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merkzettel

Vermeintlicher Angriff in Wismar Linken-Politiker soll Messerattacke erfunden haben

BildPolizei-Schriftzeichen
Aufschrift Polizei auf dem Dach eines Polizeiwagens

Schriftzeichen "Polizei"

(Quelle: colourbox)

VideoLinke suchen Geschlossenheit
Ein Vortrag beim Jahresauftakt der Europäischen Linken.

Beim Jahresauftakt der Europäischen Linken in Berlin war die deutsche Linkspartei um Geschlossenheit bemüht. Zuvor hatte man der 1919 ermordeten Kommunistenführer Liebknecht und Luxemburg gedacht.

(10.01.2016)

von Dominik Rzepka

Diese Tat ließ aufhorchen: 17 Mal sollen Rechtsextreme auf den Linken-Politiker Julian Kinzel eingestochen haben - so berichtete es Kinzel selber. Doch an seiner Darstellung gibt es erhebliche Zweifel. Die Staatsanwaltschaft Schwerin ermittelt gegen ihn - wegen Vortäuschung einer Straftat. 

Die Empörung war groß. Von einem Mordanschlag war die Rede. Von einer feigen Tat. Und von mehreren Neonazis, die den 18-jährigen Linken-Politiker Julian Kinzel vor einer Woche in Wismar mit mehreren Messerstichen verletzt haben sollen. "Er wurde von drei Neonazis unvermittelt niedergeschlagen und als 'schwule Kommunistensau' bezeichnet", schrieben Kinzels Parteifreunde der linken Jugendorganisation "solid" vor wenigen Tagen auf ihrer Internetseite.

Zum Glück habe Kinzel die Angriffe abwehren können, heißt es in der Erklärung weiter. Und, dass die Attacke in eine Zeit falle, in der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und alternative Menschen in Mecklenburg-Vorpommern zunähmen. Kinzel selbst erklärte, die Antwort auf Hass müsse Liebe sein, auf Dummheit Vernunft und auf Gewalt Solidarität. "Lasst uns dieses Ereignis zum Anlass nehmen, solchen Ideologien durch mehr Menschlichkeit vorzubeugen", schrieb er.

Ermittler: Verletzungen stimmen nicht mit Tathergang überein

Inzwischen ist klar: An der Schilderung Kinzels gibt es erhebliche Zweifel. Seine Verletzungen stimmten nicht mit dem von ihm geschilderten Tathergang überein, heißt es bei der Staatsanwaltschaft Schwerin. Die Ermittler gehen davon aus, dass sich Kinzel seine Verletzungen selbst zugefügt hat. "Die Staatsanwaltschaft hat daher gegen den Anzeigenerstatter ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Vortäuschung einer Straftat eingeleitet", sagt Stefan Urbanek, Sprecher der Staatsanwaltschaft Schwerin.

Stutzig gemacht habe die Ermittler auch, dass Kinzel die Tat mit einer Verzögerung von einem Tag gemeldet hatte - per Online-Anzeige. "Das ist bei so einer Tat eher unüblich", sagt Isabel Wenzel, Sprecherin des Polizeipräsidiums Rostock heute.de. Durch die späte Anzeige hätten keine Zeugen befragt werden können. Auch Verdächtige konnten nicht ermittelt werden. 

Polizei kritisiert Linken-Chefin Katja Kipping

Wenzel kritisierte auch die Berichterstattung der linken Zeitung "Neues Deutschland" (ND). Dort sei von einem Mordanschlag auf Kinzel geschrieben worden, ohne dass es eine Rückfrage bei der Polizei gegeben habe. "Das fand ich erschreckend", sagt sie. Auch die Führung der Linkspartei habe die Meldung unkritisch wiederholt. Parteichefin Katja Kipping und Fraktionschef Dietmar Bartsch seien auf einen Zug aufgesprungen, ohne dass es Beweise gegeben habe.

Von einem Fehler spricht ND-Chefredakteur Tom Strohschneider. Die Überschrift sei zu stark zugespitzt gewesen, "was zweifellos zu weit ging", sagte er heute.de. Eine Sprecherin der Linken teilte mit, die Vorsitzenden der Partei würden sich nicht an Spekulationen beteiligen oder den Vorgang kommentieren, so lange die Ermittlungen nicht abgeschlossen seien. Die Jugendorganisation "solid" sowie Kinzel selbst waren bisher nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Die Staatsanwaltschaft Schwerin weist derweil ausdrücklich auf die Unschuldsvermutung hin. Sie teilt aber auch mit, dass Kinzel eine Geldstrafe wegen Vortäuschung einer Straftat droht. Auch eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren sei denkbar.

Dem Autor bei Twitter folgen: @dominikrzepka

11.01.2016
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