und Landwirtschaft. Doch ihm wird auch vorgeworfen, er benutze Staatsgeld, um Kontrahenten zu bestechen, ihre Kandidatur aufzugeben oder um sich die Gefolgschaft einflussreicher Warlords, von Gouverneuren und Stammesältesten zu sichern.

Im Frühjahr 2009 sorgt Karsai, der mit einer afghanischen Ärztin verheiratet ist, für weltweite Empörung, als er das neue Ehegesetz der schiitischen Minderheit unterschreibt. Dieses Gesetz räumt Ehemännern weitgehende Verfügungsgewalt über ihre Frauen ein. Kritiker werfen Karsai vor, er habe es unterzeichnet, um im Wahlkampf die Schiiten für sich zu gewinnen. Nach internationalen Protesten stoppt Karsai dieses Gesetz wieder.

 

Alter und neuer Präsident

Bei der Präsidentenwahl im August 2009 wird Karsai beschuldigt, die Wahlen manipuliert zu haben, es ist von Wahlbetrug, Fälschungen und Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung die Rede. Schon im Wahlkampf ist Hamid Karsai als amtierender Staatspräsident stets präsenter als andere, werfen ihm seine Gegner vor: Seine Wahlplakate hängen überall, er bekommt im Fernsehen die meiste Sendezeit, die Zeitungen schreiben über ihn, wenn er mit US-Präsident Obama, der deutschen Kanzlerin Merkel oder mit dem NATO-Generalsekretär Rasmussen spricht.

 

Als Karsais Lager nach Auszählung aller Stimmen einen überwältigenden Sieg für sich reklamiert, protestieren die internationalen Wahlbeobachter. Karsai weist den Vorwurf der Wahlmanipulation von sich, doch Zweifel bleiben - die Vereinten Nationen, die Europäische Union und die USA fordern eine Stichwahl zwischen Karsai und seinem Herausforderer Abdullah Abdullah. Als dieser zur Stichwahl jedoch nicht mehr antritt, wird Karsai im November 2009 für eine weitere fünfjährige Amtszeit vereidigt.

 

Schwierige Regierungsbildung

Doch die Regierungsbildung gestaltet sich schwierig: Zwei Mal lehnt das Parlament Karsais Personalvorschläge für das neue Kabinett ab. Bestätigt werden lediglich einige Minister wie Karsais langjähriger Sicherheitsberater Salmaj Rassul als Außenminister oder Amina Afsali als Arbeitsministerin, zehn der insgesamt 17 neuen Bewerber fallen beim Parlament durch.

Von der neuen Regierung in Kabul werde man die Finanzhilfe für Afghanistan abhängig machen, so mahnt die britische Regierung und die Vereinten Nationen fordern, Karsai müsse endlich entschiedener gegen Korruption und Drogenhandel vorgehen.

 

Karsais Versprechen

Dass sich die internationale Gemeinschaft mehr und mehr von ihm entfernt - das will Karsai jedoch verhindern und so verspricht er den Drogenhandel und die Korruption zu bekämpfen und mit der aufständischen Taliban über einen Frieden zu verhandeln. Wie viel er von diesen Versprechen umsetzen kann, bleibt abzuwarten. Ein Konzept, wie er die zerstörte Wirtschaft und die vom Krieg zerrüttete Gesellschaft seines Landes wieder voranbringen will, scheint Karsai bisher zu fehlen.

 
 
  • del.icio.us
  • digg
  • facebook
  • twitter
  • myspace
  • mrwong
  • webnews
  • yigg

ZDFmediathek

Weltkarte

Interaktiv ZDFgeothek: Afghanistan

Infos und Videos vom Hindukusch