Bei Twitter tummeln sich die Fälscher. Sie geben sich als Promis aus und twittern unter falschem Namen. Betroffene setzen sich zur Wehr - auch mit juristischen Mitteln. Die Twitter-Betreiber wollen mit geprüften Promi-Accounts die Notbremse ziehen.
"Angela Merkel" gratuliert ihrem "Freund Mahmud Ahmadinedschad" zur gewonnenen Wahl im Iran und bekennt: "Sein Führungsstil gefällt mir - vorbildhaft". Und "FSteinmeier" hätte "Angela bei den Verhandlungen um die Erhöhung der Abwrackprämie am liebsten gleich mit verschrottet". Solche Twitter-Postings zeigen: Der beliebte Microblogging-Dienst ist eine Spielwiese für Fälscher. Ihre bevorzugten Opfer: Prominente aus Pop und Politik.
Original oder Fälschung? Die meisten gefälschten Twitter-Konten lassen sich schon mit einer gehörigen Portion gesundem Menschenverstand entlarven. Sie werden selten so geschickt geführt, dass der Leser die Täuschung tatsächlich nicht bemerkt. "Meist ist es offensichtlich, dass ein Faker am Werke ist", sagt Nicole Simon, ausgewiesene Twitter-Kennerin und Buchautorin. "Aber man nimmt das eher gelassen und mit Humor."
Betroffene finden die Nachrichten, die in ihrem Namen via Twitter verbreitet werden, zuweilen alles andere als lustig. So wehrte sich das Bundesverteidigungsministerium kürzlich gegen einen gefälschten Account beim populären Microblogging-Dienst, der im Namen der Bundeswehr "offizielle" Mitteilungen verbreitete. Das Verteidigungsministerium beschwerte sich bei den Twitter-Betreibern. Der Account wurde umgehend gelöscht, der Name "Bundeswehr" für andere Nutzer gesperrt.
"Fälschungen verletzen Twitters Nutzungsbedingungen", sagt Biz Stone, einer der drei Gründer des Twitter-Portals. "Wir nehmen die Angelegenheit ernst." Das mag durchaus zutreffen. Doch sind die Hürden, die Fälscher überwinden müssen, bei Twitter - ebenso wie bei vielen anderen Online-Netzwerken - niedrig angesetzt. Anmelden kann sich jeder, der eine gültige E-Mailadresse besitzt. Auch bei der Wahl des Nutzernamens unterliegen Twitterer keinen Beschränkungen. Ob "Bundeswehr", "Britney Spears" oder "Barack Obama", jeder Name ist erlaubt, es sei denn, er ist bereits vergeben.
Das soll in Zukunft anders werden, verspricht Biz Stone im Twitter-Blog. Die Portalbetreiber planen die Einführung geprüfter Accounts - vorerst allerdings nur für einige wenige Prominente. Politiker, Künstler und Sportler, kurz: Personen und Organisationen, die einem besonderen Fälschungsrisiko unterliegen, sollen künftig mit verifizierten Accounts beglückt werden. Ein Gütesiegel wird die Echtheit eines Twitter-Kontos kenntlich machen. Die ersten Test-Accounts mit Echtheitssiegel sind mittlerweile online.

Es ist zeitaufwändig und teuer, den neuen Dienst für einen größeren Nutzerkreis in die Praxis umzusetzen. "Wir fangen mit bekannten Accounts an, die Probleme mit Fälschungen hatten", heißt es bei Twitter. Anderen prominenten Nutzern wird derweil geraten, auf ihren Homepages einen Hinweis anzubringen, dass man bei Twitter aktiv sei. Wer wissen will, ob der Account eines Prominenten echt sei, könne dann ja auf der jeweiligen Promi-Homepage nachschauen.
Der neue Dienst soll in den nächsten Monaten schrittweise ausgeweitet werden, versprechen die Portal-Betreiber vage. Einen Zeitplan nennen sie nicht. Bis es soweit ist, dürfen all die Pseudo-Obamas, die Merkels, Münteferings und Steinmeiers weitermachen wie bisher. Es sei denn, die echten Prominenten beschweren sich über die meist plumpen Fälschungen. Dann werde man aktiv, versprechen die Betreiber von Twitter.
Gerichtliche Schritte ziehen die wenigsten Promis in Betracht. Die Fälscher sind in der Regel nicht zu ermitteln. Und bisher reichte es ja in der Regel aus, Twitter über die Fälschung zu informieren. Der fragliche Account wurde dann gelöscht, der verwendete Name für andere Twitter-Nutzer gesperrt.
Anders im Fall Tony La Russa, Manager des US-Baseball-Teams St. Louis Cardinals. La Russa hatte sich über seinen gefälschten Twitter-Account offenbar dermaßen geärgert, dass er gegen die Betreiber des Microblogging-Dienstes Klage einreichte. Sein Vorwurf: Ein Unbekannter habe unter seinem Namen ein Microblog bei Twitter geführt und "abfällige" sowie "erniedrigende" Nachrichten verbreitet. Juristisch kleidet der Baseball-Manager seine Klage in die Tatbestände Markenrechtsverletzung und missbräuchliche Namensverwendung.
Ohne Nachspiel bleiben die Fälschungen, die unter dem Namen "Phil Spector" kürzlich auf Twitter veröffentlicht wurden. Musikproduzent Spector, der in den 1960er und 1970er Jahren Platten der Beatles und anderer bekannter Musiker produzierte, war von einem kalifornischen Gericht Ende Mai wegen Mordes zu neunzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Seine Twitter-Nachrichten, die er per Laptop angeblich aus seiner Gefängniszelle heraus twitterte, sorgten für Aufsehen.
Ein unbekannter Twitter-Nutzer gab Anfang Juni zu, das Twitter-Konto des verurteilten Mörders mit gefälschten Fantasienachrichten bestückt zu haben. Die ganze Sache sei nur ein Scherz gewesen, erklärte der falsche Phil Spector in einem seiner letzten Postings. An die Adresse der Twitter-Betreiber richtete er die dringende Mahnung, endlich wirklich etwas gegen gefälschte Accounts zu unternehmen. "Wenn ich ein böswilliger Mensch wäre, dann hätte ich auch Schaden anrichten können", erklärte der Unbekannte.