Am Feierabend und sogar im Urlaub für den Chef erreichbar sein? Für viele Arbeitnehmer ist das inzwischen selbstverständlich. Welche Gefahren das birgt und weshalb mehr Gelassenheit gut tun würde, erklärt Pädagogin Lisa Hano im heute.de-Interview.
heute.de: Sie kommen gerade aus dem Urlaub. Waren Sie in Ihren Ferien für die Kollegen erreichbar?
Lisa Hano: Ja, denn wir haben gerade Prüfungszeit und da musste ich zumindest für einen Kollegen in möglichen Sonderfällen erreichbar sein. Mir hat es aber nicht in den Fingern gejuckt, jeden Tag meine E-Mails zu lesen, weil ich vor dem Urlaub alles Vorhersehbare geregelt habe.
heute.de: Repräsentativen Umfragen zufolge sind mehr als die Hälfte der Deutschen im Urlaub für ihren Chef erreichbar. Vor allem Männer schalten nicht ab. Warum?
Hano: Ich muss ständig erreichbar sein, weil ich wichtig bin - das ist sicher ein starkes Motiv. Dazu kommt übertriebenes Pflichtbewusstsein und der Wunsch, aktuelle Entwicklungen im Betrieb zu verfolgen.
... ist promovierte Pädagogin und Supervisorin. Die 50-Jährige arbeitet als Professorin für Sozialmanagement und Beratung an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld. Zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit gehört das Thema Personal- und Organisationsentwicklung.
heute.de: Mehr als 80 Prozent der Deutschen geben an, auch am Feierabend für den Betrieb erreichbar zu bleiben. Rund drei Viertel sagen, dass sie regelmäßig oder hin und wieder in ihrer Freizeit arbeiten. Sind wir ein Volk von übermotivierten Strebern?
Hano: Es hat viele Gründe, weshalb Mitarbeiter erreichbar bleiben wollen. Für die einen ist es Ausdruck dafür, guten Willen zu zeigen, jederzeit einsatzbereit zu sein. Wer seine Arbeit als Chance begreift, sich selbst zu verwirklichen, empfindet die ständige Erreichbarkeit zunächst nicht als Last. Andere wiederum spüren einen großen Druck und schalten etwa aus Sorge um den Arbeitsplatz nicht ab.
heute.de: Ist die gefühlte Notwendigkeit, ständig erreichbar sein zu müssen, auch eine direkte Folge des wirtschaftlichen Strebens nach maximaler Effizienz?
Hano: Mit weniger Personal mehr erreichen, das ist vielerorts die Vorgabe. In diesem Zusammenhang hat sich der Gedanke durchgesetzt, dass wichtige Mitarbeiter möglichst rund um die Uhr erreichbar und einsatzbereit sein müssen. Das hat Folgen für den gesamten Betrieb, weil Führungskräfte den Druck oft nach unten weitergeben, indem sie ihre Mitarbeiter etwa mit Zielvorgaben überfordern und ständige Erreichbarkeit als selbstverständlich ansehen.
Es gibt inzwischen aber auch Unternehmen, in denen ein Umdenken stattfindet. Gerade weil die Belastungen für die Beschäftigten massiv zunehmen und psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch sind.
heute.de: Was geschieht in diesen Unternehmen?
Hano: Wenn möglich, geben sie ihren Leuten während der Arbeitszeit mehr Freiraum, zu entscheiden, wann diese auf Anfragen reagieren. Denn wer geistig arbeitet und ständig auf E-Mails und Telefonate reagieren muss, kommt aus dem Rhythmus, Konzentration und Produktivität lassen nach. Die Firmen haben auch den Wert von Entspannung und Freizeit erkannt. Am Wochenende herrscht also auch mal Funkstille. Dann gibt es keine Mails oder dienstliche Telefonate mehr.
Die Arbeitswoche beginnt und bringt Spaß oder Frust im Job, Chancen oder Probleme. heute.de geht jeden Montag einem Thema aus der Arbeitswelt auf den Grund.
Was bewegt Sie in Sachen Job und Karriere? Schreiben Sie an redaktion.heuteonline@zdf.de - wir freuen uns über Anregungen für die nächsten Montage. Die Themen der vergangenen Wochen finden Sie hier.
heute.de: Was geschieht aber dort, wo das Diktat der ständigen Erreichbarkeit herrscht?
Hano: Die Leute können nicht richtig abschalten, wenn die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zu stark verwischt ist. Ständige Erreichbarkeit ist ein Belastungsfaktor, der auf Dauer krank macht. Das beginnt mit Schlafstörungen, geht über in Konzentrationsschwächen und Dauerstress - und endet im schlimmsten Fall im Burnout. Die Leute geraten in eine Erschöpfungsspirale, weil sie ihren gesunden Rhythmus verlieren, dann noch mehr Zeit investieren, um den Anforderungen gerecht zu werden. Das Ergebnis: Sie sind abgehetzt und nichts gelingt mehr recht.
heute.de: Klar zu trennen zwischen Arbeit und Freizeit fällt vielen Menschen schwer. Gibt es eine Hilfe?
Hano: Es ist wichtig, dass sich das Geben und Nehmen zwischen Betrieb und Angestellten die Waage hält. Klare Absprachen zur Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit entlasten alle Beteiligten. Und etwas mehr Gelassenheit tut gut. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht länger leisten, dass Menschen bis zum Zusammenbruch arbeiten und dann lange ausfallen.