Twitter will länderspezifischer Filter einführen. Damit sollen Tweets in Staaten, in denen die Inhalte dieser Nachrichten gegen Gesetze verstoßen, gelöscht werden können. Das WWW bebt: "Zensur!" - und liefert Tipps, wie man diese Sperren umgeht.
Twitter-Mitteilungen sollen künftig gezielt in einzelnen Ländern gelöscht werden können. Eine Kurznachricht auf Twitter etwa, die den Holocaust leugnet, lässt der Kurznachrichtendienst bald nur in Deutschland nicht mehr durch die Leitungen. Denn in Deutschland ist es verboten, den Holocaust zu leugnen. In Ländern, in denen die Leugnung nicht unter Strafe steht, ginge ebendieser Tweet aber problemlos durchs Netz.
Mit diesem Beispiel machte Twitter auf seinem Blog klar, worum es dem Unternehmen geht: Das Unternehmen aus dem weltumspannenden Netz macht künftig an Landesgrenzen halt. Die Kurznachrichten würden in Staaten, in denen Inhalte des Tweets gegen Gesetze verstoßen, nicht mehr veröffentlicht. In Ländern, in denen dieselben Inhalte legal seien, würden diese Tweets online gehen.
Bisher war es nur möglich, einzelne Nachrichten global zu löschen. Betroffen waren laut Twitter zumeist Verweise auf Seiten mit Kinderpornografie. Künftig will das Unternehmen nun, wenn ein Eintrag entfernt wird, ähnlich wie der Suchmaschinenbetreiber Google, einen Hinweis posten. "Wir versuchen, Inhalte zu bewahren, wann und wo immer es uns möglich ist", erklärte das Unternehmen.
Einer unserer zentralen Werte als Firma ist die Vereidigung und der Respekt für die Stimme jedes Nutzers", hieß es bei Twitter. Alles, was möglich sei, werde verbreitet. "Und wenn es uns nicht möglich ist, werden wir transparent mit den Nutzern sein. Die Tweets müssen weiter fließen."
Mit der Zensurmaßnahme will der Konzern verhindern, in bestimmten Ländern abgeschaltet zu werden. "Mit der Fortsetzung unseres internationalen Wachstums werden wir in Länder eintreten, die unterschiedliche Vorstellungen von der Meinungsfreiheit haben", schrieb Twitter in dem Blog.
Mit dem Schritt leitet Twitter eine Trendwende ein. Bei den Aufständen in der arabischen Welt hatte der Dienst als Kommunikationsmittel eine wichtige Rolle gespielt. Damals signalisierte das Unternehmen, die Tweet-Inhalte nicht anrühren zu wollen.
Dass die Maßnahmen bei Twitter denen bei Google so ähneln, ist kein Zufall. Denn Rechtsberater von Twitter ist Alexander Macgillivray, der auch für Google die Zensur-Maßnahmen erarbeitete. Wie Google will auch Twitter alle Anträge auf Entfernung von Tweets von Regierungen, Firmen oder Einzelpersonen auf der Website Chillingeffects.org veröffentlichen.
Das inzwischen sechs Jahre alte Unternehmen hat sich zu einem der mächtigsten Sprachrohre der Welt entwickelt. Das ist eine Rolle, die Twitter auch gerne annimmt. Aber Twitter muss die neuen Filtertechniken einsetzen, wenn es wie angestrebt weiter wachsen will. So hat Twitter vor, die Zahl der aktiven Nutzer von derzeit 100 Millionen aktiven Nutzern auf mehr als eine Milliarde zu steigern.
Um dieses Ziel erreichen zu können, muss der Dienst aber noch auf mehr Länder erweitert werden, was auch bedeutet, dass Twitter sich stärker den Gesetzen dieser Länder anpassen muss. Ein Konflikt zwischen dem Anspruch, die Meinungsfreiheit zu garantieren, und dem Bestreben, mehr Menschen zu erreichen und Geld zu verdienen, ist schon absehbar.
Der Kurznachrichtendienst, über den 140 Zeichen lange Meldungen an Interessenten verschickt werden, wurde 2006 gegründet. Twitter zählt rund 100 Millionen aktive Nutzer. Das Angebot gehört neben Facebook und Zynga zu den beliebtesten sozialen Netzwerken.
Seit Twitter in der Nacht seinen Post mit dem Titel Tweets still must Flow(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) veröffentlichte, macht sich Unmut im Netz breit. Die Zensurvorwürfe an den Kurznachrichtendienst wiegen schwer, weil das Unternehmen bisher für seine Transparenz bekannt war. Aber ist es wirklich so schlimm?
Wenige Stunden nach der Veröffentlichung gab es die ersten Reaktionen auf die angekündigte regionale Sperrung von Tweets. So schreibt der Blogger Jannis Kucharz: "Eine Twitter Revolution wird es nicht mehr geben." Andere User vermuten, dass die Investition des saudischen Prinzen Alwaleed Bin Tala Grund für die drohende Zensur sein könnte. Der Aufschrei ist berechtigt. So war Twitter in der arabischen Revolution ein wichtiges - wenn nicht sogar das wichtigste Kommunikationsmittel der Bewegung.
Jedoch fehlt im Blogpost ein wichtiger Punkt: Wie wird Twitter die Sperrung einzelner Tweets durchführen? Hierzu hat das Blog netzwertig.com eine Aussage von Rachel Bremer, Twitters Pressesprecherin für Europa,(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) erhalten. Bremer bestätigt, dass Twitter für das Sperren von Tweets kein IP-Geoblocking einsetzen wird. Weiter sagt Bremer: "Geotargeting auf IP-Basis ist keine perfekte Technik und wir wollen sicherstellen, dass Nutzer die Ortsangabe verändern können, wenn diese nicht stimmt."
Was heißt dies für die Praxis? Nehmen wir an, Twitter sperrt Tweets mit rassistischen Inhalten in Deutschland, dann kann ein User, der in seinen Profileinstellungen ein Land angibt, in dem rassistische Äußerungen geduldet werden, diese Sperre umgehen. Würde Twitter auf IP-Geoblocking setzen, wäre dies nicht so einfach möglich. Als Beispiel für IP-geblockte Inhalte lässt sich die ZDF-Mediathek nehmen. Es gibt dort Beiträge, die aus rechtlichen Gründen nicht außerhalb Deutschlands gesendet werden dürfen. Um diese Inhalte zu sehen, müsste ein User aus der Schweiz auf einen VPN-Dienst zurückgreifen, um seine Schweizer IP durch eine deutsche zu ersetzen. Offen bleibt jedoch, wer das tägliche Aufkommen von über 200 Millionen Tweets(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) überprüft und nach welchen Kriterien.
Twitter kündigte an, auf der Website Chilling Effects(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) zu veröffentlichen, welche Tweets gesperrt wurden und aus welchen Gründen dies passierte. Der Blogger Nico Lumma schreibt in seinem Blog:(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) "'Zensur!' schreien die Einen, 'wirtschaftlich notwendig!' die Anderen - und doch haben beide irgendwie Recht."
Sollte Twitter also nicht auf IP-Geoblocking setzen, müssen wir uns keine Sorgen machen, dass es in Zukunft womöglich keine Twitter-Revolution mehr geben wird. Ob es allerdings für den Microblogging-Dienst der richtige Schritt war, glauben die wenigsten User.
Autor: Michael Umlandt, Redaktion Neue Medien