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09. Februar 2010
 

heute-Nachrichten

 
Digitales Historiches Archiv. Quelle: historischesarchivkoeln.de

Digitale Hilfe für zerstörtes Köln-Archiv

Webseite unterstützt Rekonstruktion beschädigter Dokumente

von Georg H. Przikling

Die Bergung verschütteter Dokumente aus dem eingestürzten Kölner Stadtarchiv ist in vollem Gange. Das "digitale Historische Archiv" sammelt derweil online elektronische Kopien der Kölner Bestände. Sie sollen bei der späteren Rekonstruktion helfen.

 
 
 
 

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März schockte die ganze Nation. Zur menschlichen Tragödie - zwei Menschen fanden in den Trümmern den Tod - gesellte sich schnell auch die bittere Erkenntnis, dass eines der ältesten Stadtarchive weltweit verloren schien.

 

Fachleute sichten Funde

Der mögliche kulturhistorische Verlust ist enorm: Denn im Kölner Archiv lagerten unter anderem mehr als 65.000 Urkunden, 50.000 Plakate sowie Ratsbeschlüsse, die bis ins Jahr 1320 zurückreichen. Um die wertvollen Schätze zu bergen, wurde an der Fachhochschule Köln ein Archiv-Krisenstab eingerichtet, der die zahlreichen Hilfsangebote von Fachleuten koordiniert. So sichten beispielsweise Restauratoren in mittlerweile zwei Tagesschichten gemeinsam mit Archivaren des Kölner Archivs vor Ort sämtliche Fundstücke.

 

Welche Archivalien die Katastrophe heil überstanden haben und welche nicht, darüber lässt sich derzeit keine klare Aussage treffen. Sicher ist nur, dass der umfangreiche Bestand zunächst fachmännisch begutachtet und gegebenenfalls mit hohem finanziellen Aufwand rekonstruiert werden muss. Und das wiederum hat zur Folge, dass die Original-Dokumente auf Jahre hinaus nicht mehr für Wissenschaftler, aber auch Heimatforscher und Privatpersonen zugänglich sein werden.

Zitat

„Am Mittwoch hatten wir die Idee, am Donnerstag gab die Programmiererin grünes Licht. Und am Freitag war die Seite schon online.“

Holger Simon, Kunsthistoriker

Archiv in Rekordzeit online

Unterstützung erfährt die Bergung und Rekonstruktion des Materials auch im Internet. So ruft das "digitale Historische Archiv Köln" alle Personen, die im Besitz von digitalen Kopien aus dem Bestand des Stadtarchivs dazu auf, diese auf der Webseite der Initiative einzustellen. Sie sollen nach der Bergung bei der Rekonstruktion der Originaldokumente helfen.

Infobox

Tausend Jahre Geschichte

Das Kölner Stadtarchiv zählt zu den ältesten Archiven weltweit. Neben Protokollen aus der Stadtgeschichte enthielt es unter anderem 65.000 Urkunden, 104.000 Karten und Pläne, stolze 26 Kilometer Akten und über 500.000 Fotos der Stadt, die regelmäßig von Wissenschaftlern, Studenten und anderen Personengruppen wie etwa Heimatforschern konsultiert wurden.

Wie es um den Zustand der Dokumente bestellt ist, darüber kann derzeit nur spekuliert werden, da die Bergungsarbeiten vor Ort noch andauern. Um die spätere Rekonstruktion beschädigter Dokumente zu erleichtern, sammelt das Projekt "digitales Historisches Archiv" deshalb digitale Kopien.

 

Ins Leben gerufen wurde das Projekt von dem Kölner Privatdozenten und Kunsthistoriker Dr. Holger Simon, der es auch in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Rheinische Landesgeschichte der Uni Bonn koordiniert. Dabei konnte Simon auf seine langjährige Erfahrung als Vorsitzender von "prometheus" zurückgreifen, einem internetbasierten Bildarchiv zur Kunst- und Kulturgeschichte, das derzeit rund 550.000 Bilder beherbergt. Entsprechend kurz war die Vorbereitungszeit, wie Simon im Gespräch mit heute.de erzählt: "Am Mittwoch hatten wir die Idee, am Donnerstag gab die Programmiererin grünes Licht. Und am Freitag war die Seite schon online."

 

Aufruf für digitale Spenden

Um dem Projekt die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen, wurde zeitgleich ein öffentlicher Aufruf gestartet, der unter anderem vom Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands und zahlreichen Kultureinrichtungen publiziert wurde. In ihm fordert die Initiative Wissenschaftler auf, ihre Forschungsunterlagen nach Kopien aus Köln zu durchforsten und diese zu melden.

 

Seitdem haben sich schon rund 280 Personen aus aller Welt auf der Webseite registriert und dort digitale Kopien aus dem Kölner Archiv eingestellt. Dabei handelt es sich nach Aussage von Simon nicht ausschließlich um Bilder. Auch PDF-Dateien, die handschriftliche Abschriften beinhalten oder Microfiches wurden von den Teilnehmern bereits gemeldet.

Zitat

„Jeder, der etwas hat, darf es einstellen.“

Holger Simon, Kunsthistoriker

Auch Privatleute können mitmachen

Die Zahl der Dokumente - derzeit meldet die Webseite etwas mehr als 580 - täuscht jedoch. Denn hinter zahlreichen Einzeleinträgen, so weiß der Kunsthistoriker Simon zu berichten, stecken mitunter umfangreiche Bestände, die komplette Bücher umfassen. Sie alle sollen dem Stadtarchiv zu einem späteren Zeitpunkt zur Verfügung gestellt werden. Langfristiges Ziel ist die Schaffung einer Online-Ausgabe des Stadtarchivs, das jedem Interessierten offen steht.

Eines bedauert der Projektinitiator freilich. Dass der veröffentlichte "Spenden"-Aufruf sich nämlich ausschließlich an Wissenschaftler richtet. Dadurch sei möglicherweise der Eindruck entstanden, dass andere Personengruppen von dem Projekt ausgeschlossen seien.

 

Im heute.de-Gespräch legt Simon deshalb großen Wert auf die Feststellung, dass wirklich jeder, der im Besitz von digitalen Dokumenten aus dem Kölner Stadtarchiv ist, diese auch auf der Webseite melden kann. Das könne der Heimatforscher, aber ebenso gut der interessierte Privatier sein, so Simon: "Jeder, der etwas hat, darf es einstellen."