Was Nico Marquardt aus Potsdam derzeit erlebt, ist wie ein Asteroideneinschlag - ein medialer. Nico ist 13 Jahre alt, geht in die 7. Klasse des Humboldt-Gymnasiums und kann sich vor Schlagzeilen kaum retten. "Gymnasiast blamierte NASA" ist nur eine davon.
Tatsächlich hatte Nico Marquardt ein bisschen gerechnet und war damit sehr falsch verstanden worden.
32.500 Kilometer sind, was das All angeht, eine kleinste Kleinigkeit. Zum Vergleich, unser Mond ist zehnmal weiter weg. In diesem Abstand fliegt im Jahre 2029 der Asteroid "Apophis" an der Erde vorbei. Wenn er denn vorbeifliegt und nicht durch die Anziehung unseres Planeten und all die Satelliten, die sich ihm in den Weg stellen könnten, abgelenkt wird. Diese Ablenkung birgt die Gefahr des Aufschlags des etwa 300 Meter langen und 25 Millionen Tonnen schweren Brockens.
Das sagt die NASA und das sagt auch Nico Marquardt, ein Ass in Naturwissenschaften an seiner Schule, ein Rechner und Beobachter mit besonderem Interesse für "Apophis". Nico hat sogar ein Modell gebaut, das die Flugbahnen der Erde und des Asteroiden nachvollziehbar macht, bis zum möglichen "Bang". "Zumindest ein Teil unserer Erde wäre dann in Not", sagt Nico, denn die Szenarien sind "Armageddon"- gleich.
Die NASA sieht dies ähnlich. Die Experten der US-Raumfahrtbehörde entdeckten in "Apophis", der erst vor vier Jahren vor ihren Teleskopen auftauchte eine gewisse Gefahr, die sich aber relativieren lässt. Die Aufprallwahrscheinlichkeit, so die Forscher, liege bei 1:45.000 - Entwarnung.
Nico Marquardt rechnete ebenfalls, prüfte Flugbahnen am Astrophysikalischen Institut in Potsdam, ermittelte aber zusätzlich die Möglichkeit eines Auftreffens des Asteroiden auf Satelliten und eine dadurch mögliche Ablenkung des Himmelskörpers. Für seine Berechnungen erhielt er einen 2.Preis beim Wettbewerb "Jugend forscht". Er kam, wie er uns gestern sagte, auf ein annähernd gleiches Ergebnis wie die NASA.
Ins Trudeln kam der Medienasteroid so richtig mit der "Bild" - Zeitung vom 4. April. Darin hieß es, Nico gebe die Wahrscheinlichkeit des "Weltuntergangs" mit 1: 450 an. Eine Zahl, die die Forschungen der US-Amerikaner um das Hundertfache korrigiere. Und der Clou daran, die Raumfahrtbehörde gebe Nico sogar recht. Nico habe dies in einem Interview am Tag der Preisverleihung so bestätigt, hieß es vom "Bild"-Reporter gegenüber dem ZDF. Man habe sich am Ende des Gesprächs auf die "450" geeinigt. Nico bestreitet dies vehement. Die "450" sei eine "Erfindung eines Journalisten".
Die Zahl, die Nico und vielen Wissenschaftlern Probleme macht, tauchte seitdem in Fernsehbeiträgen mit Nico als dem 13-jährigen Helden auf, der es der NASA mal so richtig gezeigt habe. Ein Fehler. Denn Experten, so der europäischen Raumfahrtbehörde esa halten schon den Angang der Schüler-Berechnungen für fragwürdig. Kein 13-jähriger, so schreibt der Wissenschaftler Michael Khan an heute.de habe die Möglichkeiten und Mittel, um Flugbahnen eines Asteroiden so genau zu bestimmen, wie die Physiker von NASA und esa. Darum könne ein Schüler diese Berechnungen weder korrigieren, noch bestätigen. Dies sei, so Khan kein Vorwurf an den Schüler.
Wie auch immer - Nico wurde Medienereignis. Artikel im "Tagesspiegel", den "Potsdamer Neuesten Nachrichten", bei "Focus Online" folgten. In mindestens einem Fernsehinterview spricht Nico davon, die NASA korrigiert zu haben. Die Nachrichtenagentur AFP meldete seine Story in der ganzen Welt. Im Büro der Schulleiterin in Potsdam stapeln sich die Interviewanfragen - vom italienischen, über das russische bis zum türkischen Fernsehen. "Alle wollen Nico." Nur: die Geschichte so ist falsch, wie die Berechnung von 1: 450 Einschlagswahrscheinlichkeit.
Astrophysiker sind zerknirscht. Frank Spahn vom Potsdamer Institut wurde sogar als Kronzeuge der Nico-Berechnungen angeführt, der er gar nicht war. Er sagt: "Nico Marquardt hat weder die Nasa korrigiert noch düpiert." Und der renommierte Wissenschaftler wird noch deutlicher: "Hier wird die Wahrheit auf dem Altar der Sensationsmache geopfert. Das kann dem Jungen nur schaden." Auch Schulleiterin Carola Gnadt, die sich derzeit wie eine Art Managerin für Nico einsetzt ist sauer. "Nico ist ein sehr begabter Schüler. Es wäre schlimm, wenn ihn diese Geschichte in seiner Neugier bremst."
Die NASA hat inzwischen offiziell dementiert, dass sie Nico Recht gegeben habe - immerhin mit einer weltweit verbreiteten Pressemitteilung. Und Nico? Der hochbegabte Junge sieht sich falsch verstanden, obwohl heute nicht mehr ganz so klar ist, ob Nico lediglich "Opfer" der Medienhysterie war. Er will weiter machen und weiter forschen. Natürlich will er auch die Berechnungen zu "Apophis", dem angeblichen Horror-Asteroiden noch einmal prüfen. Er hofft, dass sich "die ganze Sache endlich beruhigt" und ihm liegt viel daran zu sagen, dass er die NASA ganz bestimmt nicht düpieren wollte.
"Ich will eines Tages für die NASA arbeiten. Das ist eine großartige Organisation und ich hab schon ein bisschen Angst, dass mir diese Geschichte nachhängt." Immerhin - bis zur Bewerbung bei den Forschern in den USA vergeht ja noch einige Zeit, wenn es auch in kosmischen Begriffen ausgedrückt ein paar Jahre, also Millisekunden sind.