Der Missbrauchs-Skandal an Jesuiten-Schulen weitet sich aus. Bereits 25 Opfer der beiden ehemaligen Patres haben sich bisher gemeldet. Ein Ex-Kolleg-Direktor aus St. Blasien im Schwarzwald ist sicher: Das sind längst noch nicht alle Betroffenen.
Der Provinzoberer der deutschen Jesuiten, Stefan Dartmann, kündigte in Berlin eine umfassende Untersuchung der Ereignisse in den 70er und 80er Jahren an. Weitere Opfer schloss er nicht aus. Dartmann sagte, auch in Göttingen und Hildesheim soll es zu Vorfällen gekommen sein. So habe es in den 80er Jahren die Beschwerde einer Mutter aus dem Raum Göttingen gegeben, die einen Übergriff auf ihre 14jährige Tochter gemeldet habe.
Dartmann, entschuldigte sich bei Opfern, Lehrern und Eltern für die Fälle sexuellen Missbrauchs am Berliner Gymnasium. "Ich bitte um Entschuldigung für das, was von Verantwortlichen des Ordens damals an notwendigen und genauem Hinschauen und angemessenem Reagieren unterlassen wurde", hieß es in einer Erklärung. Dartmann war nach Berlin gereist, um in einer Pressekonferenz Stellung zu nehmen. Er dankte den Opfern, weil sie trotz belastender Erinnerungen ihre Stimme erhoben hätten.
Bei den beiden Tätern handelt es sich seinen Angaben zufolge um Pater Peter R., der von 1972 bis 1981 am Canisius Kolleg als Religionslehrer und Jugendseelsorger tätig war, sowie um Wolfgang S., der an der Schule Sport, Religion und Deutsch unterrichtet hat. Peter R. war nach seiner Zeit am Canisius Kolleg bis 1989 in der kirchlichen Jugendarbeit in Göttingen tätig, ehe er beurlaubt und 1995 aus dem Orden entlassen wurde.
"Im Bezug auf beide Täter gehen wir von sexuellen Übergriffen, wohl aber nicht von schweren Missbrauch aus", sagte Dartmann weiter. "Wir können nicht entdecken, dass es zu Penetrationen oder Vergewaltigungen gekommen ist." Pater Wolfgang S. sei mehrfach in psychotherapeutischer Behandlung gewesen, so Dartmann weiter.
Nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe gegen ehemalige Jesuiten-Patres hat die Deutsche Kinderhilfe eine längere Verjährungsfrist für Sexualdelikte an Kindern gefordert. Gerade weil die Opfer oft erst nach Jahrzehnten über den Missbrauch sprechen könnten, sollten derartige Straftaten wie andere Delikte erst nach 30 Jahren verjähren, sagte der Vorsitzende Georg Ehrmann der Tageszeitung "Die Welt".
"Das Fatale an der Verjährungsfrist zeigt sich hier in seiner ganzen Tragik", so Ehrmann. Zum einen müssten die Täter nach jetzigem Kenntnisstand keine strafrechtliche Verfolgung mehr fürchten. Zum andern könnten die Opfer aber auch zivilrechtlich keine Ansprüche auf Schadenersatz mehr erheben.
In beiden Fällen gibt es den Angaben zufolge Hinweise auf die sexuellen Übergriffe in den Akten. So haben im Mai 1981 Mitglieder der Jugendgruppe am Kolleg in einem Offenen Brief die Sexualpädagogik des Paters kritisiert. 1986 habe es einen Mordanschlag auf den Pater gegeben, bei dem er leicht verletzt wurde. Nach einem halbjährigen Mexiko-Aufenthalt Ende der 80er Jahre sei der Pater aus der Jugendarbeit herausgenommen worden. Nach seiner Entlassung aus dem Orden war er in der Diözese Hildesheim tätig, mit der Auflage, keine Jugendarbeit zu machen.
Pater Wolfgang S. habe nach seiner Zeit in St. Blasien in Chile gearbeitet. In den Akten gebe es klare Hinweise, dass er auch hier übergriffig geworden sei. Aus dem Fragebogen im Zusammenhang mit der Aufgabe seines Priesteramtes gehe hervor, dass er sich auch in St. Blasien und Hamburg an Jugendlichen vergangen habe, sagte Dartmann. Nach eigenen Angaben habe es sich hierbei um körperliche Bestrafung und nicht um Geschlechtsverkehr gehandelt. Strafrechtlich haben die Vergehen heute keine Relevanz mehr. Dartmann kündigte jedoch eine genaue Untersuchung der Ereignisse an.
Am Kolleg Sankt Blasien im Schwarzwald geht der ehemalige Direktor, Pater Hans Joachim Martin, derweil von weiteren Fällen aus. Es habe im Jesuiten-Orden und im Kolleg Sankt Blasien in früheren Jahren "ganz schwere Vorkommnisse" gegeben, die "alle unter den Tisch gekehrt" worden seien, sagte er. So hätten sich Schüler in den 1970er Jahren an ihn gewandt, weil sie von drei Erziehern des Internats sexuell missbraucht worden seien. Er habe die Mitglieder des Ordens daraufhin aus dem Kolleg entlassen. Wenig später seien sie aus dem Orden ausgetreten.
Strenge Hierarchien und eine Tabuisierung von Sexualität hätten im Orden und an dessen Schulen zu "unseligen Strukturen" geführt, so Pater Hans Joachim Martin, der das Kolleg Sankt Blasien von 1977 bis 1987 leitete. In diese Zeit fällt die zweijährige Lehrtätigkeit von Pater Wolfgang S. in Sankt Blasien, der laut Medienberichten mehrere Fälle sexuellen Missbrauchs an der Berliner Jesuiten-Schule Canisius-Kolleg eingeräumt hat. Martin wirft der Ordensleitung vor, der Schulleitung von Sankt Blasien die Vorfälle aus Berlin verschwiegen zu haben. Dann sei es auch in Sankt Blasien zu Missbrauch gekommen.
Wolfgang S. habe ihm gegenüber die Vergehen zugegeben, sagte Pater Hans Joachim Martin. Daraufhin habe er die Ordensleitung informiert, und Wolfgang S. habe die Schule 1984 verlassen. Weiter sei aber nichts passiert, vielmehr sei Wolfgang S. eine "goldene Brücke" gebaut worden, um nach Südamerika zu gehen. Martin sagte, es müsse geklärt werden, welche Strukturen die Missbrauchsfälle begünstigten und wie es zu jahrelanger Vertuschung kommen konnte.
Auch die Beauftragte des Jesuiten-Ordens für Fälle von sexuellem Missbrauch, Ursula Raue, will mögliche Hintergründe untersuchen. Sie könne sich nicht erklären, warum acht Schüler des Canisius-Kollegs, die bereits 1981 einen Brief an die Schulleitung und das Bischöfliche Ordinariat in Berlin geschrieben hätten, keine Antwort erhalten hätten, erläuterte Raue. "Das können durchaus Strukturen in der katholischen Sexualmoral sein, dass darüber nicht gesprochen wird."