Trotz aller politischen Spannungen ist in Taiwan das Mitgefühl für die Opfer des Erbebens in China besonders groß. Für den neuen Präsidenten Ma Ying-jeou, der die Beziehungen zur Volksrepublik verbessern will, ist das ein gutes Zeichen zum Amtsantritt.
Wohl nirgendwo spenden die Menschen so freigiebig für die Erdbeben-Opfer wie ausgerechnet in Taiwan - dem Land, das Peking als "abtrünnige Provinz" bezeichnet und ständig mit mehr als 1000 Raketen bedroht. Spendensammler der Hilfsorganisationen stehen an Kreuzungen und vor U-Bahn-Stationen, im Fernsehen laufen Sondersendungen. Angesichts der Tragödie spielt für die Menschen in der Inselrepublik politische Feindschaft keine Rolle - nicht nur, weil viele Familien ihre Wurzeln auf dem Festland haben.
Privatleute, Unternehmen und die Regierung in Taipeh haben schon hunderte Millionen Euro gespendet. Taiwan, das selbst Erfahrung mit verheerenden Erdbeben hat, hatte nach der Katastrophe sofort seine Hilfe angeboten. Ein Spezialistenteam ist im Katastrophengebiet im Einsatz, Hilfsgüter werden eingeflogen. Die Regierung in Peking bedankt sich offiziell bei den Taiwanesen für ihre Hilfsbereitschaft. Ganz neue Töne also für zwei Länder, zwischen denen seit Jahrzehnten diplomatische Eiszeit herrscht. Seit die nationalchinesischen Truppen 1949 nach der Niederlage im Bürgerkrieg gegen Maos Kommunisten nach Taiwan flohen, besteht Peking darauf, dass die Insel ein Teil der Volksrepublik sei. Die "Republik China", wie Taiwan offiziell heißt, pocht auf ihre Eigenständigkeit.
Das unerwartet große Mitgefühl für die Erdbeben-Opfer kommt nicht nur Chinas Regierung gelegen, die es als Beleg dafür wertet, dass die Taiwaner sich im Grunde ihres Herzens als Chinesen verstehen. Es ist auch eine Steilvorlage für Taiwans neuen Präsidenten Ma Ying-jeou, der am Dienstag in Taipeh vereidigt wird. Mit dem Versprechen, die Beziehungen zu China zu verbessern und damit die Wirtschaft zu stärken, hatte er im März mit deutlichem Vorsprung die Wahlen gewonnen und seiner Partei Kuomintang (KMT) nach acht Jahren in der Opposition wieder zur Macht verholfen.
Seit Ma als Wahlsieger feststeht, ist die Diplomatie zwischen Peking und Taipeh wieder zum Leben erweckt. Die chinesische Regierung hatte den scheidenden Präsidenten Chen Shui-bien, der für mehr Eigenständigkeit Taiwans eingetreten war, mit Missachtung gestraft. Peking verwehrt Taiwan die Mitgliedschaft in der UNO und der Weltgesundheitsorganisation und droht Ländern, die Taiwan diplomatisch anerkennen, mit dem Abbruch der Beziehungen.
Ma und die KMT haben dagegen klar gemacht, dass es mit ihnen keine formelle Unabhängigkeitserklärung Taiwans geben wird und sie den Status quo beibehalten wollen. Im April hatte sich der künftige Vizepräsident Vincent Siew mit Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao getroffen und vereinbart, den politischen Dialog wieder aufzunehmen. Es war seit Jahrzehnten das ranghöchste Treffen zwischen Vertretern der beiden Seiten. Ende Mai wird mit dem KMT-Vorsitzenden Wu erstmals der Chef einer taiwanischen Regierungspartei nach China reisen.
Ma darf den Schmusekurs mit Peking jedoch nicht übertreiben. Die meisten seiner Mitbürger sehen sich Umfragen zufolge mittlerweile primär als Taiwaner, nicht mehr als Chinesen. Sie sind stolz auf ihre junge Demokratie - die ersten freien Präsidentenwahlen fanden erst 1996 statt - und haben keinerlei Sympathien für das politische System der Volksrepublik. Weit verbreitet ist die Sorge, der übermächtige Nachbar könnte sich Taiwan eines Tages so einverleiben wie Hongkong. Kürzlich ging Ma auf Distanz und sagte, eine Vereinigung der beiden Länder sei derzeit nicht in Sicht und womöglich "zu unseren Lebzeiten" kein Thema. Dennoch haben Unabhängigkeits-Befürworter für den Tag seiner Vereidigung in Taipeh eine Demonstration unter dem Motto "Herren von Taiwan, nicht Sklaven von China" angekündigt.
Der Hauptgrund fürs Mas Wahlerfolg war sein Versprechen, Taiwans Wirtschaft zu stärken. Er wird sich daran messen lassen müssen, ob die Annäherung an China den gewünschten Effekt bringt. Vieles ist noch unklar. So hatte Ma im Wahlkampf versprochen, als ersten Schritt schon Anfang Juli wieder Direktflüge zwischen China und Taiwan zu ermöglichen. Diesen Zeitplan wird er womöglich nicht einhalten können. Außerdem will er chinesische Touristen auf die Insel lassen - 3000 pro Tag, also mehr als eine Million pro Jahr. Noch ist aber nicht sicher, ob Taiwan dafür überhaupt ausreichend geeignete Hotels hat. Und auch der Plan, chinesischen Investoren den Erwerb von Immobilien zu ermöglichen, sorgt bereits für Kritik - denn seit dem Wahlsieg sind in Erwartung des chinesischen Geldes die Preise für Häuser und Wohnungen in die Höhe geschossen.
Die Währungen der beiden Länder sollen bald gegeneinander getauscht werden können, doch das Fernziel eines "gemeinsamen Marktes" mit China ist noch ziemlich vage. Mit Spannung wird erwartet, ob Ma in seiner Antrittsrede als Präsident konkreter wird und auch etwas dazu sagt, wie er China zum Abschluss eines Friedensvertrages bewegen möchte. Denn dazu müsste Peking die Raketen abziehen, die derzeit auf Taiwan gerichtet sind. Und dafür sind bislang keine Anzeichen zu erkennen.