
Für Kultur hatte Chinas kommunistische Regierung nie viel übrig. Nach Ansicht von Jürgen Gerbig ist das "abtrünnige" Taiwan "im kulturellen Bereich das eigentliche China". Mit Deutschlands "Kulturbotschafter" in Taipeh sprach heute.de.
heute.de: Deutschland stellt sich hinter Pekings "Ein-China-Politik", erkennt Taiwan nicht als Staat an und hat keine offiziellen diplomatischen Beziehungen. Beeinträchtigt das nicht Ihre Arbeit?
Jürgen Gerbig: Überhaupt nicht. Die Politik ist hier ein Minenfeld, aber wir beschränken uns auf unseren Bereich, also Kulturaustausch und Sprachunterricht. Wenn man seine Kompetenzen nicht überschreitet, ist Taiwan ein fantastischer Einsatzort. Kulturell ist alles möglich, aber politisch ist die Situation nach wie vor schwierig. Als wir zum Beispiel einmal erwogen hatten, uns an einer politischen Tagung zum Thema "Justiz beim Übergang zur Demokratie" zu beteiligen, hat sich die deutsche Auslandsvertretung gemeldet, in deren Zuständigkeitsbereich ein solches Thema fällt, und wir haben schnell die Finger davon gelassen.
Der studierte Philologe leitet seit 2002 das Deutsche Kulturzentrum in Taiwans Hauptstadt Taipeh und kennt viele Facetten Chinas. Für das Goethe-Institut war er 1984 nach Schanghai gegangen, 1988 nach Peking und 1995 nach Hongkong. Seit sechs Jahren leitet er das Deutsche Kulturzentrum in Taipeh.
heute.de: Sie haben viele Jahre in der Volksrepublik China gearbeitet. Was erleben Sie in Taiwan anders als dort?
Gerbig: Ich habe in meiner Zeit in China selten eine so offene, kreative und kooperative Kulturszene angetroffen wie hier. Diese Unterschiede sind zum einen systembedingt. Kunst und Kultur können nur in einer freien Umgebung gedeihen. Taiwan bietet diese Voraussetzungen. Es ist eine Demokratie, es gibt Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Freiheit des Ausdrucks in jeder Form. Und zum anderen haben sich hier künstlerische und kulturelle Traditionen ungebrochen erhalten. Auf dem Festland dagegen ist durch die Kulturrevolution unheimlich viel kaputtgemacht worden. Traditionelle chinesische Künste, wie etwa Kalligraphie oder Puppentheater, befinden sich in Taiwan auf einem wesentlich höheren Niveau. Leider wird Taiwan oft zu Unrecht stiefmütterlich behandelt.

heute.de: Sehen Sie Taiwan also als ein Kulturland, das noch zu entdecken ist?
Gerbig: Absolut. In Deutschland ist herzlich wenig über Taiwan bekannt, das ist sicher ein Versäumnis der taiwanesischen Tourismusbehörden. Es gibt nur wenig Direktflüge, keine Pauschalangebote und keine organisierten Touren oder Rundreisen wie auf dem Festland. Die Ansätze dazu stecken noch in den Kinderschuhen.
Das kleine Taiwan ist schon seit langem ein Ort, an dem sich Kulturen vermischen. Zu den Ureinwohnern kamen europäische Kolonisatoren und seit dem 17. Jahrhundert Einwanderer vom chinesischen Festland. Von 1895 bis 1945 war Taiwan eine japanische Kolonie. 1949 flohen nach dem verlorenen Bürgerkrieg gegen die Kommunisten etwa zwei Millionen Menschen nach Taiwan und brachten Bräuche und Traditionen aus allen Teilen Chinas auf die Insel.
heute.de: Würden Sie deutschen Touristen raten, eher nach Taiwan zu kommen, wenn sie die chinesische Kultur kennen lernen wollen?
Gerbig: Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, ich bin froh, dass das Goethe-Institut mich auch nach Taiwan geschickt hat. Ohne Taiwan wäre mein Chinabild sehr unvollständig. Als jemand, der immerhin 15 Jahre auf dem Festland verbracht hat, sage ich jeden Tag mit mehr Überzeugung: Im kulturellen Bereich ist Taiwan das eigentliche China.
heute.de: Wie nehmen die Menschen in Taiwan Deutschland wahr?
Gerbig: Deutschland genießt hier einen sehr guten Ruf, wenn auch oft mit Klischees verbunden: diszipliniert, pünktlich, ein bisschen langweilig. Wir können gegen diese Vorurteile nicht ankämpfen, das wäre töricht. Wir können nur sagen, das mag ja so sein - aber gleichzeitig durch unsere Arbeit zeigen, dass es auch ein anderes, transparentes und weltoffenes Deutschland gibt.
heute.de: Wer besucht Ihre Deutsch-Kurse in Taipeh?
Gerbig: Viele Studenten, die an der Uni Deutsch als zweite Fremdsprache lernen, vertiefen bei uns ihre Kenntnisse. Noch zahlreicher sind junge Geschäftsleute, die Erfolg haben wollen und denen Chinesisch und Englisch nicht ausreichen. Sie versprechen sich zusätzliche Aufstiegsmöglichkeiten in ihren Unternehmen durch die Kenntnis einer weiteren, aus taiwanesischer Sicht exotischen Fremdsprache - also Deutsch.