Der Europäische Gerichtshof hat das Sportwetten-Monopol in Deutschland gekippt. Ein Urteil, das auch ein Schlaglicht auf das Thema Wettmanipulation wirft. An der Wettfront herrschte schon vor dem Urteil Bewegung im deutschen Sport, gerade im Fußball.
Vorbeugung auf der einen, Strafe auf der anderen Seite: Während die Deutsche Fußball-Liga (DFL) daran arbeitet, Manipulation zu verhindern, sollen im größten Wettskandal der Fußball-Geschichte bald die ersten Täter vor Gericht stehen. Das gestrige Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) gegen das staatliche Monopol auf Sportwetten wirft neue Fragen auf - welche Konsequenzen hat die Entscheidung für den Kampf gegen Korruption?
Positive, glaubt Martin Nolte, Professor für Sportrecht an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. "Ich begrüße die Öffnung sehr. Eine kontrollierte Öffnung des Wettmarkts schützt die Integrität des Wettbewerbs", sagt der Jurist. "Es sind ja gerade die Monopole, die Schwarzmärkte begünstigen, welche dann nicht mehr kontrollierbar sind."
Seiner Einschätzung nach lässt das Urteil Spielraum, um die Wettanbieter zu disziplinieren. "Man kann jetzt den Markt für Sportwetten auf neue Grundlagen stellen und Bedingungen festlegen, die Wettanbieter für die Erteilung einer Konzession erfüllen müssen." Ob das passiert, ist noch fraglich. Denn die EuGH-Richter haben Monopole nicht generell für unzulässig erklärt. Sie haben nur festgestellt, dass die derzeitige Praxis in Deutschland "nicht mehr gerechtfertigt" ist.
Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat am Mittwoch entschieden, dass die staatlichen Monopole für Glücksspiele und Sportwetten in Deutschland gegen europäisches Recht verstoßen. Sie verbieten private Wettangebote. EU-Grundfreiheiten - betroffen sind im konkreten Fall der freie Dienstleistungsverkehr und die Niederlassungsfreiheit - dürfen laut EuGH-Entscheidung zwar beschränkt werden, jedoch nur, wenn bestimmte Ziele damit verfolgt werden. Zulässige Gründe sind die Bekämpfung von Spielsucht, Kriminalitätsbekämpfung und Verbraucherschutz.
Das Gericht stellte jedoch fest, dass die staatlichen Monopolinhaber selbst Werbekampagnen betreiben und außerdem Ausnahmen für Pferdewetten oder Automatenspiele bestehen, die ein besonders hohes Suchtrisiko haben. "Unter diesen Umständen lässt sich das präventive Ziel des Monopols nicht mehr wirksam verfolgen, so dass das Monopol nicht mehr gerechtfertigt werden kann", urteilte der EuGH.
"Damit gibt es für die Politik zwei Szenarien", sagt Nolte, "sie kann das Monopol auf Pferdewetten und Automatenglücksspiele ausdehnen. Diese Option halte ich für wenig realistisch. Oder sie kann die Regelungen für Sportwetten anpassen und den Markt öffnen." Die zweite Variante hat für Nolte den Vorteil, dass bei der Vergabe von Konzessionen für Sportwetten-Angebote Vorgaben gemacht werden können. "Man kann vorschreiben, dass Live-Wetten nur ergebnisorientiert angeboten werden dürfen und keine Wetten auf die erste Gelbe Karte zum Beispiel. Das sind Hochrisiko-Wetten für Manipulation."
Manipulationen, wie sie im größten Wettskandal der Fußball-Geschichte die Staatsanwaltschaft Bochum beschäftigen. Sie hat 270 Spiele im In- und Ausland untersucht und gegen 250 Personen ermittelt - und die ersten Anklagen vor dem Landgericht Bochum erhoben. In den vergangenen beiden Wochen wurden zwei Klagen zugestellt, die insgesamt vier mutmaßliche Täter betreffen. Vier weitere Beschuldigte sitzen nach wie vor in Untersuchungshaft, bestätigte Oberstaatsanwalt Gerrit Gabriel auf Anfrage von sport.zdf.de. Auch sie sollen demnächst vor Gericht gestellt werden.
Die DFL hat derweil ein Projekt gegen Manipulation mit der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International gestartet. Unter anderem soll ein Ombudsmann benannt werden, an den sich Spieler, Trainer oder Funktionäre bei einem Manipulationsverdacht vertraulich wenden können. Besonders an den Nachwuchsleistungszentren der Profivereine, wo rund 5000 Jugendliche ausgebildet werden, will die DFL Aufklärungsarbeit leisten. "Man sagt den Spielern sehr genau, welches Nasenspray sie nicht benutzen dürfen", sagte DFL-Chef Christian Seifert bei der Präsentation des Projekts, "man kann sie aber auch auf Warnsignale auf dem Weg zur Manipulation vorbereiten."
Denn - dies zeigten die Bochumer Ermittlungen - das Manipulationsproblem betrifft nicht nur den Profifußball. Auch Juniorenspiele und Amateurpartien bis hinunter in die Oberliga wurden laut Staatsanwaltschaft manipuliert. Das DFB-Sportgericht hat vergangene Woche mit dem Ex-Osnabrücker Marcel Schuon den ersten Profi bestraft (er erhielt eine Sperre von 33 Monaten), doch bereits im Mai hatten drei Jugendspieler von Arminia Bielefeld Sperren zwischen sechs und 14 Monaten erhalten. Beim DFB-Kontrollausschuss laufen noch 16 Verfahren.
Eine weitere Erkenntnis: Die international operierenden illegalen Ringe lassen sich auch mit Wettradaren kaum erfassen, die nach dem Hoyzer-Skandal installiert worden sind. "Weitgehend wurde bei nicht-deutschen Anbietern gesetzt", sagt Gabriel, der besonders auf asiatische Wettbüros verweist. Und die sind an kein Frühwarnsystem angeschlossen. Auch Nolte fügt hinzu: "Es gibt Aktivitäten illegaler Art, die sich nicht unterbinden lassen."
Der 43 Jahre alte Jurist wurde mit einer Schrift über "Staatliche Verantwortung im Bereich Sport" habilitiert. Anschließend wurde er Juraprofessor für Öffentliches Recht an der Privaten Hanseuniversität in Rostock-Warnemünde, übernahm dann die Professur für Sportrecht am Institut für Sport und Sportwissenschaften (ISS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er berät den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), den Deutschen Fußball-Bund (DFB), die Deutsche Fußball-Liga (DFL), die Deutsche Sporthilfe und verschiedene Landessportbünde bei der Frage der Neuordnung des Sportwettenmarktes in Deutschland.