Der Iran kommt nicht zur Ruhe: Am Sonntag gab es neue Proteste der Oppositionellen in Teheran. Augenzeugen berichten von Schüssen. Zuvor hatte ihr Anführer Mussawi zu Demos gegen den Ausgang der Wahl aufgerufen, er mahnte aber auch zur Zurückhaltung.
Die Iraner hätten das Recht, gegen Lügen und Fälschungen bei der Abstimmung zu protestieren, hieß es am Sonntag auf der Website des ehemaligen Ministerpräsidenten. "Zeigt bei euren Protesten weiter Zurückhaltung", forderte er. Mussawi sprach von Massenfestnahmen seiner Anhänger. Durch sie und durch die Todesfälle unter den Demonstranten "entsteht ein Riss zwischen der Gesellschaft und den Streitkräften des Landes".
Bei Anbruch der Dunkelheit waren im Norden Teherans Rufe von "Allahu Akbar" (Gott ist der Größte) zu hören. Hubschrauber kreisten über der Hauptstadt, Zeugen berichteten von Schüssen im Norden. Der Polizeichef kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Demonstranten an. "Die Polizei wird in verschiedenen Teilen der Stadt ständig präsent sein und wird alle Versammlungen und Unruhen mit ihrer ganzen Kraft begegnen", sagte Kommandeur Asisullah Radschabsadeh der staatlichen Nachrichtenagentur Irna. Am Samstag waren bei den bisher schwersten Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in Teheran mindestens zehn Menschen getötet worden. 100 Menschen wurden verletzt, hunderte Demonstranten festgenommen.
Unterdessen wächst der Druck auf die iranische Staatsführung. Bundeskanzlerin Merkel verlangte eine Neuauszählung der Stimmen. "Deutschland steht auf Seiten der Menschen im Iran, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit ausüben wollen". Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: "Entweder gelingt es jetzt, im Dialog aller politischen Kräfte die entstandene Situation wieder zu entschärfen, oder die Lage droht weiter zu eskalieren."
Der Iran wehrt sich gegen die Kritik. Am Sonntag wurden die EU-Botschafter aus den Mitgliedsländern der Union einbestellt und ihnen Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes vorgeworfen. Präsident Ahmadinedschad erklärte auf seiner Webseite, er verbitte sich jede Einmischung. Mit "übereilten Äußerungen" machten sie sich nicht zu Freunden der iranischen Nation. Der iranische Parlamentspräsident Ali Laridschani will zudem die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland, Frankreich und Großbritannien auf den Prüfstand stellen.
Die italienische Regierung hat ihren Botschafter im Iran angewiesen, verletzten Demonstranten zu helfen. Außenminister Franco Frattini sagte, er wolle mit seinen EU-Kollegen bei einem Treffen am Mittwoch in Stockholm über eine koordinierte Hilfe für verwundete iranische Regierungsgegner sprechen. Bis es dazu komme, sei die Botschaft in Teheran angewiesen, zu helfen, "wo immer es eine Bitte oder den Bedarf an Hilfe für verletzte Demonstranten gibt", erklärte das Außenministerium. Italien ist der größte Handelspartner des Landes in der Europäischen Union und hat Teheran zur Teilnahme an einem Treffen der G-8-Außenminister am Donnerstag in Triest eingeladen.
Laut einem Bericht des staatlichen Fernsehen wurden am Samstagabend die Tochter des früheren Präsidenten Haschemi Rafsandschani, Faeseh Haschemi, sowie vier weitere Familienmitglieder festgenommen. Sie hätten an verbotenen Demonstrationen teilgenommen, hieß es. Die Vier wurden laut einem Bericht des staatlichen Fernsehens vom Sonntagabend später wieder freigelassen. Unabhängige Berichte gibt es aber derzeit nicht im Iran, da ausländische Medien nicht berichten dürfen und alle Oppositionsmedien gesperrt sind.
Die Zahl der Journalisten, die seit Beginn der Proteste festgenommen wurden, hat sich am Wochenende drastisch erhöht. Wie die internationale Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) am Sonntag in Paris mitteilte, sitzen mittlerweile 33 Reporter und Internet-Blogger hinter Gittern. Damit hat sich die Zahl der Festgenommenen seit Freitag nahezu verdoppelt. "Der Iran ist jetzt das weltgrößte Gefängnis für Medienvertreter", hieß es in einer Mitteilung der Reporter ohne Grenzen. Unter den zuletzt Festgenommenen ist den Angaben zufolge auch der Chef der Vereinigung iranischer Journalisten, Ali Mazroui.