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23. Februar 2012
 

heute-Nachrichten

 
Marcel Reich-Ranicki. Quelle: dpa
Marcel Reich-Ranicki bei seiner Gedenkrede im Bundestag

Reich-Ranicki erinnert an Nazi-Gräuel

Holocaust-Gedenkstunde: Lammert fordert Mut gegen Rechts

Literaturkritiker Reich-Ranicki hat im Bundestag an die grausamen Taten der Nazis im Warschauer Ghetto erinnert. Der 91-Jährige schilderte in einer ergreifenden Rede in der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus seine Erlebnisse.

 
 
 
 

Auf dem Weg zum Rednerpult muss Marcel Reich-Ranicki gestützt werden. Die Stimme des 91-jährigen Literaturkritikers ist leise und rau. Dennoch entwirft er bei der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag am Freitag ein eindringliches und beklemmendes Bild der Gräueltaten im Nationalsozialismus: Als Zeitzeuge und Überlebender beschreibt er die Deportation der Bewohner des Warschauer Ghettos in Vernichtungslager.

Todesurteile selbst diktiert

Als Deutsch-Übersetzer im Ghetto musste Reich-Ranicki selbst das Todesurteil diktieren, "dass die SS über die Juden von Warschau gefällt hatte". Während er die mörderischen Pläne protokolliert habe, hätten SS-Offiziere im Hintergrund "An der schönen blauen Donau" und den Walzer "Wein, Weib und Gesang" gehört. Sein Gedanke damals: "Das Leben geht weiter. Das Leben der Nichtjuden."

 
Gegen das Vergessen: Holocaust-Gedenktag


Das Warschauer Ghetto wurde durch die SS ab dem 22. Juli 1942 schrittweise aufgelöst und die Bewohner in Vernichtungslager geschickt, vor allem in das Konzentrationslager Treblinka: "Die 'Umsiedlung' hatte nur ein Ziel, nur einen Zweck: den Tod", sagt Reich-Ranicki. Am selben Tag heiratete er seine Frau Teofila (Tosia) Langnas, mit der er bis zu ihrem Tod 2011 zusammenblieb. Gemeinsam flohen sie aus dem Ghetto und lebten bis Kriegsende im Untergrund. Reich-Ranickis Eltern und sein Bruder wurden von den Nazis ermordet.

 

Zu viel antisemitisches Gedankengut

An der Gedenkstunde im Bundestag nahmen auch Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) sowie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, teil. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sagte in einer Eröffnungsrede, Reich-Ranickis Schicksal stehe stellvertretend für das von Millionen Menschen, die verfolgt, vertrieben, gefoltert und ermordet wurden. Er sei "zutiefst dankbar", dass der Literaturkritiker trotz seiner Erlebnisse mit Deutschland nicht nur die verachtenswerte Seite verbinde.

Lammert bezog sich auch auf den Antisemitismusbericht des Bundestags, der zu Wochenbeginn vorgestellt wurde. Demnach sind rund 20 Prozent der Deutschen "latent antisemitisch". "Das ist für Deutschland genau 20 Prozent zu viel", sagte Lammert unter großem Beifall der Abgeordneten.

 

Lammert: Mut gegen Rechts

Die Mordserie von Neonazis verpflichte die Deutschen dazu, sich mutig gegen jede Form von Rechtsextremismus zu stellen. Die beispiellose Mordserie an Migranten und einer Polizistin habe vor Augen geführt, dass in Deutschland noch nicht das Ziel erreicht sei, dass alle Menschen frei und gleich und ohne Angst leben können, sagte der CDU-Politiker. Er hob jedoch hervor, dass viele Menschen seit der Aufdeckung der Morde Engagement und Zivilcourage gezeigt hätten: "Dieses Engagement werden wir brauchen und diesen Mut auch."

 

Bundesweit gab es Gedenkveranstaltungen: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verwies ebenfalls auf den Antisemitismusbericht und warf der NPD vor: "Diese Partei bedient Ressentiments, sie predigt Intoleranz, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus und ist von einem inhumanen Menschenbild geprägt."

 

Beck: Schulklassen in Gedenkstätten

Auch Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) bekräftigte ihre Forderung nach einem NPD-Verbot. Nötig sei "Eindeutigkeit" im Kampf gegen rechtsradikales Gedankengut, sagte sie. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) forderte, Schulklassen sollten häufiger Gedenkstätten besuchen, die an die nationalsozialistischen Verbrechen erinnern.

 

Der 27. Januar ist seit 1996 in Deutschland offizieller Gedenktag für die Opfer der NS-Herrschaft. Am 27. Januar 1945 waren die überlebenden Häftlinge des Vernichtungslagers Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit worden.

 
 
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