Hole ich mir einen Gebrauchtwagen? Passt meine Partnerin zu mir? Und was esse ich heute zu Mittag? Antworten auf Fragen aller Art will das Portal "Hunch" geben. Echte Probleme sollte man der "Entscheidungsmaschine" aber besser nicht überlassen.
Ja, sie ist es, die Frau fürs Leben. Zweifel sind so gut wie ausgeschlossen. Behauptet jedenfalls "Hunch", die neue Entscheidungshilfe für Unentschlossene und Ratsuchende im Internet. Nach dem Beantworten von zehn einfachen Fragen erklärt das englischsprachige Portal, dass meine derzeitige Partnerin genau die Richtige ist. Okay, etwas Schummelei war auch im Spiel - denn verheiratet sind wir schon. Trotzdem ist es gut zu wissen, dass auch die moderne Technik ihren nachträglichen Segen zu der Beziehung erteilt.
Hinter "Hunch" steckt Caterina Fake, die Mitbegründerin der bekannten Online-Fotodatenbank "Flickr". Statt auf digitale Bilder setzt sie bei ihrem neuesten Webangebot jedoch auf einen mathematische Algorithmus, der Internetnutzern helfen soll, Entscheidungen zu treffen. Das Prinzip dahinter erscheint auf den ersten Blick recht simpel: Der Besucher wählt zunächst eine Fragestellung wie beispielsweise "Welche Digitalkamera passt zu mir?" und beantwortet anschließend die ihm gestellten maximal zehn Fragen zum Thema. Anhand der gegebenen Antworten erstellt "Hunch" dann eine prozentuale Empfehlung.
Etwas mehr als 2400 fertige Fragenkataloge und über 50.000 mögliche Antworten aus den unterschiedlichsten Bereichen wie "Kleider und Mode", "Schönheit und Pflege" oder etwa "Computer & Internet" finden sich bereits auf der Seite. Und ihre Zahl wächst ständig weiter an. Das ist auch dringend nötig, denn je mehr Anwender das Angebot nutzen, umso schlauer soll "Hunch" im Laufe der Zeit werden. Behaupten jedenfalls die Seitenbetreiber.
Herzstück des Ganzen ist der bereits erwähnte Algorithmus, der im Hintergrund die Fäden zieht. Er wurde von den "Hunch"-Mitarbeitern entwickelt, die zum größten Teil aus der KI-Forschung stammen (Künstliche Intelligenz). Mit seiner Hilfe soll die Seite die richtigen Folgefragen an den Nutzer stellen und so die möglichen Antworten Schritt für Schritt auf ein Minimum reduzieren.
Stellt sich natürlich die Frage: Taugt ein mathematischer Algorithmus, so gut er auch programmiert sein mag, überhaupt, um persönliche Entscheidungen zu treffen, die weitreichende Auswirkungen in der Zukunft haben können? Immerhin finden sich auch der Webseite auch Fragenkataloge, die tief in den Bereich der eigenen Lebensführung reichen. Zu ihnen gehören auch Themen wie "Soll ich mit meinem Freund / meiner Freundin Schluss machen?", "Soll ich sie / ihn betrügen?". Oder etwa die Frage, ob man alkoholsüchtig ist.
Für Dr. Thomas Roth-Berghofer vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) lautet die Antwort klar und deutlich "Nein". Seiten wie "Hunch" können seiner Ansicht nach keine anspruchsvollen Aufgaben erfüllen, so der Wissenschaftler zu heute.de. Denn sie sind auf den Massenmarkt ausgelegt und basieren auf einfachen Entscheidungsbäumen, die mit jedem Mausklick die Zahl der möglichen Endergebnisse reduzieren.
Was dabei herauskommt, mag zwar unterhaltsam sein und bietet dem Nutzer spielerische Elemente. Doch für wirklich wichtige Lebensfragen reiche das starre Schema der Entscheidungsbäume eben nicht aus. Mehr Flexibilität wäre aber nötig, sobald es beispielsweise um die komplexen Bereiche der eigenen Lebensführung geht, die sich nicht einfach in ein simples Ja-Nein-Schema pressen lassen. Als ernst gemeinte Lebensberatung taugt "Hunch" seiner Ansicht nach deshalb auf keinen Fall.
Mehr Sorgen bereiten dem KI-Forscher, der selber im Bereich Wissensmanagement tätig ist, freilich die maximal zehn Fragen, die der Anwender auf Hunch.com beantworten muss, um ein Ergebnis zu erhalten. "Die hierbei gesammelten Daten sind zwar weitgehend anonymisiert", erklärt Dr. Roth-Berghofer. "Aber gewisse Frage-Antwort-Kombinationen sind auch für Marketing-Experten interessant." Mit ihnen, so der Wissenschaftler weiter, lasse sich durchaus viel Geld verdienen.
Wer sich an den genannten Mängeln des Portals stört, muss aber nicht lange suchen, um auf alternative Angebote zu stoßen. Das auch auf Deutsch verfügbare "Yahoo! Clever" etwa bietet Internetnutzern schon seit längerem die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Im Gegensatz zu "Hunch" bekommt man dort aber Antworten von echten Menschen.
Jüngeren Datums ist dagegen die Anfang des Jahres online gegangene englischsprachige "Aardvark"-Seite ("Erdferkel"). Sie verfolgt einen anderen Ansatz und leitet die vom Anwender gestellte Frage an Experten in diversen Fach-Foren weiter. Laut den Betreibern ist so sichergestellt, dass man qualifizierte Antworten erhält.
Und "Hunch"? Lässt man die fragwürdige Lebensberatung außen vor, besitzt das Portal durchaus einen gewissen Unterhaltungswert. Wer beispielsweise die "Bin ich schwanger?"-Frage wählt und als Geschlecht "männlich" markiert, erfährt anschließend, dass er zu 97 Prozent "vermutlich nicht schwanger" ist. Was mit den restlichen drei Prozent Männern ist, darüber schweigt sich die Seite hingegen aus.