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merkzettel

Grüne Woche Milch: Zu viel des Guten

BildMilchproduktion
Produktion von Frischmilch

Das Angebot ist groß, zu groß. Deshalb sinken die Preise. Milch etwa werden die Bauern derzeit nur zu rund 26 Cent das Kilo bei den Molkereien los. Vor zwei Jahren waren es noch 41 Cent.

(Quelle: ap)

WebstoryTierfabrik Deutschland

(Quelle: ZDF)

VideoBauern beklagen Preisverfall
Beginn der Agrarmesse.

Zu Beginn der weltgrößten Agrarmesse "Grüne Woche" in Berlin äußern sich die Bauern pessimistisch für die Zukunft. Grund ist der Preisverfall für Milch, Fleisch und Getreide.

(15.01.2016)

VideoBauernproteste: EU berät über Hilfen
Angesichts sinkender Milchpreise beraten die EU-Landwirtschaftsminister heute in Brüssel über Sofortmaßnahmen zur Unterstützung der europäischen Bauern. Im Gespräch sind zum Beispiel Subventionen.

Angesichts sinkender Milchpreise beraten die EU-Landwirtschaftsminister heute in Brüssel über Sofortmaßnahmen zur Unterstützung der europäischen Bauern. Im Gespräch sind zum Beispiel Subventionen.

(07.09.2015)

Kurzmeldung

  • Demos für und gegen konventionelle Landwirtschaft in Berlin 08:34 Uhr 16.01.2016
    Tausende Menschen wollen heute in Berlin für und gegen konventionelle Landwirtschaft demonstrieren. Parallel zur Grünen Woche rufen Verbände aus Landwirtschaft, Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz sowie Entwicklungshilfe zu einem Protestmarsch unter dem Motto "Wir haben es satt" auf. Sie wenden sich gegen Massentierhaltung, industrialisierte Landwirtschaft und das geplante Freihandelsabkommen mit den USA. Ihnen widersprechen die Initiatoren der Kundgebung "Wir machen Euch satt", die eine sachliche Diskussion über moderne Landwirtschaft anmahnen.

von Michael Braun

Leckeres für die Menschen produzieren - darum sollte es doch eigentlich gehen in der Landwirtschaft. Die Grüne Woche will das ab heute zeigen. In Hülle und Fülle. Aber Überproduktion ist genau das Problem der Produzenten. Die Preise fallen, der Staat hilft - mal wieder. 

Das Angebot ist groß, zu groß. Deshalb sinken die Preise. Milch etwa werden die Bauern derzeit nur zu rund 26 Cent den Liter bei den Molkereien los. Vor zwei Jahren waren es noch 41 Cent. Eine Wende zum Besseren für die Landwirte, also zu höheren Preisen, können Fachleute zwar absehen. Aber das passiere nicht so bald, sagt Holger D. Thiele, Professor für Agrarpolitik an der Fachhochschule Kiel: "Mit relativ niedrigen Preisen muss die Milchwirtschaft auch 2016 noch einige Zeit rechnen", sagt er voraus.

Der Präsident des Bauernverbandes, Joachim Rukwied, übersetzte das diese Woche für sein Klientel und die Öffentlichkeit so: "Das heißt für unsere Bauernfamilien, dass sie mit einem weiteren Einkommensrückgang von 20 bis 30 Prozent rechnen müssen." Kommt es so, würden sich die Einkommen in der Landwirtschaft binnen zwei Jahren halbieren. Voriges Jahr war das Bruttoeinkommen pro Arbeitskraft um 30 Prozent auf 30.000 Euro gesunken.

In China gilt ausländische Milch als schick

Dabei hatte es gerade in der Milchwirtschaft lange gut ausgesehen. China hatte bis 2015 viel Milch eingeführt, meist Milchpulver. Ausländische Milch gilt dort als schick und wurde gut bezahlt. Hohe Preise verführten zu hoher Produktion, was auch möglich war, weil - was selten genug vorkommt - in Europa, Nordamerika und Australien die klimatischen Bedingungen zur gleichen Zeit stimmten.

Auch Russlands Gegensanktionen gegen Nahrungsmittel aus der EU galten in der ersten Jahreshälfte 2014 noch nicht. Zugleich wurden die Betriebe größer und effizienter. Im Mai vorigen Jahres wurden im Schnitt 57,3 Kühe pro Betrieb gehalten. Fünf Jahre zuvor waren es nur 44,7 Tiere.

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So wuchs die Milchproduktion in der EU von knapp 137 Millionen Tonnen im Jahr 2010 auf 151 Millionen Tonnen im vorigen Jahr. Die deutschen Bauern steuerten in den vergangenen beiden Jahren etwa 31 Millionen Tonnen zu. Das Wachstum ging vor allem in den Export: Die deutsche Milchindustrie erreichte 2014 einen Ausfuhranteil von rund 27 Prozent. 2010 waren es gut 23 Prozent.

Russland und Ketten belasten Bauern

Doch seit Herbst 2014 blieb nur die Produktion hoch, die Nachfrage nicht. Deshalb brachen die Preise ein. Russland ahndete westliche Sanktionen nach der Einnahme der Krim mit Gegensanktionen und stoppte die Einfuhr von Nahrungsmitteln. Auch die Nachfrage aus China ging zurück, nachdem im Juli 2015 Kurseinbrüche für Unsicherheit über die wirtschaftliche Lage des Landes gesorgt hatten.

Landwirte versuchten zwar, den Molkereien weniger Milch anzudienen, verfütterten weniger energiereiches Futter, führten die leistungsschwächeren Tiere früher zum Schlachter. Doch der Preisdruck blieb, wurde durch die Nachfragemacht der Handelsketten sogar schärfer. Deshalb wehrt sich die deutsche Bauernlobby auch gegen die wahrscheinliche Ministererlaubnis für den Zusammenschluss von Edeka und Kaiser’s Tengelmann.

Minister Schmidt stellt EU-Millionen bereit

Die Bundesregierung hatte ein Herz für die Bauern. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) stellte aus EU-Mitteln insgesamt 69,2 Millionen Euro als "Liquiditätsbeihilfe" bereit. Es geht um Zuschüsse von bis zu 10.000 Euro, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Dafür muss in zuweilen mehreren hundert Seiten starken Anträgen nachgewiesen werden, dass der Betrieb noch aktiv ist, unter starken Preisrückgängen leidet und deshalb einen Kredit aufnehmen musste, um zahlungsfähig zu bleiben. Ein Investitionskredit würde nicht bezuschusst.

Rund 7.800 Landwirte griffen zu, vor allem Milcherzeuger. Etwa ein Drittel der Anträge kam aus Bayern, der große Rest aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. "7.800 Betrieben konnten wir auf diese Weise etwas Luft verschaffen. Das ist eine gute Nachricht", sagte Schmidt zur Akzeptanz des Programms. Eine zweite Auflage ist nicht ausgeschlossen.

Bauern machen den Molkereien Beine

Für das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft, wirtschaftspolitisch stark auf Marktwirtschaft getrimmt, riecht das nach Fortsetzung früherer Subventionspolitik. Von der müsse man sich aber auf sozialverträgliche Weise verabschieden, sagt Tobias Hentze, als Volkswirt zuständig für das Thema "Finanzpolitik" beim IW in Köln. Außerdem besäßen die Einkäufer im Lebensmittelmarkt eine Marktmacht, "die nicht zu dem passt, was wir uns unter Marktwirtschaft vorstellen." Deshalb gebe es – bei aller Kritik im Grundsätzlichen – "durchaus ein gewisses Verständnis" für die Beihilfen.

Der Bauernverband begrüßt die Beihilfen, hat sich aber auch Gedanken über eine marktwirtschaftliche Reaktion auf den Preisdruck gemacht. So hat er die Molkereien aufgefordert, nicht nur in einige wenige Länder zu exportieren, sondern den Absatz zu verteilen, um einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden. Außerdem sollten sich die Molkereien zusammentun, um der Nachfragemacht von Edeka, Rewe, Aldi & Co. Paroli bieten zu können. "Das Wettbewerbsrecht böte Möglichkeiten, sich durch Kooperationen oder Fusionen zu gleichwertigen Verhandlungspartnern zu entwickeln." Auch sollten die Molkereien Preisrisiken an Warenterminbörsen absichern, um "den Erzeugern eine längerfristige Preisplanung zu ermöglichen."

Die Bürokratie ist gut beschäftigt

Schneller sind erst einmal die staatlichen Beihilfen. Die dürften "die notwendigen Marktanpassungsprozesse nicht durch vorschnelle Politikmaßnahmen aushebeln", verlangt der Kieler Professor Thiele. Doch das sei in diesem Fall kaum gegeben. Richtig sei, dass in der aktuellen Situation auch sonst wettbewerbsfähige Betriebe in eine schwierige Liquiditätslage gekommen seien.

Es geht auch ohne Staat

Überproduktion kennzeichnete lange die Folgen einer europäischen Agrarpolitik, die wenig mit Markt, dafür viel mit Subventionen zu tun hatte. "Milchseen" und "Butterberge" waren die Schlagworte dafür. Schon 1960 hatte Theodor Sonnemann als Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium behauptet: "Wir können es uns einfach nicht leisten, Agrarpolitik mit dem ökonomischen Verstand zu betreiben."

Später ging das. "Weitgehend ohne staatliche Unterstützung ist Deutschland etwa seit Mitte der 1990er Jahre beim Schweine- und Geflügelfleisch vom Nettoimporteur zum Nettoexporteur aufgestiegen", heißt es in einer Publikation der Landwirtschaftlichen Rentenbank.

Der Preis dafür: ein Strukturwandel, den kleinere bäuerliche Betriebe nicht aushielten. "So schrumpfte etwa die Zahl der schweinehaltenden Betriebe zwischen 2010 und 2013 deutlich um 54 Prozent auf rund 28.000 Betriebe", berichtete die Bank. Im Gegenzug nahm die durchschnittliche Betriebsgröße deutlich zu.

Das eine Viertel der Betriebe, das auch in guten Zeiten eher schlechte Betriebsergebnisse erwirtschaftete, habe es zuerst erwischt. Es werde nun aber nicht künstlich über Wasser gehalten. Denn die Liquiditätshilfen, so Thiele, seien "so zurückhaltend ausgestaltet, dass sie keine Marktverwerfungen hervorrufen". Hört sich an, als ob sie nichts Schlechtes, aber auch kaum Gutes bewirkten. Immerhin ist die Förderbürokratie beschäftigt.

Für die Grünen lief und läuft die Agrarpolitik in die falsche Richtung: Friedrich Ostendorff, ihr agrarpolitischer Sprecher, kritisiert deshalb auch die aktuellen Liquiditätshilfen für die Milchwirtschaft. Sie stabilisierten eine eher industrielle Landwirtschaft. "Notwendig ist endlich eine Umkehr und Neuausrichtung der Landwirtschaft zugunsten der bäuerlichen Betriebe."

Landwirtschaft in Deutschland

Landwirtschaft beschäftigt Millionen

Kühe auf Biohof

Die Landwirtschaft trägt (2014) 0,7 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Leistung bei. Sie beschäftigt aber rund 1,5 Prozent aller Erwerbstätigen. Ihr Produktionswert von 52,7 Milliarden Euro übertraf den der pharmazeutischen Industrie, die auf 45,1 Milliarden Euro kam.

In der Landwirtschaft sind 1,02 Millionen Arbeitskräfte beschäftigt. Die Hälfte, rund 505.600, sind Familienarbeitskräfte (2013). Hinzu kommen 200.700 ständig angestellte Arbeitskräfte und rund 314.300 Saisonarbeitskräfte.

Zahl der Betriebe sinkt

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe sank zwischen 2007 und 2014 um 10,8 Prozent oder 34.800 auf 286.800 Betriebe, also um jährlich 1,6 Prozent. In den Jahrzehnten zuvor hatte die durchschnittliche jährliche Abnahmerate bei etwa 3 Prozent gelegen. Damals halbierte sich die Zahl der Betriebe alle 20 Jahre.

Es schrumpft vor allem die Zahl der Betriebe mit weniger als 100 Hektar Nutzfläche. Die mit 100 Hektar und mehr nimmt zu, zwischen 2007 und 2014 bundesweit um 3.600 auf 35.400 Betriebe. Sie bewirtschaften 57 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Die Masse der gut 250.000 kleineren Betriebe verfügt über den kleineren Rest.

Rund 70 Prozent aller Betriebe halten Vieh. Es konzentriert sich in den größeren: In einem Viertel aller Betriebe stehen drei Viertel aller Rinder. Die größten Herden leben in Mecklenburg-Vorpommern mit einer Durchschnittsgröße von 227 Tieren.

Roboter als Melkmaschinen

Digitalisierung ist auch in der Landwirtschaft ein Thema: Roboter schaffen es, drei Kühe auf einmal zu melken, Zitzenreinigung inklusive. Auf dem Acker wird mit Satellitensteuerung gesät und geernet. Maschinen kommunizieren mit Maschinen, Mähdrescher und andere Fahrzeuge steuern autonom.

Landleben wird weiterhin gepflegt

Dennoch wird die Romantik des Landlebens gepflegt - und vemarktet. Sechs von zehn Deutschen verbringen ihren Urlaub im eigenen Land, haben Tourismusforscher herausgefunden. Jeder Vierte verreise sogar nur innerhalb der Heimatregion. "Urlaub auf dem Bauernhof" ist beliebt. Etwa 20.000 landwirtschaftliche Betriebe bieten ihn an.

(Text: Michael Braun, Quelle: Deutscher Bauernverband, Situationsbericht 2015/2016)

16.01.2016
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