Etwa vier Millionen Deutsche können nicht richtig lesen und schreiben: Einer davon war Tim-Thilo Fellmer. Der Kinderbuchautor hat erst als Erwachsener Lesen und Schreiben gelernt. Geholfen hat ihm dabei ein Onlineportal.

Bereits in der Grundschule wird bei Tim-Thilo Fellmer die Diagnose Legasthenie gestellt. Nach elf Schuljahren verlässt er die Schule mit einem Hauptschulabschluss, ohne ausreichend lesen und schreiben zu können. Wegen seiner mangelnden Lese- und Schreibfähigkeiten fühlt sich Fellmer jahrelang persönlich und beruflich in seinen Möglichkeiten eingeschränkt.
Der Wunsch, endlich richtig lesen und schreiben zu lernen sei immer größer geworden, erzählt Fellmer - mit Unterstützung eines Lernportals(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) schaffte er dann den Sprung: "Der Vorteil ist, dass alles anonym abläuft. So muss man sich nicht gleich mit seiner Schwäche zu erkennen geben", erklärt Fellmer.
Das Alphabetisierungsportal bietet eine kostenlose Möglichkeit als Erwachsener das Lesen und Schreiben zu lernen. Das Internetportal wird vom Deutschen Volkshochschul-Verband angeboten und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Mehr als 128.000 Lernende haben sich seit dem Start 2004 bereits in dem mehrfach ausgezeichneten Portal angemeldet.
Fellmer nutzt das Portal auch heute noch als Lernunterstützung. "Ich mache abends nach der Arbeit am Computer ein paar Übungen, das hilft mir sehr", sagt er.
Funktionaler Analphabetismus unterliegt einem zeitlichen Wandel: Genügte es vor 150 Jahren noch, seinen Namen schreiben zu können, sind heute die Ansprüche aufgrund des gesellschaftlichen Wandels gestiegen. Dies ist auf das Verschwinden einfacher Tätigkeiten und damit wachsender Anforderungen der Arbeitswelt zurückzuführen. Zudem gehört heute eine einfache Form von Medienkompetenz zur Grundbildung.
Heute, am Weltalphabetisierungstag, erinnert die UNESCO daran, dass Millionen Menschen weltweit nicht lesen und schreiben können. Nicht jeder funktionale Analphabet macht eine solche Karriere wie Tim-Thilo Fellmer. Der Tag bietet aber nicht nur einen Anlass, um auf diesen gesellschaftlichen Misstand aufmerksam zu machen, sondern will mit denen feiern, deren Leben sich durch das Lesen- und Schreiben lernen verbessert hat. "Unser Ziel ist es den Betroffenen zu zeigen, dass es Hilfe gibt und ihnen Mut machen diesen Weg zu gehen", erklärt Annette Thöne vom Deutschen Volkshochschulverband.
Wer schreiben und lesen lernen will, braucht aber vor allem eines: Geduld. Es dauerte zehn Jahre bis Tim-Thilo Fellmer seinen Analphabetismus überwunden hat. Heute schreibt der 40-Jährige Kinderbücher. Sein erstes Werk ist unter dem Titel "Fuffi der Wusel" im Eigenverlag erschienen. "Es war ein wirklich tolles Gefühl das eigene Buch in Händen zu halten und anschließend sogar für Kinder, Lehrer und Pädagogen daraus vorzulesen", erklärt der ehemalige funktionale Analphabet. Tim-Thilo Fellmer verbessert seine Lese- und Schreibfähigkeiten weiterhin kontinuierlich online im Lernportal. "Ich möchte allen Betroffenen Mut machen, auch als Erwachsener mit dem Lesen und Schreiben lernen anzufangen", betont Fellmer.
Analphabetismus, so sollte man meinen, ist vor allem ein Problem der so genannten Entwicklungsländer. Dass Analphabetismus auch in hoch entwickelten, westlichen Wirtschaftsnationen vorkommt, überrascht. Schätzungen zufolge gibt es allein in Deutschland etwa vier Millionen erwachsene funktionale Analphabeten. Man spricht von "funktionalem Analphabetismus", wenn die Betroffenen trotz Schulbesuchs über so geringe Schriftsprachkompetenzen verfügen, dass sie diese nicht funktional für sich im Alltags- oder Berufsleben einsetzen können. Im Unterschied hierzu spricht man von "primärem" oder "totalem" Analphabetismus, wenn eine Person nie Lesen und Schreiben gelernt hat. Dies ist vor allem in den Entwicklungsländern der Fall.
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