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23. Februar 2012
 

heute-Nachrichten

 
Erdgaspipeline in der Ostsee. Quelle: dpa
Die Pipeline wurde über den Greifswaler Bodden bis nach Lubmin verlegt.

Umstrittene Ostseepipeline eröffnet

Nord Stream liefert Gas direkt von Russland nach Deutschland

Nach anderthalb Jahren Bauzeit strömt nun das Gas: Kanzlerin Merkel und Kremlchef Medwedew haben die Ostseepipeline Nord Stream in Betrieb genommen. Kritiker bemängeln, dass Deutschland in Energiefragen von Russland abhängig werde.

 
 
 

chtleAm deutschen Anlandepunkt in Lubmin eröffneten Angela Merkel (CDU) und Dmitri Medwedew bei einer Party das größte Infrastrukturprojekt Europas. Russland mit seinem Gasmonopolisten Gazprom feiert die Nord-Stream-Leitung als neuen Triumph im internationalen Pipeline-Poker.

 

Transitländer umgangen

Erst vor kurzem hatte der russische Regierungschef Wladimir Putin mit Blick auf den Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie werbend erklärt, die 1.224 Kilometer lange Pipeline Nord Stream werde eine Leistung von elf Atomkraftwerken haben. Im kommenden Jahr soll der zweite Strang ans Energienetz gehen. Putin und Gazprom-Chef Alexej Miller sprachen zuletzt außerdem immer wieder von einem möglichen dritten Strang, um den wachsenden Energiehunger im Westen zu stillen. Russland als weltweit größter Gasproduzent sei dazu bereit.

 
Karte - Grünes Licht für Bau von Ostsee-Pipeline. Quelle: ZDF
ZDF
 

Triumphal drehte "Gas-Putin", wie ihn seine Kritiker nennen, schon im September im russischen Wyborg den Gashahn für Nord Stream auf. Der für Russland wichtigste Punkt: Erstmals fließt das Gas direkt nach Deutschland - unter Umgehung der bisweilen schwierigen Transitländer. Gemeint ist vor allem die Ukraine, die ihre Lage als wichtigstes Transitland in die EU immer wieder ausgenutzt haben soll.

 

Durch den ersten Strang strömen nun 27,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr. Das sibirische Gas gelangt durch die Festlandleitung Opal weiter in Richtung Süden. Die Gesamtkapazität beider Nord-Stream-Stränge beträgt 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr und soll 2012 erreicht werden. Damit könnten rechnerisch 26 Millionen Haushalte mit Gas versorgt werden. Gut 7,4 Milliarden Euro kostet das Projekt, das Putin und Ex-Kanzler Gerhard Schröder 2005 auf den Weg brachten. Schröder ist inzwischen Vorsitzender des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG.

 

"Peinliche Überraschung"

Die Russen sehen die Feiertagslaune aber etwas getrübt. Denn die EU-Kommission ließ Ende September wegen des Verdachts illegaler Geschäftspraktiken Erdgasfirmen in mehreren EU-Ländern durchsuchen.

 
Bau der Ostseepipeline: Ein Megaprojekt
 

Bei den Vorwürfen gegen Gazprom geht es unter anderem um einen Missbrauch der Monopolstellung, um Preistreiberei und die Behinderung von Konkurrenten beim Zugang zu Gasleitungssystemen. Die Wettbewerbshüter vermuten, dass Preise abgesprochen wurden, was wiederum Kunden geschädigt haben könnte. Die Ergebnisse der Kontrollen, die Putin als "peinliche Überraschung" bezeichnet hatte, stehen noch aus. Sinkende Preise sind vorerst nicht in Sicht.

 

Energieexperten gehen davon aus, dass die Nachfrage in der EU bis 2030 um mindestens 200 Milliarden auf dann 516 Milliarden Kubikmeter Gas ansteigt. Nach dem Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft hofft Russland auf noch mehr Absatz - Deutschland ist schon jetzt sein mit Abstand größter Energiekunde in der EU. Nicht zuletzt frohlocken die Russen, dass angesichts der Finanzkrise auch die Subventionen für alternative Energien zurückgefahren werden.

 

Leitung durch das Schwarze Meer

Das Nord-Stream-Projekt wurde gegen den Widerstand von Polen und gegen Umweltbedenken durchgezogen. Putin plant längst die nächste Route in den Westen. Mitte September ließ er das Megaprojekt South Stream zur Erdgas-Versorgung Südeuropas mit deutscher Unterstützung vertraglich festklopfen. Die BASF-Tochter Wintershall sowie der italienische Energiekonzern Eni und die französische EdF unterzeichneten im Schwarzmeerort Sotschi eine Vereinbarung mit Gazprom.

 

Die geplante Leitung durch das Schwarze Meer gilt als Konkurrenzprojekt zum EU-Vorhaben Nabucco, das Russland umgehen und die EU von Gazprom unabhängiger machen soll. Doch im internationalen Pipeline-Poker dürfte Russland alles tun, um Nabucco zu verhindern. Und längst baut das Land vor, sollte die EU die Marktmacht Russlands brechen. Das Riesenreich orientiert sich zunehmend auch in Richtung des wachsenden Energiehungers in Asien.

 
 
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