Mehr Soldaten für Afghanistan - wegen der gefährlichen Lage in Kundus ist das dringend nötig, sagt der Chef des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch. Ein schneller Abzug sei aber unrealistisch - vor allem, wenn die Koalition nicht wisse, was sie will.

heute.de: 850 zusätzliche Soldaten - was bringt das?
Ulrich Kirsch: Es geht vor allem darum, 500 zusätzliche Infanteristen in Kundus zur Verfügung zu haben. Dort brauchen wir deswegen mehr Kräfte, weil wir wegen der Taliban in einer ganz besonders schwierigen Lage sind. Im weiteren deutschen Verantwortungsbereich haben wir diese Herausforderung im Moment nicht. Da ist relative Ruhe. Und es geht darum, dass wir die afghanische Armee noch besser ausbilden können, damit sie ihre Aufträge in der Zukunft selbst wahrnehmen.
heute.de: Warum sollen 850 zusätzliche Soldaten mit einem Mandat von einem Jahr etwas erreichen, was in acht Jahren nicht funktioniert hat?
Kirsch: Man muss den Norden anders betrachten, als das ganze Land - in manchen Regionen gibt es keine Aufständischen. Es kommt jetzt darauf an, in diesen Regionen mit Aufständischen das Richtige zu tun. In diesem Zusammenhang sind auch die 5.000 US-Soldaten zu sehen, die zusätzlich in den Norden kommen.
heute.de: Sie hatten vor der Ausweitung des Mandats eine schonungslose Bilanz der Bundesregierung gefordert. Haben Sie die bekommen? Schicken Sie die neuen Soldaten guten Gewissens nach Afghanistan?
Kirsch: Die Bilanz ist noch nicht ausreichend. Es sind vor allem Ziele zu definieren, wann wir uns wo verabschieden. Auch der zarte Versuch, jetzt in den Mandaten auch den zivilen Wiederaufbau zu integrieren, ist nicht ausreichend. Es wird darauf ankommen, die Dinge ressortübergreifend in der Bundesregierung anzugehen. Da gibt es erste Anzeichen, aber es dauert alles viel zu lange. Wenn man jetzt die Debatte um die Polizeiausbildung sieht: Da sagt der bayerische Innenminister etwas, dann der niedersächsische Innenminister, dann der Bundesinnenminister. Man hat nie den Eindruck, dass es einen Schulterschluss gibt. Ich bin ja für eine Debatte, aber die müssten wir nach acht Jahren längst hinter uns haben.
heute.de: Ist bei diesem andauernden Selbstfindungsprozess in der Regierung die Abzugsperspektive ab 2011 realistisch?
Kirsch: Ich bin da sehr, sehr skeptisch. Wer rausgeht, muss sagen, wie es drinnen weitergeht. Wir werden nur dann reduzieren können, wenn wir die afghanischen Kräfte gut ausgebildet haben. Es geht zum Beispiel darum, dass Stabsfähigkeiten da sind, um Operationen zu planen und durchzuführen. Manche Afghanen können aber nicht lesen und schreiben. Das heißt: Wir werden noch sehr, sehr lange gebraucht.
heute.de: Es wurde ja immer wieder die schlechte Ausrüstung der Soldaten beklagt. Hat sich das gebessert oder teilen sich jetzt noch mehr Soldaten eine schlechte Ausrüstung?
Kirsch: Da ist wirklich eine Menge getan worden, nachdem die Mängel erkannt worden sind. Trotzdem gibt es noch Defizite. Wenn geschützte Fahrzeuge beispielsweise kaputt gehen, dann müssen die natürlich ersetzt werden. Wir brauchen dringen eine Umlaufreserve. Es dürfte uns nach einer so langen Zeit nicht mehr passieren, dass es solche Defizite gibt.
heute.de: Die Bundeswehr soll ja jetzt mehr in die Fläche gehen und sich weniger in den Stützpunkten einigeln. Ist das überhaupt leistbar?
Kirsch: Wir kommen da nicht umhin, denn die Afghanen schauen, wer ist beim zivilen Wiederaufbau der Stärkere? Sind es die Taliban, gehen sie zu den Taliban. Ist es die internationale Gemeinschaft, kommen sie zu uns. Mit Soldaten kann man ja nur einen Bereich militärisch stabil halten, dann müssen alle anderen Dinge folgen. Und dieser Übergang funktioniert oft nicht gut. Da haben wir viel, viel Zeit verloren, weil manches nicht gut koordiniert war. Auch die UNO hat das nicht geschafft. Das meine ich, wenn ich sage, wir brauchen eine klare Bilanz: Wo stehen wir denn? In der Vergangenheit wurde alles schöngeredet, heute wird noch manches schöngeredet. Wir brauchen mehr Klartext.
Oberst Ulrich Klein ist Vorsitzender des Bundeswehrverbandes, der obersten Interessenvertretung der Soldaten. Der Verband hat 200.000 Mitglieder.
heute.de: Von wem?
Kirsch: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat da richtig begonnen. Er hat die Dinge beim Namen genannt. Wir tun das schon seit langer Zeit und sind dafür sehr gescholten worden. Wir Soldaten haben ein Anrecht darauf, deutlich zu machen, wie es ausschaut, denn es wird auf unserem Rücken ausgetragen, je länger das ganze dauert.
heute.de: Empfinden das die Soldaten vor Ort auch so?
Kirsch: Da gibt es eine große Bandbreite. Viele sind Überzeugungstäter, andere sagen, sie müssen nach vier Monaten raus, weil sie im Kampfeinsatz standen. Insgesamt machen alle - Soldaten und zivile Kräfte dort einen exzellenten Job. Das wird in Deutschland viel zu wenig erkannt. Es ist Aufgabe des Auftraggebers, des Deutschen Bundestages, das deutlich zu machen. Der Bundestag hat es aber über viele Debatten hinweg versäumt, den Einsatz zu definieren. Da gibt es Nachholbedarf.
heute.de: Wie lange kann die Bundeswehr den Einsatz in dieser Größenordnung noch aufrecht erhalten?
Kirsch: Unsere Infanteriekräfte sind begrenzt, wir stoßen mit dem Kopf an die Decke. Wir haben in der Bundeswehr 33 Infanteriekompanien, davon sind durchschnittlich 24 über ein Jahr im Einsatz. Da kann man sich ausrechnen, wie groß die Durchhaltefähigkeit ist ...
heute.de: ... auf welches Ergebnis kommen Sie?
Kirsch: Das halten wir ein bis zwei Jahre durch, aber länger sicherlich nicht.